„Sweeney Todd“, Foto: Stephan Walzl
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Rachefeldzug: „Sweeney Todd“ in Oldenburg

In Oldenburg treibt der dämonische Barbier aus Londons Fleet Street sein Unwesen, denn am Staatstheater steht Stephen Sondheims Musicalthriller „Sweeney Todd“ auf dem Programm und erzählt die Geschichte von Benjamin Barker, der unschuldig in eine Strafkolonie verbannt wurde und 15 Jahre später nach London zurückkehrt, um einen finsteren Rachefeldzug gegen Richter Turpin zu starten.

Sondheim selbst bezeichnete „Sweeney Todd“ einmal als schwarze Operette – und diese Bezeichnung passt auch ganz gut zu dem, was auf der Oldenburger Bühne zu sehen ist. In dem blutigen Schauerdrama, das von Michael Moxham hervorragend inszeniert wurde, gibt es einen steten Wechsel zwischen Ironie, schwarzem Humor und blutrünstigen Schockmomenten. Die Charaktere hat Moxham dabei stark gezeichnet, bei jeder Rolle wird klar, aus welchem Antrieb heraus sie handelt.

Optisch hervorragend unterstützt wird die Inszenierung durch das düster gehaltene Bühnenbild von Jason Southgate (Co-Bühnenbildnerin: Bettina John), der auch für die zeitgemäßen Kostüme verantwortlich zeichnet. Im Mittelpunkt steht Mrs. Lovetts Pastetenbäckerei, über der sich Sweeney Todds Barbierladen befindet. Durch kurze Umbauten, bei denen auch die Hubpodien der Bühne zum Einsatz kommen, entstehen immer wieder neue Szenerien wie Richter Turpins Anwesen, Johanna Bakers Zimmer oder eine Irrenanstalt.

In der Titelrolle ist Tomasz Wija zu sehen, der den Sweeney perfekt verinnerlicht hat. Er wird von Anfang an von Rachegedanken und der Trauer über den Verlust von Frau und Tochter getrieben. Sweeney hat alles verloren, was ihm einst etwas bedeutet hat – das vermag Tomasz Wija sehr gut und glaubwürdig zu visualisieren. Auch musikalisch ist er der schonungslosen Titelrolle mit seiner klassisch geschulten Stimme vollends gewachsen.

Ihm zur Seite steht mit Carolina Walker eine noch sehr junge Darstellerin in der Rolle der Mrs. Lovett, die äußerst souverän und mit einem wunderbaren Hang zum Humor die Pastetenbäckerin gibt und so schauspielerisch keinerlei Wünsche offenlässt. Gesanglich zeigt sie sich genauso nuanciert wie kontrastreich, genauso stürmisch wie geschmeidig. Eine echte Entdeckung!

Lukas Strasheim verleiht der recht einseitigen Rolle des Anthony so gut wie möglich Kontur und kann mit strahlender Stimme punkten. Martyna Cymerman singt als Johanna ebenfalls äußerst passabel, kann aber aufgrund ihres Akzents leider nicht vollständig in ihrer Rolle überzeugen. Ein starkes Gespann sind zudem Stephen Foster als herrlich böser Richter Turpin und Sandro Monti als Büttel Bamford, während Friederike Hansmeier als Bettlerin ihre wenigen Szenen für sich zu nutzen weiß.

Ein wunderbares Abziehbild des italienischen Barbiers Pirelli gibt Paul Brady und Timo Schabel ist stark in der Rolle des Tobias Ragg, der in der Inszenierung von Michael Moxham nicht der unschuldige, sondern ein minderbemittelter Junge ist.

Musikalisch bietet „Sweeney Todd“ nicht nur wirkungsvolle Horrormusik und kirchenmusikalische Zitate, sondern vielfältigste Orchesterfarben, die das Oldenburgische Staatsorchester unter der Leitung von Carlos Vázquez exzellent zum Strahlen bringt. Vázquez entlockt seinen Musikern tiefste Streicher- und Orgelklänge in rhythmischer Genauigkeit und sorgt so für einen klanglichen Hochgenuss.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder.de. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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