Bruno Grassini (Foto: Dominik Lapp)
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Bruno Grassini im Porträt: „Ich sah nicht arisch genug aus“

Die schönste Stimme nördlich der Alpen. Das schrieb die Presse einst über Bruno Grassini. Der Musicaldarsteller mit den italienischen Wurzeln, der vor allem im deutschsprachigen Raum bekannt wurde, steht seit mehr als 30 Jahren auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Viele kennen ihn als Lucheni im Musical „Elisabeth“, als Schattenmann in „Ludwig²“ oder in der Titelrolle in „Jekyll & Hyde“. Bei der Weltpremiere des mittlerweile völlig in Vergessenheit geratenen Musicals „Der Herr der Ringe“ in Berlin übernahm Bruno Grassini die Rolle des Hobbits Bilbo Beutlin.

Doch wie führte sein Weg auf die Bühne? Verantwortlich dafür waren seine Mutter, eine Gitarre und die Chansons von Edith Piaf und Jacques Brel. „Ich wuchs im katholischen Italien auf, und die Unternehmungen, die meine Mutter erlaubte, waren begrenzt“, erinnert sich Bruno Grassini. „So durfte ich dem Knabenchor beitreten, wo ich als Sopran eingesetzt wurde.“ Nach dem Stimmbruch war das jedoch nicht mehr möglich. „Dann kam aber eine Gitarre in mein Leben, und später – durch das Fernsehen – noch die Chansons von Edith Piaf und Jacques Brel.“ Die Intensität von Chansons, diese Verbindung von Musik und Schauspiel, hatten Grassini fasziniert und ließen ihn nicht mehr los.

Über Triest nach Wien

Zunächst führte sein Weg jedoch nach Triest, um Sprache an der Universität zu studieren, nachdem er sich schon zuvor auf dem Gymnasium insbesondere für die deutsche Sprache interessierte. So folgte eine Ausbildung zum Dolmetscher und Übersetzer, er nahm aber auch klassischen Gesangsunterricht bei Laura di Sario-Zibai, einer Schülerin der italienischen Sopranistin Toti dal Monte. „Im Sommer hatte ich Wien kennen gelernt und die Stadt auserkoren, um dort die deutsche Sprache zu praktizieren“, erinnert sich der Sänger. „Für den Beruf des Übersetzers verlor ich irgendwann das Feuer. Aber der Wunsch zu singen, wuchs weiter, nachdem ich in Wien Musicals wie ‚Das Phantom der Oper‘ oder ‚Freudiana‘ gesehen hatte.“

Bruno Grassini ließ alles in Triest stehen und ging nach Wien. „Ohne einen Groschen“, wie er sagt. Dort fand er ein Zimmer für 1.000 Schilling (umgerechnet 70 Euro) im Monat, sang schon im Sommer zuvor mit der Gitarre auf der Kärntner Straße und machte letztendlich die Aufnahmeprüfung am Konservatorium. „Ich habe seit meinem klassischen Gesangsunterricht eine ungebrochene Liebe zur Oper, aber damals in Wien stellten sich meine Weichen auf Musical.“ Schon während seiner Ausbildung erhielt Grassini in Wien die ersten Engagements, der Durchbruch als Musicaldarsteller gelang ihm 1994 als Luigi Lucheni im Musical „Elisabeth“. Vier Jahre spielte er diese Rolle in Wien, die er später noch in vielen weiteren Städten wie Stuttgart, Berlin, Triest und sogar in Japan übernahm.

Bruno Grassini (Foto: Dominik Lapp)

Viele Traumrollen gespielt

„Ich halte mich für einen vom Glück begleiteten Musicalsänger, weil ich viele meiner Traumrollen spielen durfte“, sagt Bruno Grassini heute. Dazu zählt er neben Lucheni in „Elisabeth“ die Titelrolle in „Jekyll & Hyde“, Anatoly in „Chess“, Judas in „Jesus Christ Superstar“ und Jean-Michel in „La Cage aux Folles“. Besonders mit der Rolle des Lucheni hat er sich intensiv beschäftigt und erinnert sich: „Ich hatte die Rolle schon gespielt, ohne Lucheni zu kennen. Aber ich habe ihn kennen gelernt, als ich seine Tagebücher las, die er im Gefängnis geschrieben hat.“

