„Die Päpstin“ (Foto: Dominik Lapp)
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Packend-puristisch: „Die Päpstin“ in Stuttgart

Der Mythos von der Päpstin hält sich seit vielen Jahrhunderten, der auf diesem Mythos basierende Roman von Donna W. Cross ist weltbekannt, und auch das wiederum darauf basierende Musical „Die Päpstin“ erfreut sich seit seiner Uraufführung im Jahr 2011 in Fulda äußerst großer Beliebtheit. Die dort gezeigte Originalinszenierung von Stanislav Moša begeistert nach wie vor mit ihrer opulenten Ausstattung. Doch dass die Geschichte auch in einem puristischen Bühnenbild sehr gut erzählt werden kann, beweist die Neuinszenierung von Benjamin Sahler, die im Stuttgarter Theaterhaus zu sehen ist.

So wunderschön die Fuldaer Inszenierung von „Die Päpstin“ mit ihrem gewaltigen Set und den stimmigen Projektionen auch ist – Benjamin Sahler beweist mit seiner reduzierten Inszenierung erst, wie gut das Buch von Christoph Jilo ist, dem es gelungen ist, die fast 600-seitige Romanvorlage hervorragend in einem dreistündigen Bühnenstück zu verpacken. Und Sahler nutzt das, was ihm Jilo an die Hand gegeben hat, auf herausragende Art und Weise.

Er legt den Fokus ganz klar auf die Personenführung sowie Charakterentwicklung und schafft es dadurch, sehr starke Rollenprofile zu zeichnen, deren Motivationen klar erkennbar sind. Bei den beiden Raben, die in der Handlung immer wieder auftauchen, hat sich Benjamin Sahler mit Vera Horn und Julia Sophie Ladner für zwei Vertikaltuchartistinnen entschieden, die in luftiger Höhe eine atemberaubende Leistung bringen. Als geradezu genial erweist sich zudem die dynamische Choreografie von Stefanie Gröning und dass das Ensemble die Umbauten auf der offenen Bühne selbst vornimmt, was glücklicherweise immer stimmig und zu keiner Zeit billig oder störend wirkt.

Das Bühnenbild von Andreas Arneth ist deshalb bewusst minimalistisch gehalten und besteht aus fahrbaren Holzkonstruktionen, mit denen sich ein Kloster genauso wie der Lateranpalast darstellen sowie eine Kirche oder ein Waldstück andeuten lässt. Aus Kisten hingegen entstehen Stühle genauso wie der Papstthron. Durch den entsprechenden Einsatz von Nebel und Licht werden zudem die richtigen Stimmungen und die passende Atmosphäre für die jeweiligen Szenen geschaffen.

Auch die Kostüme von Lisa Rietzler und Raphaela Dörr sind äußerst sehenswert. Sie basieren größtenteils auf historischen Vorlagen und verbreiten so sehr gut das Flair des 9. Jahrhunderts. Lediglich bei der Ordenstracht der Mönche, dem so genannten Habit, erfüllen sie leider ein durch Film und Fernsehen auferlegtes Klischee und zeigen die Mönche im Kloster Fulda im braunen Habit. Dieses jedoch wurde von den Franziskanern, Kapuzinern und den Karmeliten getragen, deren Orden allerdings erst wesentlich später gegründet wurden. Die Mönche im Kloster Fulda hingegen waren Benediktiner, die schwarze Habite trugen. Was es zudem ein wenig erschwert, wirklich ins 9. Jahrhundert einzutauchen, sind die teilweise sichtbaren Tätowierungen einzelner Darsteller, die am Theater normalerweise überschminkt werden.

