„Grimm!“ (Foto: Dominik Lapp)
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Märchen für Erwachsene: „Grimm!“ in Oberhausen

Sie haben es wieder getan: Die Mitglieder des Vereins Stage Focus, die ursprünglich mal eine jährliche Musicalgala auf die Beine gestellt und im vergangenen Jahr mit „Godspell“ ihre erste abendfüllende Musicalproduktion aufgeführt haben, präsentieren in diesem Jahr mit „Grimm!“ bereits das zweite Musical in ihrer Vereinsgeschichte. Wie es in dem Untertitel des Musicals heißt, wird in dem Stück von Thomas Zaufke (Musik) und Peter Lund (Buch) „die wirklich wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf“ erzählt.

Im Musical „Grimm!“ werden nicht nur verschiedene Märchenfiguren in einer abgewandelten Rotkäppchen-Story miteinander verwoben. Das Stück ist eine herrliche Parabel über Vorurteile, Fremdenhass und Toleranz. Ein Märchen für Erwachsene über die ewige Frage nach Gut und Böse, das von Matthias Knaab und Franziska Polten politisch topaktuell inszeniert wurde. Im Fokus der Handlung steht das Rotkäppchen, das eigentlich auf den Namen Dorothea hört, sich mit Kuchen und Wein auf den Weg zu Oma Eule in den Wald begibt und dort einem Wolf namens Grimm begegnet, der so sympathisch ist, dass sie ihn die Dorfgemeinschaft aufnehmen lassen möchte.

Matthias Knaab und Franziska Polten haben das Buch von Peter Lund bestens genutzt, um in der Geschichte viele Parallelen zur Realität aufzuzeigen. Wie die tierischen Dorfbewohner es ablehnen, den Wolf und andere Waldbewohner in ihre Gemeinschaft aufzunehmen, erinnert an die Flüchtlingskrise. Und so wird natürlich auch mit Plakaten demonstriert, auf denen die Dorfbewohner eine „Alternative fürs Dorf“, „Schluss mit der Wildkommenskultur“ und „Schutz den Dorffrauen“ fordern. Auch AfD-Gaulands „Wir werden sie jagen!“ darf da nicht fehlen.

Solche kleinen inszenatorischen Höhepunkte und die Charakterentwicklung stehen bei Knaab und Polten im Fokus. So zeigen sie, wie sich die Dorfgemeinschaft ihre Feindbilder selbst sucht und Schweinchen Schlau versucht, sich wie ein Diktator die Welt zu sortieren. Beim Bühnenbild gilt dafür, dass weniger oft mehr ist. Ob Szenen gerade im Dorf oder Wald spielen, wird lediglich durch die großen Buchstaben D und W dargestellt, die sich auf einem Rondell bewegen. Das minimalistische Bühnenbild sowie die zurückhaltend gestalteten Kostüme von Franziska Polten und Belinda Masur lassen den Darstellern genügend Platz zur Ausfüllung ihrer Rollen – was allen mit Bravour gelingt.
Veronika Schneewind ist als Dorothea eine kraftvolle Sympathieträgerin. Schauspielerisch gibt sie nicht das liebe Rotkäppchen, sondern überzeugt als neugierige und selbstbewusste junge Frau. Gesanglich kann sie ihr Potenzial in den Songs „So viele Wege“ und „Du bist mein bester Freund“ voll ausschöpfen und gefällt mit ihrer klangschönen Stimme. Jan Peter Maurer gibt als Grimm einen überhaupt nicht klischeehaften Wolf, sondern zeigt sich in der Titelrolle schauspielerisch wie gesanglich sehr sensibel und sanft. Es gelingt ihm, als Wolf etliche Sympathiepunkte zu sammeln und seine wilde Seite erst in der Konfrontation mit den engstirnigen Dorfbewohnern zu offenbaren. Mit seinem Solo „Grimm“ im zweiten Akt liefert er aufgrund seiner ausdrucksstarken Interpretation den musikalischen Höhepunkt des Abends. Im Duett „Sei ein Wolf“ harmoniert er zudem exzellent mit Veronika Schneewind.

Ganz hervorragend gibt Julia Koch ihre Gisela Geiß, die sechsfache alleinerziehende Mutter ist, als kettenrauchende und sexuell unbefriedigte Hausfrau. Den krassen Gegenpol dazu stellt Susanne Zimmer als Oma Eule dar, die als gute Seele zwischen Wald- und Dorfbewohnern zu vermitteln versucht. Als Schweinchen Wild und Schweinchen Dick – genannt Dicklinde – wissen Jasmin Bala und Rebecca Köpke schauspielerisch wie gesanglich stark abzuliefern, wobei insbesondere Köpke mit ihrer schauspielerischen Ausdruckskraft und grandioser Mimik etliche Glanzpunkte setzt.

Brian Becker scheint als Schweinchen Schlau der „Farm der Tiere“ entsprungen zu sein, so herrschsüchtig, schmierig und intrigant gibt er seine Rolle. Grandios gelingt es ihm dabei, aus der Opferrolle in die Täterrolle zu wechseln. Arne Sell hat als Schweinchen Doof – genannt Didi – mit dem Solo „Didis Krise“ seinen großen Moment, den er gesanglich sehr gut nutzt, um Didis Gefühlswelt zu transportieren. Als Hofhund Sultan stellt Mike Wiese einen autoritären und väterlichen Bürgermeister des Dorfes dar, während Annika Neikes als Hund Rex zusammen mit Jan Peter Maurer als Grimm in dem Duett „Blut geleckt“ sehr gefällt. Als sechs Geißlein nehmen Svenja Jesse, Stephan Schuld, Jennifer Feldmann, Jolene Schäfer, Anne Franziska Burri und Jasmin Bala keinesfalls nur Ensemblepositionen ein, sondern spielen hervorragend die Kinder von Gisela Geiß.

Die Musik von Thomas Zaufke lässt zahlreiche musikalische Einflüsse wie Charleston und Broadwayklänge der 1930er und 1940er Jahre erkennen. Balladen, Duette sowie Ensemblenummern wechseln sich dabei wohldosiert ab, gehen flott ins Ohr und transportieren die Handlung sehr gut. So erweist sich „Grimm!“ in Oberhausen musikalisch wie darstellerisch und inszenatorisch als ein echter Gewinn. Ein Besuch lohnt sich!

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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