Hamilton, Foto: The Public Theatre / Delfont Mackintosh Theatres
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Innovativer Aufbruch: „Hamilton“ in London

Schon lange vor seiner Ankunft im Londoner Victoria Palace Theatre galt der Broadway-Import „Hamilton“ als Blockbuster. Tickets waren schon rund ein Jahr im Voraus ausverkauft, es werden für das Londoner West End teils eher ungewöhnliche Rekordpreise aufgerufen und um Schwarzmarkthändlern einen Riegel vorzuschieben, wurde ein aufwändiges „Paperless Ticket System“ eingeführt: Tickets bucht man online, bezahlt mit Kreditkarte und erhält lediglich eine personalisierte Bestätigungsmail – diese muss am Tag der Vorstellung, nachdem man sich in die Warteschlange vor dem Theater eingereiht hat, zusammen mit Personalausweis und der Kreditkarte, die für den Bezahlvorgang genutzt wurde, vorgezeigt werden. Erst wenn alles übereinstimmt, werden vor Ort die Tickets ausgedruckt und man muss direkt das Theater betreten, um keine Chance mehr zu bekommen, die Tickets vor dem Theater weiterzuverkaufen.

Am Broadway ist „Hamilton“ seit seiner Uraufführung im Jahr 2015 immer ausverkauft, wurde unter anderem mit elf Tony Awards und dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Und in London, wo das Stück mittlerweile seit einem halben Jahr läuft, zeichnet sich ein ähnlicher Erfolg ab. Bei der Verleihung der Olivier Awards im April 2018 ging die Londoner „Hamilton“-Produktion mit 13 Nominierungen ins Rennen und gewann den begehrten Theaterpreis letztendlich in sieben Kategorien. Ganz klar hat Lin-Manuel Miranda mit „Hamilton“ – ehrlicherweise sogar schon mit dem nicht ganz so populären Vorgängerstück „In the Heights“ (hier unsere Rezension dazu) – einen innovativen Aufbruch markiert, den Musicalmarkt vielleicht ein Stück weit vom traditionellen Musical wegzubewegen.

Weil Miranda sich moderner Sprache, Musik und Rhythmen bedient, um eine Geschichte aus dem 18. Jahrhundert zu erzählen, macht „Hamilton“ vielleicht einen großen Schritt, das Musicalgenre zu verändern. Inspiriert durch Ron Chernows Biografie über Alexander Hamilton, erzählt Lin-Manuel Miranda in seinem Musical die Lebensgeschichte von Alexander Hamilton (1755-1804), der als außereheliches Kind auf einer karibischen Insel geboren wurde, nach Amerika auswanderte und dort eine wichtige Figur der amerikanischen Revolution wurde. Während des Unabhängigkeitskrieges stieg er zu George Washingtons oberstem Berater auf, wurde später Finanzminister in der ersten amerikanischen Regierung, gründete die Nationalbank und ebnete den Weg zur Geburt der Vereinigten Staaten von Amerika, bis er in einem Duell den Tod fand.

Das ist gewiss keine leichte Kost und ziemlich viel Geschichtsunterricht, der in dem durchkomponierten Werk in rund zweieinhalb Stunden durchgepeitscht wird. Was das Stück von anderen Historien-Musicals unterscheidet, ist die Tatsache, dass die Story im Straßenjargon erzählt wird und musikalisch von Hip-Hop, Rap und R’n’B geprägt ist, wobei auch Anleihen aus Jazz und Pop enthalten sind. Zu einer Geschichte, die von rebellierenden jungen Männern handelt, die sich von der britischen Unterdrückung befreien wollen, passt diese besondere Erzählform geradezu perfekt.

