„History re-imagined“ (Foto: Dominik Lapp)
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Elf Musicals an einem Abend: „History re-imagined“ in Kloster Oesede

Andernorts haben große professionelle Freilichtbühnen ihre Saison coronabedingt abgesagt, doch die Waldbühne Kloster Oesede hat als kleine Laienbühne in diesem Sommer ein wahres Mammut-Programm mit Gastauftritten von Künstlern wie Heinz Rudolf Kunze und den Musicals „Es war einmal“, „Die kleine Hexe“ sowie „Zum Sterben schön“ gestemmt. Den Höhepunkt fand die Saison dort nun in der Uraufführung von gleich elf brandneuen Musicals an einem Abend unter dem Titel „History re-imagined – Geschichte(n) neu erzählt“. Der Anlass waren zwei große Jubiläen, nämlich das 50-jährige Bestehen der Stadt Georgsmarienhütte und das 850-jährige Bestehen von Kloster Oesede.

Johannes Börger, ehemaliger Spielleiter der Waldbühne und Mitorganisator des Stadtjubiläums, hat dazu Material zu ausgewählten Ereignissen der beiden Orte zusammengetragen, die dann von Lars Linnhoff, Hausregisseur der Waldbühne, bearbeitet wurden. Linnhoff war es auch, der seine guten Kontakte in die Musicalbranche nutzte und 21 Kreativschaffende zusammenführte, die aus elf ausgewählten Geschichten elf jeweils zehnminütige Musicals schrieben.

Dabei bekam jedes Autorenteam in der Regel nur einen Zeitungs- oder Zeitzeugenbericht zu einem Ereignis. Bei der Umsetzung gab es für die Kreativen keine Grenzen – außer, dass kein Stück länger als zehn Minuten sein durfte. Herausgekommen sind letztendlich elf Mini-Musicals mit unterschiedlichen Musikstilen, die allesamt kongenial von Christian Tobias Müller am Piano gespielt werden. Auf der Bühne dabei: 45 Mitwirkende – davon ein paar zum ersten Mal überhaupt auf einer Bühne – in rund 100 Rollen.

„History re-imagined“ (Foto: Dominik Lapp)

Von politischen Ereignissen über persönliche Erlebnisse sind so einige Geschichten in rund drei Stunden zu erleben. Neben Erinnerungen an die heißen Sommer beim Krautrockfestival, gibt es auch Erzählungen aus der Nachkriegszeit, geht es um Verhandlungen um den Schwedenschatz in Kloster Oesede oder die Namensfindung von Georgsmarienhütte.

Für viele der 21 Kreativschaffenden – darunter sechs Frauen – war es die erste Begegnung mit der Waldbühne Kloster Oesede oder mit Georgsmarienhütte überhaupt. Und der Name Kloster Oesede war für manche ebenso unbekannt wie die Kolleginnen und Kollegen, die ihnen als künstlerisches Blind-Date zugeteilt wurden. Dadurch entstanden wunderbare künstlerische Konstellationen von Komponistinnen und Komponisten mit Autorinnen und Autoren.

Keinesfalls blind zugeteilt wurden die Ausgangsmaterialien, die Lars Linnhoff zu einem stimmigen Konzept zusammengefügt und inszeniert hat. Dabei entstand jedoch kein abendfüllendes Stück in elf Szenen, sondern wirklich elf eigenständige und voneinander unabhängige Mini-Musicals, die alle für sich stehen. Und so wird jedes Stück kurz anmoderiert und mit einem eigenen Schlussapplaus verabschiedet, was jedem Kreativteam die verdiente Anerkennung bringt.

„History re-imagined“ (Foto: Dominik Lapp)

Jedes der elf Stücke hat ein eigenes Szenenbild und eigene Kostüme, ist mit Aufwand von Lars Linnhoff inszeniert und von Annika Dickel choreografiert worden. Ein stimmiges Lichtdesign rundet das Gesamterscheinungsbild ab. Großartig ist, wie sich die Stücke in Musikstilen und Zeiten abwechseln. So erzählt „Also known as…“ von Nicolai Schwab (Musik) und Marco Krämer-Eis (Texte) eine Generationengeschichte rund um das Steinkohlebergwerk Ottoschacht, in „Die Stadtmacher“ von Marco Chimienti (Musik) und Ingbert Edenhofer (Texte) stehen Bürgermeister Ludwig Siepelmeyer und Stadtdirektor Rudolf Rolfes im Fokus, die 1970 den Zusammenschluss von sechs bis dahin selbstständigen Gemeinden zur Stadt Georgsmarienhütte maßgeblich vorangetrieben haben.