Doch bei der Besetzung hat man bei „Die Päpstin“ gar nichts dem Zufall überlassen, sondern eine äußerst prominente Darstellerriege verpflichtet. Allen voran ist es Sandy Mölling in der Titelrolle, die eine wirklich starke Leistung bringt. Mölling hat sich mittlerweile vom Popsternchen zu einer überzeugenden Musicaldarstellerin entwickelt, die mit authentischem Schauspiel und emotionalem Gesang zu begeistern vermag. Die Wandlung von der wissbegierigen Johanna, welche die Identität ihres toten Bruders annimmt, bis hin zum berühmten römischen Arzt und späteren Papst Johannes Anglicus gelingt ihr mit Bravour.

„Die Päpstin“ (Foto: Dominik Lapp)

Als starker Antagonist erweist sich David Jakobs. Die Rolle des Anastasius gibt er als den durch seinen Vater in die richtigen Bahnen gelenkten Adelssohn, der erst im Verlauf der Handlung begreift, dass er den Papstthron besteigen will. Dabei ist er nicht von Anfang an böse, sondern entwickelt sich erst mit Fortschreiten der Handlung zum mordenden und nach mehr Macht greifenden Kardinal. Schauspielerisch gelingt Jakobs diese Entwicklung exzellent, gesanglich punktet er dabei mit seiner kraftvollen Stimme.

Hannes Staffler ist als Johannas Vater ebenfalls schauspielerisch wie gesanglich sehr stark, Stefanie Kock holt aus Johannas Mutter Gudrun und der römischen Kurtisane Marioza alles heraus, was ihr die Rollenprofile ermöglichen, wohingegen Uwe Kröger als weiser und sympathischer Aeskulapius souverän wie ein Erzähler durch die Handlung führt. Ein authentischer Strippenzieher, der die Skrupellosigkeit seines Sohnes zu spät erkennt, ist Sebastian Weber in der Rolle des Arsenius, der darüber hinaus als Abt Ratgar eine wunderbar dunkle Stimmung in die Klosterszene bringt.

„Die Päpstin“ (Foto: Dominik Lapp)

Als Markgraf Gerold macht Jan Ammann eine gute Figur. Ihm gelingt es, seine Rolle zwar durchaus ernst zu nehmen, aber auch ein paar amüsante Nuancen auszuspielen, was Gerold menschlicher und nicht nur wie einen Heeresführer erscheinen lässt. Auch das Zusammenspiel mit Sandy Mölling gelingt ihm bestens, außerdem begeistert er gesanglich mit seiner markanten, gefühlvollen Stimme.

Den einzigen Showstopper des Stücks liefert allerdings Chris Murray in der Rolle des Priors Rabanus. Murray versteht es wie gewohnt, selbst so einer kleinen Rolle seinen unverkennbaren Stempel aufzudrücken. Dabei ist er nicht nur schauspielerisch souverän und verleiht dem Prior als Johannas Vertrautem sympathische Züge, sondern wird vom Publikum für seine stimmstarke Interpretation des Songs „Hinter hohen Klostermauern“ stürmisch gefeiert.

„Die Päpstin“ (Foto: Dominik Lapp)

Rollendeckend agiert außerdem Raffaele Bonazza als Kaiser Lothar, Stefanie Gröning gibt als Richhild die wunderbar durchtriebene Ehefrau Gerolds und Jens Rainer Kalkmann überzeugt sowohl in der Rolle des Lebemanns Fulgentius als auch in der Rolle von Papst Sergius. Zudem sind die Kinderrollen wunderbar besetzt. Malte Erik Bernstein ist als kleiner Johannes schauspielerisch wunderbar und Linn Mehnert bleibt als kleine Johanna durch ihre forsche Art positiv in Erinnerung.

So erweist sich das Musical „Die Päpstin“ in der packend-puristischen Inszenierung von Benjamin Sahler als äußerst sehenswert. Denn nicht nur die prominente Besetzung, sondern auch die optische wie künstlerische Umsetzung dieser Produktion ist wirklich gut gelungen. Dass weniger manchmal wirklich mehr ist, wird hier bei „Die Päpstin“ in Stuttgart eindrucksvoll bewiesen.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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