Wie schon am Broadway, bilden in London ebenfalls zehn Musiker das Orchester. Unter der Leitung von Richard Beadle kommen im Orchester neben klassischen Instrumenten auch elektronisch-synthetische musikalische Gestaltungsmittel zum Einsatz. Als besonders interessant erweist sich bei der Musik (Orchestrierung: Alex Lacamoire, Arrangements: Alex Lacamoire und Lin-Manuel Miranda), dass den einzelnen Charakteren verschiedene Musikstile zugeordnet sind. So liefern sich Alexander Hamilton, Aaron Burr und Thomas Jefferson starke Rap-Duelle, während den Schuyler-Schwestern Popsongs zugedacht sind, die von King George gesungenen Stücke an Popmusik im Stil der Beatles angelehnt wurden und der Song „What’d I miss“ von Jazz beeinflusst ist.

Genauso treffend wie die Musik sind die Texte von Lin-Manuel Miranda, die den Darstellern mit starker Durchschlagskraft im Schnellfeuerstil über die Lippen gehen – teilweise jedoch so schnell, dass selbst englische Muttersprachler Schwierigkeiten haben dürften, dem genauen Wortlaut zu folgen. Darunter leidet dann letztlich auch ein wenig die Handlung, weil diese aufgrund des durchkomponierten Erzählstils ausschließlich über die Songtexte erzählt wird und es keine unterstützenden Dialoge im klassischen Sinn gibt.

Ein straffes Tempo geben zudem Regisseur Thomas Kail und Choreograf Andy Blankenbuehler vor. Vor allem die berauschende Choreografie mit ihren Hip-Hop-Moves erweist sich als herausragend, denn der von Blankenbuehler gewählte kraftvoll-energiegeladene Bewegungsstil visualisiert jede gespielte Note und jedes gesungene Wort ganz vortrefflich. Dabei nutzt er auch die Möglichkeiten der Drehbühne hervorragend.

Die Regie ist dagegen in einem Korsett aus sehr viel Story, Musik und Choreografie gefangen, so dass die Entwicklung der Charaktere leider ein wenig auf der Strecke bleibt. Ob nun der Tod von Hamiltons ältestem Sohn Philip oder gar Hamiltons Tod selbst berühren kaum, weil den Zuschauern kaum Gelegenheit geboten wird, Sympathien für die Personen zu entwickeln. Wenn Alexander und Eliza Hamilton um den getöteten Sohn trauern, kommt von der Trauer sicher nicht überall im Auditorium etwas an. Das ist einerseits schade, tut andererseits dem Gesamteindruck des fantastischen Stücks aber keinen Abbruch – dafür wird musikalisch und choreografisch einfach zu viel geboten.

„Hamilton“, Foto: Matthew Murphy

Genial inszeniert sind die Nummern „Cabinet Battle #1“ und „Cabinet Battle #2“: Während der Kabinettssitzungen kommt es zu Wortgefechten zwischen Thomas Jefferson und Alexander Hamilton, die erst über die Vor- und Nachteile von Hamiltons Finanzplan und später darüber streiten, ob die Vereinigten Staaten Frankreich in seiner Revolution unterstützen sollten. Dabei treten sich die Kontrahenten mit Handmikrofonen gegenüber und liefern sich ein Rap-Battle, wie man es zum Beispiel von Rapper Eminem aus dem Film „8 Mile“ kennt.

Die männliche Darstellerriege wird von Jamael Westman als Alexander Hamilton angeführt, der in große Fußstapfen tritt, weil die Titelrolle in der Anfangszeit am Broadway von Autor und Komponist Lin-Manuel Miranda persönlich gespielt wurde. Doch Westman weiß zu überzeugen, spielt seine Rolle leidenschaftlich und doch zurückhaltend, wodurch er ein wunderbares Porträt zeichnet von einem Politiker mit Stärken und Schwächen. In seiner Darstellung zeigt er Hamilton einerseits als Hitzkopf, der viel zu viel redet, weshalb ihm Aaron Burr wohl zu Recht „talk less, smile more“ rät. Andererseits gibt Jamael Westman seinen Hamilton als einen scharfsinnigen und zielstrebigen Politiker, als einen intellektuellen und weitsichtigen Menschen. Auch gesanglich lässt er in seinen Songs immerzu aufhorchen.

