„China Girl“ (Foto: Dennis Mundkowski)
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Prächtiges Acrobatical: „China Girl“ in Hamburg

Hamburg hat endlich wieder ein Acrobatical, eine Mischung aus Musical und Varieté. Nachdem im Jahr 2019 das Cirque-du-Soleil-Musical „Paramour“ in der Neuen Flora herausgebracht und – bedingt durch die Corona-Pandemie – schon 2020 wieder abgesetzt wurde, gibt es nun im First Stage Theater mit „China Girl“ ein neues Akrobatik-Musical, bei dem Artistinnen und Artisten des Chinesischen Nationalzirkus mit Musicalprofis gemeinsam auf der Bühne stehen – begleitet von David Bowies Musik.

Im Fokus der Show steht die tragische Liebesgeschichte von Dou Dou (Arisa Meguro) und Roberto (Norbert Bunker-Whitney) in New York City. Sie lebt mit ihrer Familie in Chinatown, er in Little Italy. Videoeinspielungen erzählen ihre Story, die irgendwo zwischen „Romeo und Julia“ und „West Side Story“ angesiedelt ist, allerdings nicht durch die Akrobatik- und Clown-Darbietungen weitergetragen wird (Regie: Raoul Schoregge). Dadurch wirken Songs, Szenen und Artistik zusammenhanglos. Sehens- und hörenswert ist die Show aber allemal, denn das Qualitätsniveau ist sehr hoch.

Da ist zunächst einmal die Band mit Adrian Werum (Piano), Deborah Vilchez (Drums), Kandara Diebaté (Kora, westafrikanische Stegharfe) und Chiao Hua Chang (Erhu, chinesische Spießgeige), die sowohl die Songs von David Bowie als auch die Musik anderer Komponisten wie Vivaldi oder Bernstein hervorragend intonieren. Unterstützt werden die Musikerinnen und Musiker durch ein exzellentes Gesangsensemble, das aus Theresia Busch, Tabitha Eugling, Martina Ortmann, Martin Holtgreve, Nathalie Schöning, Birgit Widmann und Fiorina Bogatu besteht. Vor allem Widmann und Holtgreve können mit ihren strahlenden Stimmen hervorstechen, doch auch die fünf weiteren Sängerinnen haben alle für sich ihre starken Momente.

Auf den Straßen New Yorks (Bühnenbild: Günther Schoregge) prallen rivalisierende Banden wiederholt aufeinander – beide Lager stacheln sich auf und wollen sich mit allerhand Kunststücken gegenseitig beeindrucken und übertrumpfen. Da werden mal Stühle bis unter das Dach des Theaters gestapelt, Jonglierkeulen durch die Luft geschleudert, mit Strohhüten jongliert, große Holzkonstrukte sowie Menschen auf Köpfen balanciert und sogar Schüsseln hochgewirbelt und mit dem Kopf aufgefangen.

Das alles ist atemberaubend anzusehen und sehr kurzweilig, bringt die dürftige Handlung aber kaum voran. Diese wird immer nur über Videos auf LED-Wänden erzählt. Regisseur Raoul Schoregge übernimmt dabei als Clown die Rolle eines Polizisten, der die rivalisierenden Banden trennen will, dabei immer wieder die vierte Wand durchbricht, das Publikum miteinbezieht und mit verschiedenen Tricks für Lachsalven und begeisterten Szenenapplaus sorgt.

Am Ende ist „China Girl“ ein grenz- und genreüberschreitendes, multikulturelles Projekt, bei dem Artistik, Musik, Gesang und Schauspiel so schön miteinander verschmelzen, dass das Publikum sich für zweieinhalb Stunden fallen lassen und genießen kann. Aus dem Staunen kommt man hier definitiv nicht raus.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".