„Catch me if you can“ in Ibbenbüren (Foto: Yvonne Drescher)
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Gelungen: „Catch me if you can“ in Ibbenbüren

Was für eine unglaubliche Geschichte – und dazu noch eine wahre! Dem jugendlichen Hochstapler Frank Abagnale Jr. gelingt es in den 1960ern, sich ohne jegliche Kenntnisse nacheinander als Lehrer, Pilot, Chefarzt und Rechtsanwalt auszugeben und über Jahre mehrere Millionen mit gefälschten Schecks zu erbeuten. Basierend auf der 1980 erschienenen Autobiographie Abagnales sowie auf der gleichnamigen Verfilmung von Steven Spielberg aus dem Jahr 2002 mit Leonardo DiCaprio und Tom Hanks ist das 2011 am Broadway uraufgeführte Musical „Catch me if you can“ jetzt in einer Inszenierung des Amateurtheaters QuasiSo in der Schauburg Ibbenbüren zu sehen.

Die Musik von Marc Shaiman (ebenfalls Komponist von „Hairspray“) ist stark an den typischen Big-Band-Sound der 60er Jahre angelehnt und überwiegend im Swing-Stil. Im ersten Teil hat das Instrumentale eher untermalenden Charakter: Rasante Rhythmen bilden den Soundtrack zum Katz-und-Maus-Spiel zwischen Frank und Hanratty. „Live und ganz in Farbe“ erinnert an eine glitzernde Varieté-Show, der Bossa Nova „Lass von dir hören“ könnte in einer Cocktail-Lounge erklingen und die Duette der Männer – „Der Nadelstreif ist das, was zählt“ und „Kleiner Bub, sei ein Mann“ – ahmen die Coolness und Geschmeidigkeit des Rat Packs um Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis Jr. nach. Die Partitur enthält aber auch emotionale Balladen wie das Liebesduett „Sieben Wunder“, während „Der Mann aus dem Müll“ mit rauchigen Saxophon- und gedämpften Trompetenklängen an düsteren, melancholischen Jazz erinnert, den man aus dem Genre des Film Noir kennt. Der erste große Showstopper ist Hanrattys „Brich kein Gesetz“, wo das Ensemble mit schwarzen Mänteln und Hüten im Strahl heller Suchscheinwerfer tanzt. Leider wird die Musik vom Band eingespielt, aber den Darstellenden gelingt es trotz Tempowechseln gut, ihren Gesang dem Playback anzupassen (Musikalische Leitung: Frank Müllmann).

Regie, Choreografie, Bühnen- und Kostümbild sind beim QuasiSo Theater jeweils auf Teams verteilt, so dass sich für alle Bereiche eine Gemeinschaftsarbeit ergibt. Das Bühnenbild (Imke Strothmann / Johannes Rolke) besteht lediglich aus vier versetzt aufgestellten, hellen Wänden, die als Projektionsflächen dienen. Der Ort, an dem die jeweilige Szene spielt – der „Miami International Airport“ oder das „Federal Bureau of Investigation“ – wird darauf als Schriftzug angezeigt. Eine der Wände hat eine Fensteröffnung, die vielfältig eingesetzt wird und als Küche, Ticketschalter, Schießstand, Bar oder Fernsehbildschirm fungiert. Auch auf den oberen Teil eines schwarzen Vorhangs im Bühnenhintergrund werden Projektionen wie die Skyline von Manhattan eingeblendet. Ein guter Einfall der Regie (Micha Müllmann, Simon Grotemeier) ist das Fallen des schwarzen Vorhangs beim Song „Goodbye“, wenn Frank sich von seinem alten Leben voller Lügen verabschiedet und plötzlich im grellen Scheinwerferlicht steht. Bespielt werden neben dem Zuschauerraum auch der Treppenaufgang in der Bühnenmitte sowie die Stufen im Hintergrund.

Die Inszenierung kommt zudem mit wenigen Requisiten aus: vereinzelte Koffer am Flughafen, ein Fernsehgerät im Wohnzimmer. Eine bewegliche Bank dient als Schreibtisch im Ermittlungsbüro oder mit spießigem Überwurf als Sofa im Haus von Brendas Eltern.

