Rufus Beck (Foto: Dominik Lapp)
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Stimmenakrobat: „Rufus Beck liest Jules Verne – Von der Erde zum Mond“ in Meppen

Rufus Beck braucht nicht viel: einen Hocker, einen Tisch, einen Laptop – und seine Stimme. Mehr als 150 Jahre nach der Veröffentlichung von Jules Vernes „Von der Erde zum Mond“ erweckt der Schauspieler den abenteuerlichen Roman im Theater Meppen zu neuem Leben. Unterstützt wird er dabei vom Göttinger Symphonieorchester unter der Leitung von Jason Weaver. Was daraus entsteht, ist keine gewöhnliche Lesung, sondern ein multimediales Erzähltheater, das Literatur, Musik, Bild und Sound zu einer höchst unterhaltsamen Reise verbindet.

Beck sitzt zunächst unspektakulär auf seinem Hocker. Vor ihm steht der Tisch mit dem Laptop, hinter ihm nimmt das Göttinger Symphonieorchester Platz. Auf der Leinwand erscheinen Schwarzweiß-Bilder, manche davon werden animiert. Eingespielte Geräusche setzen zusätzliche Akzente. Doch sobald Rufus Beck, der als Schauspieler und Regisseur sowie als Hörbuchsprecher bekannt wurde, zu sprechen beginnt, gerät die schlichte Versuchsanordnung in Bewegung. Der Schauspieler liest nicht einfach vor. Er spielt.

Fast durchgehend frei spricht Beck seine Texte, als habe er den Roman nicht nur gelesen, sondern längst verinnerlicht. Seine Kunst besteht dabei vor allem darin, die Figuren voneinander unterscheidbar zu machen, ohne in übertriebene Schauspielerei abzugleiten. Da ist Clubpräsident Impey Barbicane, der visionäre Kopf des gewagten Mondprojekts. Da ist sein Widersacher, Kapitän Nicholl, dessen Skepsis immer wieder für Reibung sorgt. Und da ist der exzentrische Franzose Michel Ardan, der mit seiner Begeisterung und seinem Charme eine ganz eigene Farbe in das Geschehen bringt.

Rufus Beck liest Jules Vernes (Foto: Dominik Lapp)

Der Schauspieler wechselt zwischen den Charakteren mit großer Spielfreude. Mal genügt eine Veränderung der Stimmlage, mal ein anderer Rhythmus, eine kleine körperliche Bewegung oder ein veränderter Blick. Gelegentlich greift er auch zu Requisiten: Ein Zylinder oder eine Sonnenbrille reichen aus, um aus dem Erzähler eine neue Figur werden zu lassen.

Jules Vernes Roman ist dabei selbst ein idealer Stoff für Rufus Becks Erzählkunst. „Von der Erde zum Mond“ verbindet wissenschaftlichen Forscherdrang mit Größenwahn, technische Vision mit Abenteuerlust und Komik mit der Faszination des Unbekannten. Beck nimmt diese Mischung auf und gibt ihr ein hohes Tempo. Er erzählt mit Witz, Charme und hörbarer Freude an der Sprache. Besonders die absurden Seiten des Unternehmens kommen zur Geltung: Eine Gruppe von Männern beschließt, eine Kanone von gigantischen Ausmaßen zu bauen, um Menschen in einer Kapsel auf den Mond zu schießen.

Dabei zeigt sich auch, wie modern Vernes Erzählweise noch immer wirkt. Der Roman interessiert sich nicht allein für das Abenteuer, sondern für die Menschen, die es möglich machen wollen. Technik wird zum Ausdruck menschlicher Neugier und zugleich zum Gegenstand von Eitelkeit, Konkurrenz und Ehrgeiz. Rufus Beck lässt diese unterschiedlichen Facetten nebeneinanderstehen und vertraut auf Vernes Fantasie sowie die Wirkung des gesprochenen Wortes.

Rufus Beck und Jason Weaver (Foto: Dominik Lapp)

Das Orchester übernimmt dabei weit mehr als die Funktion einer atmosphärischen Untermalung. Zwischen den einzelnen Kapiteln erklingt klassische Musik, vor allem Märsche, die den Erzählfluss immer wieder unterbrechen und zugleich strukturieren. Nach Becks rasanten Passagen entsteht dadurch Raum zum Atemholen. Der Wechsel zwischen Sprache und Musik verleiht dem Abend eine fast konzertante Dramaturgie. Jason Weaver führt das Göttinger Symphonieorchester dabei souverän durch die musikalischen Übergänge.

Auch die Leinwand trägt zur Gestaltung bei. Die Bilder geben Jules Vernes Welt eine historische Anmutung. Zusammen mit den eingespielten Sounds entsteht ein akustisch-visuelles Koordinatensystem, das die Reise zum Mond immer wieder konkretisiert. Kanonendonner, Geräusche und Musik erweitern das, was der Sprecher allein mit seiner Stimme ohnehin schon entstehen lässt.

Gerade darin liegt die Stärke des Abends: Die Inszenierung überfrachtet die Geschichte nicht mit technischen Effekten. Das Zentrum bleibt der Schauspieler. Rufus Beck benötigt keine große Bühne, um ein ganzes Figurenensemble entstehen zu lassen. Sein Instrument ist die Stimme – und die beherrscht er mit großer Souveränität. Er kann beiläufig komisch sein, ohne eine Pointe auszureizen, und ebenso Spannung erzeugen, ohne sie künstlich zu steigern. Ganz stark!

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".