FME (Foto: Dominik Lapp)
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Vom Experiment zur Institution: Das Freie Musical-Ensemble Münster

Die westfälische Stadt Münster hat ein vitales Kulturleben zu bieten. Aber wer ein Bühnenstück erleben möchte, kann das nicht nur im Stadttheater oder im Wolfgang-Borchert-Theater. Auch der Konzertsaal der Waldorfschule im Stadtteil Gievenbeck ist mittlerweile eine feste Institution im münsterschen Kulturleben. Einen großen Anteil daran – wenn nicht sogar den größten – hat das Freie Musical-Ensemble (FME), inzwischen ebenfalls eine aus der Stadt nicht mehr wegzudenkende Institution.

Es war ein gewagtes Experiment, das der damals noch völlig musicalunerfahrene Musikstudent Ingo Budweg im Jahr 1999 unternahm, als er zusammen mit seiner Kommilitonin Kirsten Naumann den Grundstein für das Freie Musical-Ensemble legte. Budweg hatte gerade als Hornist in Witten bei einer Aufführungsserie von „Anatevka“ mitgewirkt, als ihm die Idee kam, das Stück auch in Münster auf die Bühne zu bringen. „Ich kannte bis dahin nur Sinfonien und klassische Sachen. ‚Anatevka‘ war das erste Musiktheaterstück, das ich mitgemacht hatte“, erzählt Budweg. Dass das Musical mit der Musik von Jerry Bock dann auch in Münster auf die Bühne kam, hatte vor allem praktische Gründe: „Damit hatten wir schon mal ein Stück, das man kannte“, so der FME-Initiator. „Außerdem war das Notenmaterial noch da, weil der Wittener Dirigent in unserer Produktion in Münster die Hauptrolle übernommen hatte.“

10.000 Liter Regenwasser ließen Musical platzen
Bislang hat die Truppe aus Münster 14 Musicalproduktionen auf die Bühne gebracht. Im Jahr 2014 feierte man mit einer Musicalgala das 15-jährige Bestehen. Im Jubiläumsjahr sollte eigentlich das Musical „Parade“ zur Aufführung kommen. Doch nach einem schweren Unwetter im Juli 2014 sollte alles anders kommen: Rund 10.000 Liter Regenwasser liefen in den Saal der Waldorfschule, Parkett und Estrich mussten komplett entfernt und erneuert werden. „Ich habe dann schon relativ früh absehen können, dass die Reparaturarbeiten so lange dauern würden, dass wir unsere Proben nicht hätten durchführen können“, erzählt Ingo Budweg. „Parade“ hätte am 7. November Premiere haben sollen und der Saal wurde erst vier Tage vorher freigegeben. „Das wäre utopisch gewesen.“

Weil das Ensemble aber unbedingt auftreten wollte und es schließlich das Jubiläumsjahr war, musste ein Alternativprogramm her. So entschied man sich, eine Musicalgala auf die Beine zu stellen und den Erlös von immerhin 5.000 Euro den Opfern des Unwetters zu spenden. Für die Chorsänger des Freien Musical-Ensembles war die Gala laut Ingo Budweg so etwas wie ein Erholungsurlaub, weil sie nicht solch einen Stress hatten wie bei den Musicalaufführungen. „Wir hatten Produktionen, wo alles so vollgestellt war, dass man nicht mal mehr Platz gefunden hat, um sich hinzusetzen“, erinnert sich der Ensembleleiter. „Bei ‚Titanic‘ mussten wir zum Schminken sogar bis in die Turnhalle der Waldorfschule ausweichen, weil es nicht anders ging.“ Damals bestand das Ensemble aus 74 Personen und jeder hatte mindestens drei Kostüme, so dass um die 300 Kostüme ihren Platz finden mussten.

Keine Gagen – alles ehrenamtlich
Seit seinem Bestehen hat das FME die unterschiedlichsten Menschen zusammengebracht, die alle in ihrer Freizeit proben, werkeln und auf der Bühne stehen. Das jüngste Ensemblemitglied war acht Jahre alt, das älteste über 60. Und nach wie vor arbeiten alle ehrenamtlich. „Keiner der Beteiligten bekommt eine Gage. Im Vordergrund stehen die Liebe zur Musik und der Anspruch, mit sehr viel Energie ein Stück auf die Beine zu stellen“, berichtet Ingo Budweg stolz. „Jeder bringt sich nach seinem maximalen Engagement ein. Das funktioniert alles ganz gut, so dass wir noch keine größeren Katastrophen hatten.“

Auch Bühnenbild, Requisiten und Kostüme fertigt das Ensemble selbst an. Zu Beginn jeder Produktion wird genau abgeschätzt, was die Ehrenamtlichen selber leisten können und wo sie Hilfe benötigen. So gab es bereits eine Kooperation mit der Modeschule Münster, wo größere Kostüme nach Rücksprache mit den Kostümbildnern genäht wurden. Einzelteile fürs Bühnenbild wurden dagegen auch schon mal in einer Tischlerei gesägt, die den Eltern eines Ensemblemitglieds gehört. „Es gibt also immer irgendjemand, der jemanden kennt, der etwas beisteuern kann“, sagt der Ensembleleiter und ergänzt, dass nichts von externen Dienstleistern eingekauft wird.