Doch Giles Terera steht ihm als Gegenspieler in nichts nach. In der Rolle des Aaron Burr ist er nicht der klassische Bösewicht, sondern eine Art kommentierender Erzähler und fast durchgängig auf der Bühne, wo er wirklich jede Szene für sich nutzt. Terera gibt Burr schauspielerisch überzeugend heuchlerisch und hinterhältig und macht seine Songs mit markanter Stimme zu Höhepunkten zahlreicher Szenen. Noch dazu hat er mit „Wait for it“ und „The Room where it happens“ zwei der stärksten Nummern zu singen, die er unnachahmlich gut interpretiert.

Obioma Ugoala vermittelt als George Washington die nötige Autorität des Oberbefehlshabers der Kontinentalarmee und späteren ersten US-Präsidenten, während Michael Jibson als King George III. einen ulkigen Scherzkeks gibt, der sich in England überhaupt nicht für die Belange in Amerika interessiert. Für seine witzige Darstellung – perfekt in Mimik wie Gestik – und seinen tadellos dargebotenen Song „You’ll be back“ erntet er rauschhaften Applaus.

Als Marquis de Lafayette im ersten und als Thomas Jefferson im zweiten Akt gewinnt Jason Pennycooke das Publikum mit starker Stimme und glühendem Schauspiel für sich. Eine solide Gesamtleistung bringen zudem Cleve September als Soldat und Politiker John Laurens und später als Hamiltons Sohn Philip sowie Tarinn Callender in den Rollen von Hercules Mulligan und dem späteren vierten US-Präsidenten James Madison.

Aus der weiblichen Darstellerriege stechen Rachelle Ann Go als Hamiltons emanzipiert-besonnene Ehefrau Eliza und Rachel John als ihre Schwester Angelica Schuyler positiv hervor, die mit ihrem eindringlich dargebotenen Song „Helpless“ einen weiteren Höhepunkt setzen. Als dritte im Schwesternbund enttäuscht auch Christine Allado als Peggy Schuyler nicht, die zusammen mit Rachelle Ann Go und Rachel John im Song „The Schuyler Sisters“ ihre schöne Stimme präsentieren kann.

Es ist schon erstaunlich, wie bei „Hamilton“ Inszenierung, Choreografie, Bühnenbild und Lichtdesign zahnradähnlich ineinandergreifen und wie Mosaiksteinchen ein Gesamtbild erschaffen. Das Einheitsbühnenbild von David Korins ist zwar äußerst einfach gehalten, aber unglaublich funktionell. Es zeigt lediglich Klinkerwände sowie hölzerne Stege und Treppen. Doch durch Möbel und Requisiten, die von den Darstellern bewegt werden, entstehen immer wieder neue Handlungsorte, die nie überladen sind und so immer der Fokus auf den Charakteren bleibt. Hinzu kommen die zeitgemäßen Kostüme von Paul Tazewell, die das Publikum exzellent ins 18. Jahrhundert entführen, sowie das ausgeklügelte Lichtdesign von Howell Binkley, das durch unterschiedlichen Kolorit und immer neue Fokussierungen zahlreiche neue Räume schafft.

„Hamilton“ gilt also völlig zu Recht als heiß gehandelte Show im Londoner West End – und auch Skeptiker, die sich vom Stempel „Rap-Musical“ abschrecken lassen, sind gut beraten, einmal über ihren Schatten zu springen, über den Tellerrand hinauszublicken, nicht nur im eigenen Saft zu schmoren, sondern diesem neuen innovativen Musical eine Chance zu geben. Es lohnt sich!

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze eines Onlinemagazins. Als Regisseur verantwortete er die Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie eine Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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