„Der fliegende Holländer“ (Foto: Dominik Lapp)
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Musikalisch eindrücklich: „Der fliegende Holländer“ in Hannover

Es ist ein spannender Stoff, den Richard Wagner in seiner Oper „Der fliegende Holländer“ verarbeitet hat, nachdem er auf einer dreieinhalbwöchigen Schiffsreise fast Schiffbruch erlitten hätte: Ein verfluchter Seefahrer, der sich Holländer nennt, muss sein Leben auf dem Meer verbringen und darf nur alle sieben Jahre an Land, um eine Frau zu finden, die ihm ihre Liebe schenkt und ihn damit von seinem Fluch erlöst. Diese Geschichte ist in einer modernen Inszenierung von Bernd Mottl an der Staatsoper Hannover zu sehen. In einer Inszenierung, die einerseits sehenswert ist, andererseits aber einige Fragen aufwirft.

Mottl hat die Handlung ins 21. Jahrhundert transferiert und zeigt sie in einem von Naturkatastrophen (oder Krieg?) zerstörten Einkaufszentrum. Dominiert wird Friedrich Eggerts sehenswertes Bühnenbild von einer in Schieflage geratenen Kaufhaus-Ruine, die durch eingebrochene Wände, eine abgerissene Rolltreppe und verbarrikadierte Geschäfte visualisiert wird. In dieser Szenerie will Bernd Mottl die Geschichte des Holländers irgendwo zwischen Konsumkritik und Klimawandel erzählen. Doch sein Regiekonzept wirft Fragen auf.

In der Welt des Kapitäns Daland, der seine Tochter Senta an den Holländer verkauft, sehen wir in Pelzmänteln shoppende Damen und fragen uns, in welchem der verbarrikadierten Geschäfte in der Kaufhaus-Ruine sie wohl einkaufen waren. Auch wirkt die Ruine – abgesehen von den genannten Beschädigungen – nahezu klinisch sauber und bildet so keine glaubwürdige Kulisse. Selbst die Kostüme von Doey Lüthi kommen für die apokalyptische Szenerie viel zu akkurat daher, einzig der Holländer und Senta können sich mit ihren Kostümen abheben.

Während der Holländer mit bleichem Gesicht im schwarzen Kostüm eines edlen Kaufmanns daherkommt, stellt Senta mit ihren schwarzen Klamotten, schwarzen Haaren und dunkel geschminkten Augen und Lippen so etwas wie einen Grufti dar. Die Auseinandersetzung mit dem Mythos „Der fliegende Holländer“, der als bleicher Mann an Bord eines schwarzen Schiffs mit blutroten Segeln beschrieben wird, kommt so immerhin bestens zur Geltung.

In der Rolle des Holländers hat Stefan Adam gesangliche Schwerstarbeit zu leisten, doch meistert er seine minutenlangen Arien mit Bravour. Schauspielerisch gibt er wunderbar einen vom Meer gezeichneten, erschöpften, nach Erlösung suchenden und teilweise mystisch-bedrohlich anmutenden Seefahrer. Karine Babajanyan steht ihm als Senta in nichts nach. Sie gibt ihren Part mal sensibel-emotional, mal kämpferisch-trotzig und macht Sentas Todessehnsucht deutlich. Vor allem aber lässt sie mit ihrem strahlenden Sopran aufhorchen. Beide Solisten harmonieren so wunderbar miteinander, dass es geradezu schmerzt, dass die Regie dem Bühnenpaar nicht mehr Nähe erlaubt. Wenn der Holländer und Senta zum Beispiel ihr Duett singen, stehen sie dabei auf verschiedenen Ebenen, mehrere Meter voneinander entfernt, so dass aufgrund der Distanz kaum Emotionen eingebracht werden können.

„Der fliegende Holländer“ (Foto: Dominik Lapp)

Mit seinem kräftigen Tenor weiß Simon Bode den Steuermann hervorragend in Szene zu setzen, während Tobias Schabel als Daland mit seinem erdigen Bass den perfekten Gegenpol darstellt. Erik Künzli hat als Erik zu wenige Auftritte, um die Liebe zu Senta glaubhaft zu vermitteln, singt aber ebenfalls ausgezeichnet. Ebenso kann Mareike Morr als Mary mit makellosem Gesang in ihren kurzen Auftritten überzeugen.

Sehens- und hörenswert ist zudem der Chor, der von Lorenzo Da Rio exzellent einstudiert wurde und in der großen Chornummer „Steuermann, lass die Wacht!“ nicht nur mit durchdringendem Gesang, sondern auch mit stimmigen Schrittfolgen (Choreografie: Anastasiya Bobrykova) zu fesseln vermag.

Nach der Intention Richard Wagners sollte „Der fliegende Holländer“ ohne Pause durchgespielt werden, was an der Staatsoper Hannover auch so umgesetzt wird. Diese Oper erweist sich damit als ein echter Brocken – nicht nur für die Sänger auf der Bühne, sondern auch für das Orchester im Graben. Dirigent Ivan Repusic leitet seine Musiker in 135 Minuten durch Wagners anspruchsvolle Partitur mit ihren Arien, Duetten, Rezitativen und Chornummern. Und wie man es in Hannover gewohnt ist, glänzt das Niedersächsische Staatsorchester dabei wieder einmal.

Insbesondere die musikalisch eindrückliche Darstellung der Naturgewalten gelingt dem Orchester ganz exzellent. Schon in der düster-impulsiven Ouvertüre lassen die Streicher hohe Wellen geradezu genial an die Küste donnern, während die Blechbläser mit Blitz und Donner prägnante musikalische Motive setzen. Großartig schauderhaft wirkt auch das „Jo-ho-ho-he“ der Matrosen, während die Konsumwelt Dalands musikalisch eher biedermeierlich-gemütlich klingt.

Letztendlich spiegeln sich die musikalischen Motive hervorragend in der Inszenierung von Bernd Mottl wider, die zwar einige Fragezeichen beim Publikum hinterlässt, aber insgesamt sehenswert ist, weil sie mit optischer Opulenz punktet, die durch die herausragenden Leistungen der Sänger und Musiker aufgewertet wird. „Der fliegende Holländer“ in Hannover ist somit definitiv einen Besuch wert.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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