2.000 Kostüme auf 300 Quadratmetern
In den vergangenen 19 Jahren sind einige Bühnenteile, Requisiten und vor allem Kostüme zusammengekommen. „Unser Fundus in einer Lagerhalle erstreckt sich mittlerweile auf mehr als 300 Quadratmetern.“ Mehr als 2.000 Kostüme lagern dort, von prunkvollen Kleidern, über Anzüge, bis hin zu Uniformen – zum größten Teil selbst genäht. Auch Requisiten werden selbst gebastelt. „Den Rest finden wir auf Flohmärkten, manche werden uns auch gespendet“, berichtet Ingo Budweg.

Freies Musical-Ensemble Foto: Dominik Lapp

„Es muss ein Musical mit genug Material für den Chor sein“, antwortet Budweg auf die Frage, wonach er die Musicals auswählt, die das Ensemble auf die Bühne bringt. „Außerdem muss das Orchester etwas Schönes zu spielen haben. Wir machen keine Dudelnummern, die Musiker müssen gefordert sein“, ergänzt er. Ingo Budweg ist zu Recht stolz auf sein Orchester, ist es doch so etwas wie das Aushängeschild des Freien Musical-Ensembles.

„Musik lebt erst dann, wenn sie von Musikern gespielt wird“
Während in den großen Musicalhäusern immer mehr Musikerstellen eingespart werden, bei einigen Musicals die Musik sogar komplett aus der Konserve kommt, wird beim FME in Münster immer live gespielt. Budweg ist der festen Überzeugung: „Musik lebt erst dann, wenn sie von Musikern gespielt wird.“ Doch es war ein hartes Stück Arbeit für ihn als Dirigenten, über die Jahre hinweg ein Orchester zusammenzustellen, das jedes Jahr wiederkommt. „Ich bin selber ausgebildeter Hornist und unsere Musiker merken, dass ich die Arbeit mit dem Orchester sehr ernst nehme“, ist sich der Musiker und Dirigent sicher. „Wenn wir etwas einstudieren, ist das harte Arbeit. Und ich glaube, man hört es auch, dass wir hier hart arbeiten.“

Zu den Anfangszeiten des Ensembles saß sein Leiter abends selber noch am Telefon und hat Musiker angerufen, um das Orchester zu besetzen. Heute macht Budweg das nicht mehr, die Aufgaben haben sich inzwischen auf viele Schultern verteilt. „Die Herausforderung dabei ist nicht, dass jeder in seinem Bereich fertig wird, sondern dass alle Bereiche wie Zahnräder ineinandergreifen, damit der Ablauf klappt“, weiß der FME-Gründer zu berichten und antwortet auf die Frage, was besonders stressig ist: „Bis alle Szenenübergänge flüssig sind, ist es sehr viel Stress. Es muss zwischen zwei Szenen ja einen nahtlosen Übergang geben. Und bis das klappt, dauert es natürlich seine Zeit.“

Das Zuhause des Freien Musical-Ensembles ist der Konzertsaal der Waldorfschule in Münster-Gievenbeck. „Diese Bühne ist unsere Heimat“, schwärmt Ingo Budweg. „Und deshalb betreibt das Ensemble auch so etwas wie Heimatpflege, hält die Vorhänge instand, schleift und lackiert regelmäßig den Bühnenboden.“ Dem Ensemble liegt sehr viel an seiner Aufführungsstätte, wo es Musicals wie „Tanz der Vampire“, „Titanic“ oder „3 Musketiere” auf die Bühne gebracht hat.

Musical-Komponisten zu Gast in Münster
Ein Faible scheint man in Münster außerdem für die Werke von Frank Wildhorn zu haben. So spielte das FME bereits dessen Werke „The Scarlet Pimpernel“, „Jekyll & Hyde“ und „Dracula“. Stolz ist man auch auf die sehr aufwändige Inszenierung des relativ unbekannten Musicals „Eine Geschichte aus zwei Städten“, eine deutschsprachige Erstaufführung, für die die Komponistin Jill Santoriello im Jahr 2012 eigens aus den USA anreiste. Doch auch im November 2016 konnte man in Münster einen besonderen Ehrengast begrüßen: Shuki Levy, der Komponist des Musicals „Imagine this“, besuchte mit seiner Frau Tori und einer zehnköpfigen Delegation aus Kanada und Israel eine Vorstellung seines Musicals.

Aber auch einen Klassiker spielt man immer wieder gern in Münster: Das Musical „Scrooge“ von Leslie Bricusse wird 2018 zum wiederholten Mal aufgeführt. Das Stück für die ganze Familie vermag das Ensemble und Ochester des Freien Musical-Ensembles Münster immer wieder aufs Neue zu begeistern, genauso wie das Publikum. Bei jeder Wiederaufnahme von „Scrooge“ versuchen die Theaterschaffenden, wieder über sich hinauszuwachsen. „Das Bühnenbild wird überarbeitet, die Kostüme werden weiterentwickelt und die Inszenierung verfeinert“, heißt es dazu auf der FME-Webseite.

Sicher hat sich Ensemblechef Ingo Budweg auch schon Gedanken gemacht, welches Musical im nächsten Jahr auf die Bühne kommen soll. Doch weil das noch nicht spruchreif ist, konzentrieren sich alle Mitwirkenden zunächst einmal auf „Scrooge“. Was das nächste Jahr betrifft, wird Budweg bei der Stückwahl sicher wieder ein glückliches Händchen beweisen. Das vor vier Jahren geplatzte Vorhaben, das Musical „Parade“ aufzuführen, konnte das Freie Musical-Ensemble Münster mittlerweile auch in die Tat umsetzen: Im letzten Jahr war es nach dreijähriger Verzögerung endlich soweit.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze eines Onlinemagazins. Als Regisseur verantwortete er die Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie eine Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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