Mit „Held und Beinbruch“ erzählt Hanna Ehlers (Musik und Texte) die berührende Geschichte des kleinen Fritz Meyer und stellt damit das klassische Bild von Heldinnen und Helden in Frage. In „Auf weite Sicht“ von Katrin Schweiger (Musik) und Lisanne Wiegand (Texte) dreht sich alles um kleine und große Probleme in Kloster Oesede und wie sich eine Lösung auf weite Sicht findet. Weiter zurück in die Geschichte, nämlich bis ins 17. Jahrhundert, geht es in „Der Schwedenschatz“ von Jan-Marten Gerve (Musik) und Marvin Polomski (Texte), die jedoch kein einfaches Historiendrama erzählen, sondern mit moderner Sprache und Sprechgesang im Stil von Alligatoah sogar den Bischof von Wartenberg eine coole Rap-Nummer darbieten lassen.

„History re-imagined“ (Foto: Dominik Lapp)

Dramatisch wird es in „Kohlenkinder“, als Stefan Wurz (Musik) und Lucia Reichard (Texte) ein ganzes Musical in einem langen Song verschmelzen, der davon erzählt, wie Kinder in der Nachkriegszeit im Winter Kohle klauen. In der Musik von Anna Tafel, die sie für „Der Feuergeist“ schrieb, spiegeln sich Trauer und Freude, Angst und Hoffnung wider, die Texte zu der Geschichte über einen 17-jährigen Serienbrandstifter steuert Reiner Müller bei. Sehr gut kommt beim Publikum auch das Musical „Freddy“ von Michael Bellmann (Musik) und Ralf Rühmeier (Texte) an, die ein singendes Feuerwehrauto in den Mittelpunkt ihres Stücks stellen, das mit besonders fantasievollen Kostümen, die an „Starlight Express“ erinnern, überzeugt.

In „Der schwarze Afghane“ erinnern Nick Jankrift (Musik) und Laura Stattkus (Texte) in bester „Hair“-Manier an das legendäre Krautrockfestival, in „Die Uhr“ zeigen Christian Tobias Müller (Musik) und Klaus Michalski (Texte) auf, wie ein einziger Gegenstand über Generationen hinweg die Wertvorstellungen von Menschen und deren Lebensläufe beeinflussen kann und last but not least gibt es mit „Die gelbe Gefahr“ von Ben Toth (Musik) und Robin Kulisch (Texte) einen wahren Leckerbissen in Form eines Musical-Vaudevilles, das eine Gemeindezusammenlegung und die Namensfindung thematisiert. Ursprünglich für 24 Personen – 16 Herren und 8 Damen – geschrieben, stehen hier letztendlich elf Frauen auf der Bühne, die alle Rollen spielen und das Stück im ästhetisch-extravaganten Bob-Fosse-Stil erzählen.

Nach rund drei Stunden geht „History re-imagined“ unter dem Applaus eines begeisterten Publikums zu Ende. Dieser Abend ist definitiv nichts für eine Übernahme an andere Bühnen, weil die Stücke zum Teil zu stark lokal geprägt sind. Als lokales Mini-Musical-Festival taugt „History re-imagined“ jedoch sehr gut und erfüllt seinen Zweck. Alle Beteiligten sind mit so großer Leidenschaft und Spielfreude dabei, dass dies selbst das eine oder andere Defizit im Gesang entschuldigt. Was an diesem Projekt besonders erfreulich ist, ist der kreative Prozess dahinter – dass man 21 Kreativschaffende zusammengeführt hat, um elf Musicals schreiben zu lassen und dass endlich auch mal einige Frauen als Komponistinnen und Texterinnen (neu) in Erscheinung getreten sind.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".

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