„Pretty Woman“ (Foto: Dominik Lapp)
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Vom Film zum Musical: „Pretty Woman“ in Hamburg

Die Story vom amerikanischen Geschäftsmann Edward, der sich in die Prostituierte Vivian verliebt, ist bald 30 Jahre alt. Im Jahr 1990 kam der Film „Pretty Woman“ in die Kinos, 2018 folgte die Uraufführung der gleichnamigen Musicaladaption in Chicago, die jetzt ihre Europapremiere im Theater an der Elbe in Hamburg gefeiert hat. Und so viel sei vorweggenommen: Das Musical „Pretty Woman“ verspricht einen Abend voll Freude und guter Unterhaltung und muss den Vergleich mit dem Film nicht scheuen – denn das, was auf der Bühne geboten wird, ist äußerst sehenswert.

Freunde des Films wird es freuen, dass sich das Musical sehr stark an dem Hollywood-Streifen orientiert. Das Buch von Garry Marshall und J. F. Lawton ist dabei nah an Lawtons Filmdrehbuch. Getragen wird die Story auf der Musicalbühne allerdings besonders von der Musik, die kein Geringerer als Bryan Adams mit seinem langjährigen Partner Jim Vallance geschrieben hat. Adams hätte es sich gewiss leicht machen und für „Pretty Woman“ einfach seine größten Hits zweitverwerten können. Hat er aber nicht.

Stattdessen schufen er und Vallance eine Partitur, in der sich gefällige Popballaden mit gut ins Ohr gehenden Mid- und Up-Tempo-Songs wunderbar abwechseln, die vom Orchester unter der Leitung von Aday Roriguez Toledo bestens intoniert werden. Dennoch plätschert die Musik mit angezogener Handbremse im ersten Akt noch etwas vor sich hin und bietet lediglich mit den Songs „Rodeo Drive“ und „Ein Superstar“ zwei echte Highlights. Im zweiten Akt wird dagegen ordentlich an Tempo zugelegt, die Songs klingen wesentlich rockiger und heizen die Stimmung im Saal an.

Mittlerweile immer häufiger wird bei Musicalproduktionen auf einen Vorhang verzichtet. Und so haben auch die Zuschauer bei „Pretty Woman“ beim Betreten des Zuschauerraums sofort freien Blick auf die Bühne und finden sich hinter dem weltbekannten Hollywood-Schriftzug wieder, der sogleich erahnen lässt, dass das Stück auch optisch etwas zu bieten hat.

„Pretty Woman“ (Foto: Dominik Lapp)

Das kitschig-glamouröse Bühnenbild von David Rockwell erzeugt in Kombination mit dem stimmigen Lichtdesign von Kenneth Posner und  Philip S. Rosenberg eine sehr schöne Stimmung, ohne die Szenen zu überladen – so stehen die Charaktere im Fokus der Inszenierung. Das optisch hochwertige Erscheinungsbild wird weiter vervollständigt durch die herausragenden und farbenfrohen Kostüme von Gregg Barnes, der sich vor allem im zweiten Akt bei Vivians Outfits ausgetobt hat.

Regisseur Jerry Mitchell erzählt die Handlung in einem angenehm fließenden Tempo, so dass keinerlei Langeweil aufkommt. Auch hält er sich nicht an Unwichtigkeiten auf und räumt den einzelnen Charakteren ausreichend Platz zur Konturenzeichnung ein. Ebenso hat Mitchell bei seiner Choreografie eine schöne Balance zwischen energiegeladenen Tanzszenen und angenehmer Zurückhaltung gefunden.

Das schwerste Päckchen auf der Bühne zu tragen haben wohl Patricia Meeden als Vivian und Mark Seibert als Edward, die in ihren Rollen schließlich in die Fußstapfen der Hollywood-Größen Julia Roberts und Richard Gere treten. Doch beide schaffen es durch enorme Bühnenpräsenz und Authentizität, ihre berühmten Rollenvorgänger gänzlich vergessen zu machen.

Mit Patricia Meeden hat man die Rolle der Vivian schon optisch ganz anders besetzt als man es wohl erwartet hätte. Darüber hinaus gelingt ihr eine starke Charakterzeichnung, mit der sie Vivian ihren eigenen Stempel aufdrückt. Ihre Vivian entwickelt sich von der verdorbenen Hure zu einer strahlenden Diva. Dabei wirkt Patricia Meeden genauso spontan wie natürlich, genauso mitreißend wie elektrisierend. Außerdem überzeugt sie wie gewohnt mit ihrem strahlend schönen Gesang, und sie weiß ihre dunkel legierte Powerstimme bestens einzusetzen sowie in den Höhen fantastisch zu variieren.

„Pretty Woman“ (Foto: Dominik Lapp)

Einen ebenso glänzenden Auftritt legt Mark Seibert als Edward hin. Im Zusammenspiel mit Patricia Meeden läuft er zu Hochtouren auf. Das Paar wirkt zeitweise wie Henry Higgins und Eliza Doolittle aus „My Fair Lady“, wenn sie sich streiten und lieben. Seibert ist zwar nicht der graumelierte Geschäftsmann, den man aufgrund von Richard Geres Filmdarstellung vielleicht im Kopf haben mag. Doch wirkt er nicht weniger anziehend als kalter und herzloser Sunny-Boy. Schauspielerisch hat er die Rolle vollkommen verinnerlicht und gesanglich fasziniert er mit seinem klaren Tenor.

Der heimliche Star der Produktion ist jedoch Maricel in der Rolle von Vivians Freundin Kit De Luca, die ihr wie auf den Leib geschrieben wurde. Sie steht immerzu im Fokus der Aufmerksamkeit, sobald sie mit ihrer voluminösen Rockröhre auch nur einen Ton singt. Ein Höhepunkt ist dabei die große Nummer „Rodeo Drive“, bei der sie das Ensemble exzellent anführt. Aber auch schauspielerisch nutzt sie jede Szene perfekt, beweist ein super Gespür für Timing und einen tollen Hang zur Komik.

Rollendeckend agiert Paul Kribbe einerseits in der Rolle des Happy Man als eine Art Erzähler und andererseits in der Rolle des Mr. Thompson als geduldiger Hotelmanager, der sein Herz am rechten Fleck hat. Nigel Casey gibt Edwards Geschäftspartner Philip Stuckey wunderbar schmierig, und auch der großartige Frank Logemann ist als Schiffsbauer James Morse äußerst routiniert. Weiterhin sind selbst die kleineren Rollen exzellent besetzt, zum Beispiel die Rolle des Pagen Giulio mit Johnny Galeandro, der etliche Lacher auf seiner Seite hat, oder auch Philipp Dietrich als Neffe von James Morse.

Die Spielfreude der Darsteller, auch des Ensembles, überträgt sich generell sehr schnell auf die Zuschauer, die es am Schluss nicht lange auf den Sitzen hält, wenn der ganze Saal zum Nummer-eins-Hit „Pretty Woman“ aus dem Jahr 1964 feiert. Definitiv also ein sehenswertes Musical. Zwar ohne Suchtpotenzial, aber wirklich unterhaltsam.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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