„Spring Awakening“ (Foto: Dominik Lapp)
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Aufwühlend und packend: „Spring Awakening“ in Essen

Das ist schon ein aufwühlender und packender Stoff, den die Folkwang Universität der Künste in der Neuen Aula in Essen spielt: Mit „Spring Awakening“ zeigt die renommierte Talentschmiede, die unter anderem im Jahr 2017 mit dem neuen Musical „Goethe!“ für Aufsehen sorgte, ein Rock-Musical von Duncan Sheik (Musik) und Steven Sater (Buch), das von den Studenten des dritten und vierten Jahrgangs grandios bewältigt wird, während sich zwei ältere Gastdarsteller die Rollen aller Erwachsenen teilen. Es ist ein zeitloses Musical, das auf Frank Wedekinds gleichnamigen Drama basiert und dessen Storyline nichts an Aktualität verloren hat.

Das Bühnenbild von Britta Tönne ist karg, aber absolut passend, besteht es doch lediglich aus einer schwarzen Quarterpipe, wie man sie sonst zum Beispiel beim Skateboarding einsetzt. Das ist so einfach wie genial, verbindet das Ende des 19. Jahrhunderts – wo die Handlung spielt – exzellent mit der Gegenwart und bietet dem Publikum viel Platz für Interpretation. Dabei dient die Quarterpipe genauso als Klassenzimmer wie als Heuboden, als Friedhof wie als Korrektionsanstalt. Bestens unterstützt werden die Szenen durch ein stimmungsvolles Lichtdesign und die zeitgemäßen, ebenfalls von Britta Tönne entworfenen Kostüme.

Alle Rollen wurden durch die Bank weg perfekt besetzt. Insbesondere Lara Hofmann in der Rolle der Wendla kann von Anfang an überzeugen. Sie spielt wunderbar das unschuldige Mädchen, das von der Mutter keine Antworten auf seine Fragen zur Sexualität erhält. In der beklemmend wirkenden Szene, in der Wendla mit Melchior den Geschlechtsakt vollzieht, gelingt es Hofmann, sowohl die Neugierde und Lust als auch die Verzweiflung und Unwissenheit über das, was dort gerade zwischen den Jugendlichen geschieht, völlig glaubwürdig und realistisch darzustellen. Darüber hinaus lässt sie mit ihrer glasklaren, wunderschön gefärbten Stimme aufhorchen und macht sich jeden Song zu eigen.

„Spring Awakening“ (Foto: Dominik Lapp)

Florian Sigmund gibt einen aufklärerischen und fast schon revolutionären Melchior, der wie Wendla von den Erwachsenen mit seinen Fragen alleingelassen wird und sich daraufhin die Antworten selbst gibt und diese in einem Aufsatz niederschreibt. Seine Songs intoniert er mit kräftiger Stimme, vor allem bei der Nummer „Im Arsch“ geht er völlig aus sich heraus und bringt mit seinen Mitspielern die Bühne im wahrsten Sinne des Wortes zum Beben.

Den versetzungsgefährdeten Moritz spielt Alejandro Nicolás Firlei Fernández, der optisch ein wenig an Lin-Manuel Miranda in der Rolle des Alexander Hamilton erinnert und schauspielerisch wie gesanglich eine exzellente Leistung bringt. Ihm gelingt es authentisch, den Schüler darzustellen, der sich dem Druck aus Schule und Elternhaus nicht beugen kann und aus der Verzweiflung heraus Selbstmord begeht.

Aus ihrer vergleichsweise kleinen Rolle vermag zudem Zoe Staubli als Martha alles herauszuholen. Sie gefällt gesanglich und setzt vor allem schauspielerische Glanzpunkte, wenn sie als das unter häuslicher Gewalt leidende Mädchen am Bühnenrand kniet und ihr Körper vor Wut zu zittern beginnt. Ebenso grandios singt und spielt aber auch Jessica Trocha, die als Ilse durch ihre starke Bühnenpräsenz positiv auffällt.

„Spring Awakening“ (Foto: Dominik Lapp)

Mit enormer Bühnenpräsenz vermögen allerdings ebenso Nico Hartwig als Hans, Myriam Akhoundov als Anna, Sophie Vivien Riedl als Thea, Lukas Mayer als Otto, Leon Petzold als Ernst und Michael Berres als Georg das Publikum zu begeistern. Das hervorragende Zusammenspiel aller Mitwirkenden beweist nicht nur das hohe Folkwang-Ausbildungsniveau, sondern auch wie sehr „Spring Awakening“ von einer homogen agierenden Darstellerriege lebt. Neben den jungen Nachwuchsdarstellern können auch Thorsten Ritz und Hella-Birgit Mascus bestehen, die alle erwachsenen Parts übernehmen. Beide agieren ausdrucksstark und souverän in ihren Rollen – als Lehrer wie als Eltern.

Regisseurin Nicole C. Weber schafft mit ihrer Inszenierung von „Spring Awakening“ viele intime, eindringliche, unter die Haut gehende Momente. Die einzelnen Charaktere hat Weber stark herausgearbeitet und lässt sie Bilder mit einer enormen Strahlkraft malen. Perfekt ergänzt werden diese Bilder durch die rockig-dynamische Choreografie von Natalie Holtom, die die Darsteller immer wieder geradezu ausflippen und laut auf die Bühne stampfen lässt.

Für eine musikalisch glänzende Umsetzung sorgt unter der Leitung von Patricia Martin eine sechsköpfige Band, die im hinteren Bühnenbereich platziert wurde. Die Musiker spielen kraftvoll und transportieren den größten Pluspunkt der Show in den Vordergrund – die starke Musik, eine Rock-Pop-Partitur aus der Feder von Duncan Sheik, dessen Haltung zum Musiktheater laut eigener Aussage eher abstoßend war – bis er die Musik zu „Spring Awakening“ komponierte. Kein Wunder, denn dieses Stück ist wirklich ein Kleinod.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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