Verschiedenfarbige Lichtstimmungen (Licht: Moritz Stöttner / David Depta, Markus Dillhoff, Micha Müllmann) unterstreichen die Handlung und das Setting der einzelnen Szenen. Das Flughafenterminal zum Beispiel ist in warmes, ockerfarbenes Licht getaucht, was in Kombination mit den Kostümen an historische Filmaufnahmen erinnert und der Sequenz einen Hauch von Retro verleiht. Besonders gut gelingt dies auch bei Brendas Ballade „Flieg, flieg ins Glück“, wo das Licht dem Spannungsbogen des Songs folgt und zu blau-lilafarbenen Grundtönen zunächst eine fortlaufend bewegte Reling im Hintergrund und dann zum Höhepunkt des Lieds ein ganzer Sternenhimmel im Zuschauerraum erstrahlt. Bei den Shownummern kommen außerdem noch zwei innen beleuchtete Traversen links und rechts auf der Bühne zum Einsatz. Dank geschickter Ausleuchtung ist in manchen Szenen auch nur der Teil der Bühne erhellt, wo gerade die Handlung stattfindet, während der andere im Dunklen bleibt.

Kai Bornemann wird in der Hauptrolle als Frank Abagnale Jr. einiges abverlangt, da er oft fließend zwischen dem verletzlichen Jungen, der sich selbst als Comic-Held sieht, und dem selbstbewussten, weltmännischen Hochstapler wechseln muss. Das erfordert Energie und Dynamik, Bornemann lässt es etwas gemächlicher angehen. Mit seinem jugendlichen, unwiderstehlichen Charme gewinnt er mühelos das Vertrauen anderer. Dazu gehört schon eine Menge Durchtriebenheit und Raffinesse, die er sich von seinem Vater abgeschaut hat. Dies stellt Kai Bornemann gut dar, auch den augenzwinkernden Humor gegenüber Hanratty spielt er glaubhaft aus. Gesanglich fordert die Tenorpartie ebenfalls hohe stimmliche Belastbarkeit. Bei „And’re Haut“, wo Frank über seinen Wunsch singt, der Realität zu entfliehen, ist Bornemann bei den hohen Tönen etwas zaghaft. Seine wahre Stärke kann er am Ende zeigen, wenn er bei „Goodbye“ mit kräftiger, rockiger Stimme singt.

André Rulofs stellt den pflichtbewussten und hartnäckigen FBI-Agenten Carl Hanratty als kompromisslosen, unbestechlichen Workaholic dar, der oft mürrisch und genervt von seinen Kollegen ist und sich nur für die Fakten interessiert. Sein Antrieb ist sein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit und das Gesetz. Damit steht er in direktem Kontrast zum schillernden Lifestyle Franks, von dessen Cleverness er insgeheim fasziniert ist. Den emotionalen Wandel vom verbissenen FBI-Agenten zum Mentor, der allmählich menschliche Züge zeigt, stellt Rulofs überzeugend dar. Mit rauer Stimme bewältigt er auch die erzählerischen und konfrontativen Teile seiner Solonummern.

Uwe Molter gelingt es als Frank Abagnale Sr. überzeugend, den Kontrast zwischen dem charismatischen, einnehmenden, eloquenten Blender und dem späteren alkoholkranken, gebrochenen Mann darzustellen. Für seinen Sohn Frank Jr., dem er gutgemeinte, wenn auch etwas abwegige Lebensratschläge anbietet, bleibt er trotzdem das große Vorbild. Er liebt das große Leben und den Schein des Erfolgs, seine charmanten Tricks bringen ihn jedoch letztlich immer tiefer in finanzielle Bedrängnis. Mit schmeichelnder Stimme meistert Molter auch die fließenden Übergänge von Sprechszenen zu Gesang und phrasiert lässig im Crooner-Stil Frank Sinatras.

Bella Lorenz verkörpert als junge Krankenschwester Brenda Strong die heile Welt, nach der Frank sich sehnt. Sie ist ehrlich, gutherzig, etwas schüchtern und bringt Frank dazu, über sein Leben und seine Lügen nachzudenken. Im emotionalsten Song des Musicals, „Flieg, flieg ins Glück“, steigert sie sich mit sanfter Stimme von anfänglicher Unsicherheit beeindruckend zu kraftvolleren Passagen.

Eva Truschinsky spielt Franks Mutter Paula Abagnale mit eleganter Nonchalance und spricht mit französischem Akzent. Sie wirkt rollengeschuldet etwas oberflächlich und ist darauf bedacht, das perfekte Vorstadtleben zu erhalten. Nach dem Bankrott ihres Mannes entfernt sie sich emotional von der Familie und trägt damit zu deren Krise bei.

