Foto: Falk von Traubenberg
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Umwerfender Krimispaß: „Das Geheimnis des Edwin Drood“ in Hildesheim

Das Musical „Das Geheimnis des Edwin Drood“ von Rupert Holmes (Musik, Buch und Gesangstexte) nach dem gleichnamigen Romanfragment von Charles Dickens, am Theater für Niedersachsen (TfN) in Hildesheim von Craig Simmons inszeniert, birgt naturgemäß für immer das Geheimnis des Edwin Drood, denn Charles Dickens starb, bevor er den als Fortsetzungsroman gestalteten, vielleicht frühesten Kriminalroman der Weltliteratur fertigstellen konnte – ein tödlicher Schlaganfall beendete sein Werk etwa auf halber Strecke.

Bevor Edwin Drood nach Ägypten aufbricht, um dort mit einer Straßenverbindung durch die Wüste seine Karriere aufzubauen, will er noch Abschied von seinen Verwandten nehmen und Rosa Budd heiraten, in welche sein Onkel, der auch ihr Gesangslehrer ist, seit langem sehr verliebt ist. Doch Edwin und Rosa wurden einander schon als Kleinkinder versprochen. Es treten viele merkwürdige Gestalten auf, die alle auf die eine oder andere Weise mit Edwin und/oder Rosa verbunden sind: ein ceylonesisches Zwillingspärchen, die Chefin einer Opiumhöhle, ein seltsamer Steinmetz und sein Gehilfe, ein jovialer Bürgermeister, ein zerstreuter Pfarrer. Es kommt zu einigen Verwicklungen und so manchem Eklat bis zum Höhepunkt am Weihnachtsabend, an welchem Edwin verschwindet und nur sein blutbefleckter Mantel aufgefunden wird – dies von einem Assistenten des Pfarrers, der erst jetzt in die Geschichte eingeführt wird. Sechs Monate später kommen zwei zwielichtige Gestalten aus London angereist: Prinzessin Puffer, die Betreiberin der Opiumhöhle, und der geheimnisvolle Dick Datchery, der als schwerhöriger Detektiv den Fall aufklären will – und genau hier bricht die Originalvorlage von „Das Geheimnis des Edwin Drood“ ab.

Wäre es kein bereits häppchenweise veröffentlichtes Buch gewesen, hätte es als spätes Fragment im Schatten großer bekannter Werke des Autors wahrscheinlich ein eher unbeachtetes Dasein gefristet, aber da ein breites Publikum sozusagen bereits angefixt war, gab und gibt es seit dem 19. Jahrhundert immer wieder Fortsetzungen, gestaltet von Fans, begeisterten Lesern oder eben auch Profis.

Rupert Holmes schrieb für das Musical „Das Geheimnis des Edwin Drood“, das im Dezember 1985 am Broadway uraufgeführt wurde, kein eigenes Ende – oder besser gesagt, er schrieb das Material für über hundert, denn er hatte die geniale Idee, das Publikum jeden Abend neu abstimmen zu lassen, welches Ende die Geschichte nehmen soll. „Das Geheimnis des Edwin Drood“ wird als eine Art viktorianisches Vaudeville aufgeführt bis zu dem Punkt, an dem es aufgrund Dickens’ Tod abbricht, und dann stellt der Prinzipal dem Publikum die Kandidaten für den Schnüffler, den Täter und das Liebespaar des Abends vor, aus denen die Besucher tatsächlich jeden Abend auswählen können. So verspricht „Das Geheimnis des Edwin Drood“ vergnüglich ungewohnten Theaterspaß und hält dieses Versprechen auch wirklich ein.

Die herausragendste Rolle spielt Alexander Prosek als Prinzipal in von ihm bereits gewohnter Genialität. Ihm und natürlich der vom Orchester des TfN unter der Leitung des sich auch selbst spielenden Leo Siberski gekonnt umgesetzten fetzigen Musik von Rupert Holmes ist es zu verdanken, dass das Musical so herrlich schräg rüberkommt, wie es von seinem Schöpfer gewollt ist. Dass manche Gags wie zum Beispiel die Holzhammerschläge bei der häufigen Nennung des Titels „Das – Pock – Geheimnis – Pock Pock – des Edwin Droooood“ sich ein wenig totlaufen, mildert Prosek durch besonders schalkhafte Übertreibung. Und er singt wie er spielt: lockerleicht aus dem Vollen schöpfend und gekonnt zwischen der Rolle des Prinzipals und der des Bürgermeisters, den er ganz zufällig auch spielen muss, weil Dieter Dollinger (den es natürlich gar nicht gibt) gerade heute ausgefallen ist, hin- und herwechselnd. Ihm zur Seite steht als (gespielte und tatsächliche) Souffleuse, aber auch Vorhangzieherin und Mädchen-für-alles die wundervoll genervt spielende Tanja Kleine, deren Grimassen in den Holzhammer-Szenen schon an Butler James – ouh, must I?? – beim legendären „Dinner for One“ heranreichen.

In ihren Hosenrollen als Edwid Drood und Dick Datchery (was ausdrücklich nicht bedeuten soll, dass beide identisch wären) vokal unglücklich besetzt wirkt Teresa Scherhag. Das männlich-kehlige liegt ihrer Stimme nicht, sie kann jedoch im Schlusschor mit wunderschönem Sopran glänzen. Schauspielerisch meistert sie beide Rollen bravourös.

