Die HMT Leipzig bildet künftig keine Musicaldarsteller mehr aus. (Foto: Dominik Lapp)
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Ein Trauerspiel: Die Abschaffung der Musicalausbildung in Leipzig

Leipzig im Dezember 2011. Zwei Tage vor Weihnachten erreichte die Studenten des Studiengangs Musical an der Hochschule für Musik und Theater (HMT) Leipzig eine E-Mail ihres Rektors Robert Ehrlich. „Studierende an der HMT erwarten zu Recht eine erstklassige und breit gefächerte Berufsausbildung. Die Qualität der Musicalausbildung erfüllt weder die Ansprüche des Hauses noch die Maßstäbe vergleichbar prominenter Ausbildungsstätten. Es ist daher keine vertretbare Option, den aktuellen Stand beizubehalten“, heißt es in der elektronischen Hiobsbotschaft des Hochschulrektors. Im Klartext heißt das, dass die HMT Leipzig künftig keine Musicaldarsteller mehr ausbilden wird. Doch wie kam es dazu?

Im Frühjahr 2011 wandten sich die Musicalstudenten der HMT erstmals an das Rektorat, weil sie mit dem Hauptfachunterricht Gesang nicht mehr zufrieden waren. „Der Unterricht entsprach unserer Meinung nach nicht mehr vollumfänglich dem hohen Ausbildungsstandard in Deutschland“, sagt die Sprecherin des Studierendenrats, Jennifer Siemann. Die Studenten forderten, dass das Fach Gesang von Lehrkräften unterrichtet werden sollte, die umfangreiche Bühnenerfahrung vorweisen können. Zur Freude der Nachwuchskünstler reagierte das Rektorat sofort auf den Wunsch und stellte mit Cornelia Drese, Christian Alexander Müller und Mark Garcia drei bestens qualifizierte Lehrbeauftragte ein, die schon in zahlreichen Musicals mitgewirkt haben. „Wir Studenten hatten teilweise schon Privatunterricht bei den drei Lehrbeauftragen“, so Siemann.

Professorin kann nicht entlassen werden

Es hätte so schön sein können. Wäre da nicht das deutsche Beamtenrecht an Universitäten. Während die Studenten allesamt zu den neuen Dozenten wechselten, zeigte sich die bisherige Gesangsprofessorin uneinsichtig. „Sie hätte einsehen müssen, welche schwerwiegenden Mängel die Ausbildung hatte“, beklagt die Studierendenratssprecherin. Die Studenten hatten sich gewünscht, dass die drei neuen Lehrbeauftragten den Gesangsunterricht komplett übernehmen würden. Doch sie hatten die Rechnung ohne ihre Professorin gemacht. Bei einer gerichtlichen Auseinandersetzung, die mit einem Vergleich endete, zeigte sich, dass eine verbeamtete Professorin nicht entlassen werden kann. Auch ein freiwilliges Ausscheiden war für die Professorin keine Option.

Geld ist ein wichtiger Faktor

Ein wichtiger Faktor dürfte das Geld gewesen sein. Die Studenten wollten von ihrer bisherigen Dozentin nicht mehr unterrichtet werden. Eine Entlassung oder Versetzung kam aufgrund des deutschen Beamtenrechts aber nicht in Frage. Die unkündbare Professorin hätte also, auch ohne zu unterrichten, weiterbezahlt werden müssen, während die Honorare für die drei zusätzlichen Lehrbeauftragten weitere Kosten verursacht hätten. Kosten, die die Hochschule vielleicht zu stark belastet hätten. „Zur Kompensation wäre mindestens eine neue Stelle nötig gewesen“, weiß Jennifer Siemann. Dabei hätte eine Stiftungsprofessur finanzielle Abhilfe geschaffen, für die es angeblich sogar einen Geldgeber aus der freien Wirtschaft gab.

Nicht im Sinne der Studenten gehandelt

Das Rektorat der Hochschule machte in seiner schriftlichen Stellungnahme sogar klar, dass man dem eigenen Personal im Studiengang Musical nicht mehr vertraue. „Die erforderlich klare künstlerisch-pädagogische Leitung eines Studiengangs setzt die Leitung durch kompetente, berufserfahrene Professor/innen voraus. Dies ist nach Einschätzung der Senatskommission derzeit nur in einer der drei Säulen der Musicalausbildung gegeben“, heißt es darin. Dennoch wurde nicht im Sinne der Studenten und zukünftigen Studenten gehandelt.

Älteste Musikhochschule Deutschlands ohne Musicalausbildung

Es kam also, wie es kommen musste: Der Rektor der HMT Leipzig hatte zwar eingesehen, dass es im Musicalstudiengang seines altehrwürdigen Lehrinstituts künstlerisch-pädagogische Defizite gab. Doch eine unkündbare Professorin und Gelder, die die Hochschule nicht aufbringen konnte oder wollte, führten letztendlich zur Schließung des Studiengangs Musical in Leipzig. Bereits zum Wintersemester 2011/2012 wurden erstmals keine neuen Studenten immatrikuliert. Schon da kündigte sich das Ende der Musicalausbildung in den neuen Bundesländern an. Nun ist es traurige Gewissheit: An der ältesten Musikhochschule Deutschlands werden künftig keine Musicaldarsteller mehr ausgebildet.

Wütend darüber sind nicht nur die aktuellen Studenten, die aber immerhin das vertraglich zugesicherte Recht haben, ihr Studium ordentlich zu beenden, sondern auch viele junge Leute, die den Beruf des Musicaldarstellers anstreben und die HMT Leipzig als mögliches Ausbildungsinstitut ins Auge gefasst hatten. „Klar, es gibt andere Schulen. Aber Leipzig war bereit für Konkurrenz und hatte einfach viele Perspektiven. Es ist schade und traurig, dass die Kunst und die Liebe der Schüler in den Hintergrund rückt“, schreibt der Lehrbeauftragte Christian Alexander Müller, der ein Teil der Musical Tenors ist und Hauptrollen in Musicals wie „Aida“ und „Das Phantom der Oper“ spielte, auf seiner Facebook-Seite.

Wie geht es weiter für die letzten zwölf Musicalstudenten?

„Mit der Entscheidung, den Musicalstudiengang in Leipzig zu schließen, manifestiert man das Land Sachsen als einen rückschrittlichen konservativen Kulturstandort, von dem man in Zukunft keine wesentlichen Impulse mehr für die populäre moderne Musik erwarten kann“, kommentiert seine Kollegin Cornelia Drese die aktuelle Situation.

Während die letzten zwölf Leipziger Musicalstudenten darauf hoffen, ihr Studium bei den drei neuen Lehrbeauftragten fortführen zu können, sieht Drese es realistischer. „Als Lehrbeauftragter bekommt man immer nur einen befristeten Vertrag für ein Semester. Zwar ist es bis zum neuen Semester noch einige Zeit hin. Wie ich aber aus der Begründung des Rektors gelesen habe, sind die Gelder für unsere zusätzlichen Stellen für die kommenden Semester nicht weiter verfügbar“, sagt sie. Doch auch Jennifer Siemann weiß: „Das Schlimmste, was uns jetzt noch passieren könnte, ist, dass die neuen Gesangslehrer gehen müssen oder wollen.“

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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