Martin Lingnau (Foto: Dominik Lapp)
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Interview mit Martin Lingnau: „Ein Stoff muss singen“

Der Komponist Martin Lingnau schreibt nicht nur Musicals und Filmmusik, sondern produzierte auch schon CDs mit Künstlern wie Maite Kelly, Mary Roos und Frank Ramond. Im Musicalbereich hat er sich durch Werke wie „Swinging St. Pauli“, „Heiße Ecke“ oder „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“ einen Namen gemacht. Im Auftrag von Stage Entertainment schrieb er die Musik zu den Musicals „Droomvlucht“, „Das Wunder von Bern“, „Goethe!“ und „Der Schuh des Manitu“.

Nachdem „Der Schuh des Manitu“, basierend auf dem gleichnamigen Film von Michael Bully Herbig, in Berlin zur Uraufführung kam, verschwand das Stück zunächst für drei Jahre von der Bühne, bis es die Freilichtspiele Tecklenburg im Sommer 2013 in einer Neuinszenierung von Ulrich Wiggers erstmals unter freiem Himmel aufführten – mit großem Erfolg. Im Oktober 2020 kommt das Stück mit der Musik von Martin Lingnau nun ins Deutsche Theater nach München und wird im Folgejahr ins Repertoire des Salzburger Landestheater übernommen.

Aus diesem Anlass spricht Komponist Martin Lingnau im Interview über die Entstehung des Musicals, verworfene Songideen, die Zusammenarbeit mit Michael Bully Herbig, die verschiedenen Musikstile im Stück und den perfekten Stoff für ein Musical.

„Der Schuh des Manitu“ war seit einigen Jahren nicht mehr auf einer Bühne zu sehen. Wie war es damals eigentlich, als Sie der Freilichtpremiere in Tecklenburg beiwohnten?
Das war super. Ganz besonders, weil das Publikum beim „Schoschonen“-Song nach zwei Takten schon voll dabei war und der Laden brummte. Das war ein ganz großes Glück und machte riesigen Spaß. So etwas passiert ja normalerweise nur bei ganz bekannten Liedern, dass das Publikum sofort mitklatscht. Aber die Songs von „Der Schuh des Manitu“ sind ja noch keine Standards. Dass die Zuschauer dazu trotzdem abgehen, ist etwas ganz Tolles. Das ist irre. Außerdem war die Laufzeit des Stücks in Berlin viel zu kurz, aber der Standort vielleicht auch etwas schwierig. Deshalb fand ich es toll, dass der „Manitu“ in Tecklenburg damals seinen zweiten Frühling erlebt hat.

Wie hat es sich eigentlich ergeben, dass Sie den Kompositionsauftrag für „Der Schuh des Manitu“ erhielten?
Der jetzige VBW-Intendant Christian Struppeck hat damals die Kreativabteilung bei Stage Entertainment geleitet. Er hat sich mein Musical „Swinging St. Pauli“ angesehen und war anschließend mit mir essen. Später rief er mich an und fragte mich, ob ich drei Probesongs für den „Schuh des Manitu“ schreiben möchte. Also haben mein Schreibpartner, der Librettist Heiko Wohlgemuth und ich drei Songs geschrieben. Die hat dann erst Christian bekommen, der sie gut fand. Anschließend gingen sie an Michael Bully Herbig, auf dessen Film das Stück ja basiert. Und Bully fand die Songs auch gut – und schon waren wir im Boot.

Was ging Ihnen da durch den Kopf?
Mein erster Gedanke war, dass das eine große Aufgabe ist. Denn „Der Schuh des Manitu“ ist schließlich ein sehr erfolgreicher Film. Und ich habe mich gefragt, wo der Mehrwert eines Musicals ist. Also haben Heiko und ich uns Gedanken gemacht und erkannt, dass der Film sehr mit dem Filmgenre spielt und es auf den Arm nimmt. Also dachten wir uns, dass das Musical genauso mit dem Musicalgenre spielen kann. So sind dann solche Songs entstanden wie „Grmpfzl“, wo der tote Falsche Hase noch mal aufsteht und sein Solo singt.

„Der Schuh des Manitu“ (Foto: Dominik Lapp)

War Bully auch in die Erarbeitung von Musik und Libretto involviert? Sicherlich musste ihm doch alles vorgelegt werden, oder?
Das war eine ganz tolle Zusammenarbeit zwischen Bully und uns. Es war keine Arbeit, die wir ihm vorgelegt haben und die er dann abgenommen hat. Es war vielmehr eine Arbeit auf Augenhöhe mit Ratschlägen und Tipps. Es war zum Beispiel ursprünglich so, dass der Song „Husch, husch“ am Ende in eine Village-People-Nummer überging. Bully hat dann gesagt, dass die Village People nicht zu Winnetouch passen. Das ist nicht Winnetouch, das passt nicht. Aber den Song fand er super. Also blieb der Song wie er war – ohne Village People. So ging das die ganze Zeit. Bully und ich haben uns immer die Bälle gegenseitig zugespielt.

Warum ist „Der Schuh des Manitu“ der perfekte Stoff für die Musicalbühne?
Das ist eine gute Frage! Was ist eigentlich der perfekte Stoff für eine Musicalbühne? Der „Manitu“ ist erst einmal ein sehr guter Stoff für ein Musical, weil er uns emotional erreicht, da wir den Film kennen und mit Karl-May-Filmen aufgewachsen sind. Vor allem spielt der Stoff liebevoll mit den alten Karl-May-Filmen. Es ist keine Persiflage, die sich über die Filme stellt und sich darüber lustig macht, sondern sehr liebevoll damit umgeht. Heiko Wohlgemuth und ich gucken immer, ob ein Stoff singt. Ein Stoff muss singen! Und wenn es so eine liebevolle und emotionale Persiflage ist, dann ist da auch Platz für Musik, dann singt der Stoff auch.

„Der Schuh des Manitu“ ist musikalisch sehr breit gefächert, es kommen sehr viele Musikstile darin vor. Wie haben Sie beim Komponieren entschieden, welche Szene eine Ballade, eine Salsa- oder eine Comedy-Nummer bekommt?
Ob es eine Ballade oder eine Comedy-Nummer ist, ergibt sich ja erst mal aus der Dramaturgie des Stücks. Aber wir haben lange geguckt, welcher Musikstil zu den Charakteren passt. Der Song „Die Welt ist schön“ von Hombre ist jetzt zum Beispiel eine Latinonummer. Allerdings haben wir daran lange geschraubt. Für „Glaub an dich“ haben wir auch acht Anläufe gebraucht, bis es passte. Aber schon Stephen Sondheim sagte mal: Musicals werden nicht geschrieben, sie werden umgeschrieben. Insofern haben wir geschrieben, geschrieben, geschrieben. Wir haben um die 85 Songs geschrieben, von denen letztendlich 25 in der Show sind.

Nun kommt „Der Schuh des Manitu“ nächstes Jahr nach München, im Jahr darauf nach Salzburg. Wie haben Sie reagiert, als Sie das erfahren haben?
Ich habe mich unheimlich gefreut, da dieses Musical mir ganz besonders am Herzen liegt. Das war eine sehr aufregende und auch aufreibende Zeit damals, dieses Stück auf die Bühne zu bringen. Ich verbinde viele wundervolle Begegnungen mit dem Schreiben des Stücks, und ich habe nie verstanden, weshalb es so lange in der Schublade lag.

München ist ja die Heimat von Bully. War es also längst überfällig, dass das Musical in die bayerische Landeshauptstadt kommt?
Unbedingt!

Interview: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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