Sandra Pangl als Rosa Budd singt gewollt schief, wenn sie den Song, den ihr verliebter Onkel ihr zum Geburtstag schrieb, darbietet, darf später aber zeigen, dass sie es auch richtig kann. Ihr mädchenhafter Sopran passt gut zur Rolle, ihr Spielalter nimmt man ihr dennoch nicht immer ab, was aber auch am in ihrem Fall etwas unglücklichen Kostüm liegt. Das ist natürlich so gewollt, hat Holmes doch die Rahmenhandlung einer wild tingeltangelden Theatertruppe dazu entworfen, deren Requisiten und Bühnenbilder marode und teilweise verlorengegangen sind, deren Kostüme zu vielen Theaterstücken passen müssen und daher teilweise improvisiert wirken. Hier haben Requisite (Silvia Meier), Schneiderei (Annette Reiking-Plaumann, Egon Voppichler), Tischlerei (Johannes Niepel) und Malsaal (Thomas Mache) wirklich gute Arbeit geleistet – Bühne und Kostüme (Esther Bätschmann) passen wunderbar zum viktorianischen Vorbild, ohne aus dem Rahmen eines Tourneetheaters zu fallen.

Wundervoll fake-exotisch kommen Elisabeth Köstner als Helen Landless und Jürgen Brehm als Neville Landless daher, beide mit schöner Stimme und herrlich übertriebenem Spiel. Björn Schäffer spielt den Steinmetz Durdles umwerfend durchgeknallt, Fehmi Göklü steht ihm als etwas dödeliger Gehilfe in nichts nach – ein schön schrilles Paar mit prachtvoll geklebten, sichtbar falschen Bärten.

Tim Müller hat als Bazzard „einfach kein Glück“ und darf nicht die sehnsüchtig gewünschte große Rolle spielen, aber davon singen. Und das tut er stimmgewaltig eindrucksvoll. Zudem bekommt er eine Zugabe, weil das Publikum ihn in der besuchten Vorstellung zum männlichen Part des Liebespaares wählt, was er hinreißend komisch umsetzt.

Hochwürden Crisparkle wird von Harrie Poels genau so umgesetzt, wie man sich einen viktorianischen Pfarrer vorstellt: gewichtig, ein bisschen überheblich, wohlwollend aber etwas vertrottelt und einst unglücklich verliebt. Dass das Publikum ihn an diesem Abend zum Mörder wählt, ist sicher kein Zufall – der Mörder ist immer der Pfarrer.

Fabian Egli gibt den John Jasper sehr glaubhaft als leidenschaftlich-verklemmten Opiumsüchtigen, der Rosa seine Liebe nur durch ein ihr gewidmetes Lied gestehen darf, da er ja weiß, dass sie und Edwin an das Heiratsversprechen gebunden sind, das ihre Väter für sie abgegeben haben. Lichtblick des Abends ist aber neben dem genialen Alexander Prosek eine Frau: Judith Bloch als Prinzessin Puffer. Sie singt mit wunderschön dunkler, warmer Stimme, stößt dabei zu keinem Zeitpunkt an irgendeine Grenze, hat stets Luft nach unten und nach oben, was ihrem Gesang Fülle, Tiefe und Leichtigkeit verleiht. Zudem spielt sie leidenschaftlich überzeugend die vom Leben gebeutelte Drogenhändlerin.

Den Zauber des Abends stören neben Kleinigkeiten – so kann Prinzessin Puffer aufgrund ihrer Kinderlosigkeit nicht Amme sein, nur Nanny, also Kinderfrau – nur die Wahlen, die nicht ganz frei sind. Nicht alle Personen sind wählbar, es werden Ergebnisse suggeriert („nehmt nicht das Offensichtliche, wo bliebe da das Geheimnis?“), der Schnüffler und das Liebespaar werden per Applaus gewählt, und beim Schnüffler war der Applaus für eine Person, die dann als nicht gewählt galt, mindestens ebenso stark, wenn nicht sogar stärker, wie für den schlussendlich als gewählt Betrachteten. Als stärkster Kritikpunkt muss die Wahl zum Mörder gelten – die wird nämlich vom Einlasspersonal vorgenommen, welches Strichlisten für Meldungen aus dem Publikum führt. Das Problem dabei: die Wahlhelfer bleiben am Rand der Reihen. So kann das komplette Mittelfeld keine Stimme abgeben. Das müsste sich anders lösen lassen – beispielsweise mit durch jede Reihe weitergereichte Strichlisten nebst Stift.

Doch trotz dieser Kritikpunkte bleibt die sehr gelungene Inszenierung des TfN ein umwerfender Krimispaß mit fetziger Musik und tollen Darstellern einer Musical-Company, die sich sehen und hören lassen kann. Wer es nicht in die großen Musicalmetropolen schafft, bekommt auch bei „Das Geheimnis des Edwin Drood“ ordentlich was auf die Ohren!

Text: Hildegard Wiecker

Hildegard Wiecker

Hildegard Wiecker schreibt leidenschaftlich gern und hat Erfahrung als Rezensentin bei thatsMusical gesammelt, bevor sie zu kulturfeder.de kam.

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