Der Text als Basis

Wenn Bruno Grassini eine Rolle wie Lucheni erarbeitet, möchte er die Hintergrundinformationen zu seiner Rolle am liebsten später und noch nicht im Probenprozess bekommen. „In den Proben bin ich mit mir selbst beschäftigt und stelle mir die Frage, warum die Figur so handelt und wie die Körperlichkeit ist“, sagt Grassini. „Wenn mir später noch etwas fehlt an der Rolle, dann hole ich es mir aus dem Topf der verfügbaren Informationen – aber hinterher. Denn meine Kreativität und meine Fantasie würden in einem früheren Stadium durch die verfügbaren Informationen manipuliert werden. Dann entwickelt es sich nicht so frei wie es sich entwickeln würde, wenn ich die ganzen Hintergrundinformationen gar nicht hätte“.

Bruno Grassini sagt, er verfolge damit sicherlich einen anderen Ansatz als viele seiner Kolleginnen und Kollegen. Doch er stelle sich die Frage: „Ist es förderlich, wenn ich mich erst mit den Informationen zu einer Rolle beschäftige und mir dann den Text vornehmen? Oder ist es vielleicht sogar ein Hindernis?“ Als Schauspieler sei er verantwortlich für die Lieferung eines Textes, also sehe er sich zunächst diesen an.

Lucheni war eine Herausforderung

Luigi Lucheni, der Attentäter der österreichischen Kaiserin Elisabeth, ist für Bruno Grassini eine herausfordernde Rolle gewesen. „Denn Lucheni ist der Störenfried im Stück, also keine Figur, mit der sich das Publikum identifiziert. Er sagt die ungeliebte Wahrheit.“ Zudem stand der Künstler vor der Herausforderung, keine direkten Spielpartner zu haben. „Weil er als Erzähler und Kommentator für die anderen Charaktere unsichtbar ist“, erklärt Grassini. „Das war komfortabel, manchmal fehlte mir aber auch etwas.“

Bruno Grassini (Foto: Dominik Lapp)

Seine Rollen kann er nur schwer loslassen

Längst hat sich „Elisabeth“ zu einem Kult-Musical entwickelt. Einen großen Fan-Kult gibt es auch rund um das Musical „Ludwig²“, zu dessen Originalbesetzung Bruno Grassini gehörte. Wieder spielte er einen Attentäter. Dieses Mal allerdings einen Auftragsmörder, bezeichnet als Schattenmann. „Die optische Inspiration für den Schattenmann war Wotan aus Wagners ‚Ring des Nibelungen‘“, erzählt der Darsteller. Etwa 400 Vorstellungen spielte er als Schattenmann. Die Neuinszenierung von „Ludwig²“, wie sie heute in Füssen gezeigt wird, hat er sich jedoch nicht angesehen – aus einem guten Grund.

„Ich bin etwas eifersüchtig. Man könnte es auch verbohrt oder engstirnig nennen“, sagt Bruno Grassini. Denn er habe sich seine Rollen immer zu eigen gemacht und könne sie nur schwer loslassen. „Aber mittlerweile bin ich älter geworden und vielleicht bereit, mir nun auch Kollegen in den Rollen anzusehen, die ich früher gespielt habe.“

Nicht „arisch“ genug für den Schattenmann?

Wenn er heute an „Ludwig²“ zurückdenkt, fällt ihm sofort etwas ein, das ihn damals im Nachhinein sprachlos machte und auch heute ein No-go darstellt. „Aus den Meetings des Kreativteams der Audition-Jury sickerte damals durch, dass man über mich sagte, ich würde für die Rolle des Schattenmanns nicht arisch genug aussehen.“ Letztendlich zählte dann doch Grassinis Talent und er bekam die Rolle.

„Aber es ist etwas, woran ich immer noch zu knabbern habe. Dass das deutschsprachige Musical noch immer so typfixiert ist, gefällt mir nicht“, sagt der Sänger. Und er führt weiter aus: „Es darf doch nicht um den Typ gehen, sondern darum, dass mir das Publikum die Rolle abkauft. Ich muss doch nicht wie Napoleon aussehen, sondern dem Publikum zeigen, dass ich es bin!“

Das so genannte Type-Casting stört Bruno Grassini deshalb massiv. „Wir brauchen diese Schubladen nicht. Das Leben ist nicht in Schubladen einzuordnen, Menschen sollten nicht in Schubladen gesteckt werden und das Theater erst recht nicht.“

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".