Für die meisten Lacher sorgen Hanrattys Assistenten Cod, Branton und Dollar. Cod (Peter Kieser) ist ein Draufgänger, der sich oft nur schwer unter Kontrolle halten lässt. Branton (Patrick Elsner) pocht als Familienvater auf seine Rechte und erinnert Hanratty gerne daran. Dollar (Moritz Johannemann) ist der unerfahrene Anfänger, wird nicht ernst genommen und wegen seiner Naivität und Unbeholfenheit oft von den anderen aufgezogen.

Nicole Wesselmann und Patrick Leufkens geben als Brendas Eltern Carol und Roger Strong ein ungleiches Paar ab. Die Mutter wirkt in ihrem fliederfarbenen Kostüm mit passender Schleife und Perlenkette herausgeputzt, gibt die perfekte Gastgeberin, neigt aber zu dramatischen Auftritten, ist äußerst gesprächig und von ihrem neuen Schwiegersohn in spe gleich hellauf begeistert. Der Vater hingegen versteckt sich mürrisch hinter seiner Zeitung. Sein Desinteresse ist jedoch nur gespielt und er entpuppt sich als kritisch, konservativ und streng. Das Eis bricht erst, als alle – Frank, Brenda und ihre Eltern – zum gemeinsamen Sing-Along bei der „Mitch Miller Show“ vor dem heimischen Fernseher zusammenkommen.

Heimlicher Star des Abends ist das achtköpfige Damenensemble (Bella Lorenz, Nicole Wesselmann, Colleen Menger, Leonie Hoge, Mia-Sophie Kröner, Lilly Marie May, Katrin Rulofs, Leoni Stork), das nicht nur in sämtlichen Kostümen langbeinig und verführerisch eine gute Figur macht, sondern auch im Gesang harmonisch zusammenklingt und die Choreografien (Lena Hummel, Johanna Kalisch, Christina König) im klassischen Broadway- und Revuestil mit Kickline und Jazz Hands synchron tanzt. Die Kostüme (Ute Stötner / Marion Kroll) sind Hingucker und geben den Stil der Zeit treffend wider, seien es die Swingkleider und Bob-Frisuren der Passagiere am Flughafen, die paillettenbesetzten Fransenkleider des Showensembles im Charleston-Stil, die Caprihosen, karierten Pullunder und weißen Blusen bei der Weihnachtsfeier, die knappen weißen Kittel und Hauben der Krankenschwestern oder die ikonischen Pan-Am-Uniformen der Stewardessen.

Die Musicalfassung von „Catch me if you can“ kombiniert die rasante Gaunerkomödie mit dem Glitzer und Glamour der Varietés und Fernsehshows der 60er Jahre. Erzählt wird jedoch nicht nur Franks Biographie, sondern die Handlung wirft auch einen Blick hinter die schillernde Fassade seines Jet-Set-Lebens und thematisiert seine Suche nach Anerkennung, Stabilität und Zugehörigkeit. Ausgelöst durch die Scheidung seiner Eltern und den finanziellen Ruin seines Vaters, flüchtet er in die Kriminalität und versucht verzweifelt, den alten Status seiner Familie wiederherzustellen. Mit Hanratty teilt er die Einsamkeit und gegenseitige Bewunderung, weshalb Carl zu einer Art Vaterfigur für ihn wird und ihm dabei hilft, seine Fähigkeiten auf legale Weise einzusetzen.

Dennoch fehlt es dem Stück zeitweise ein wenig an Schwung und Tempo, was aber nicht an der Inszenierung, sondern am Buch liegt. Manche Szenen sind etwas lang geraten, wie im ersten Teil, wenn Frank sich von Erfolg zu Erfolg mogelt, ohne je ernsthaft Gefahr zu laufen, aufzufliegen. Zudem lässt das Musical etwas an Wortwitz vermissen, vor allem was die Hauptfigur betrifft. Nichtsdestotrotz hat „Catch me if you can“ einen großen Unterhaltungswert und ist in Ibbenbüren für eine Amateurbühne kreativ und überzeugend umgesetzt worden. Ein weiteres Beispiel dafür, dass man auch mit kleinerem Budget und wenigen Mitteln einen gelungenen Theaterabend gestalten kann.

Text: Yvonne Drescher

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Yvonne Drescher ist studierte Musik-, Sprach- und Literaturwissenschaftlerin sowie Kulturmanagerin. Während ihres Studiums hat sie als freie Mitarbeiterin im Kulturbereich für Magazine und Zeitungen geschrieben und anschließend in der PR-Abteilung eines Tourneeveranstalters gearbeitet. Als Laiendarstellerin, Musikerin oder Regieassistentin war sie selbst schon an zahlreichen Musiktheaterproduktionen beteiligt.