„Carmina Burana“ in Osnabrück
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Kantatenwerk als Tanztheater: „Carmina Burana“ in Osnabrück

Mit dem gewaltigen Chorklang von „O Fortuna“ beginnt und endet Carl Orffs „Carmina Burana“ – und mit ihr eine musikalische Welt, die den Menschen als Wesen zwischen Hoffnung und Vergänglichkeit betrachtet. Fortuna, das wechselhafte Schicksal, dreht ihr Rad unaufhörlich weiter. Was heute blüht, vergeht morgen. Was verloren scheint, kehrt zurück. Am Theater Osnabrück wird diese Bewegung nicht nur hörbar, sondern sichtbar gemacht: Die spanische Choreografin Alba Castillo entwickelt gemeinsam mit der Dance Company, Chor, Sängerinnen und Sängern sowie Orchester ein vielschichtiges Tanztheater, das Orffs Werk als offenen Erfahrungsraum versteht.

Die „Carmina Burana“, jene Sammlung mittelalterlicher Texte über Frühling, Lust, Rausch, Liebe und die Unberechenbarkeit des Lebens, ist kein narratives Werk im klassischen Sinn. Gerade darin liegt ihre Herausforderung. Wo Handlung fehlt, entsteht Interpretationsraum. Orff selbst hat diesen bewusst geöffnet und Musik, Gesang und Bewegung als gleichwertige Ausdrucksebenen gedacht. Die Osnabrücker Inszenierung nimmt diesen Gedanken ernst.

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Castillos Zugang ist dabei unmittelbar. Bereits im Vorfeld beschreibt sie ihre persönliche Verbindung zum Werk mit den Worten: „Die ‚Carmina Burana’ war das erste Stück, bei dem ich als Kind auf einer Bühne getanzt habe. Jetzt darf ich es selbst choreografieren. Der Kreis schließt sich.“ Dieser Gedanke des Kreisens, Wiederkehrens und Sich-Verwandelns durchzieht die gesamte Aufführung.

Die Choreografie sucht nicht nach illustrativer Eindeutigkeit. Statt einzelne Textbilder nachzustellen, übersetzt Castillo musikalische Energien in Körperzustände. Bewegung wächst aus Rhythmus heraus, reagiert auf Verdichtung und Öffnung, auf Chorflächen und orchestrale Zuspitzungen. Immer wieder entstehen Bilder kollektiver Dynamik: Gruppen formieren sich, lösen sich auf, ziehen Einzelne hinein oder stoßen sie wieder aus. Der Mensch erscheint hier nie isoliert, sondern eingebunden in soziale, emotionale und existentielle Zusammenhänge.

Dabei gelingt Alba Castillo etwas Schwieriges: Sie vertraut auf die Kraft der Musik, ohne sich ihr unterzuordnen. Die Tänzerinnen und Tänzer schmücken nicht aus, sondern erweitern die Partitur um eine körperliche Dimension. Wo Orffs Komposition zwischen archaischer Wucht und beinahe zärtlicher Leichtigkeit changiert, antwortet die Dance Company mit großer Ausdruckskraft und einer Bewegungssprache, die Energie ebenso zulässt wie Momente der Reduktion.

Unterstützt wird dieser Ansatz durch die klare Bildwelt von Bühnenbildner Darko Petrovic. Die Bühne bleibt weitgehend leer: eine schwarze Fläche, über der ein Kreis aus schwebenden Leuchtröhren hängt. Dieses kreisförmige Element verändert im Verlauf des Abends seine Höhe und wird so selbst zum zentralen Symbol der Inszenierung und ist mal schwebende Sonne, mal Schicksalsrad, mal Grenze, mal Schutzraum. Ohne aufwändige Umbauten entsteht so eine räumliche Wandelbarkeit.

Auch das Lichtdesign von Lukas Marian Wiedmer arbeitet nicht gegen diese Reduktion an, sondern nutzt sie konsequent. Licht modelliert Räume, setzt Akzente, verdichtet oder öffnet Szenen und gibt dem Schwarz der Bühne Tiefe. Die Gestaltung bleibt dabei zurückhaltend genug, um den Körpern Raum zu lassen.

Lucia Frisches Kostümbild setzt ebenfalls auf klare Kontraste. Während Solistinnen und Solisten sowie Chor in Schwarz auftreten und damit fast zu einer tragenden, beobachtenden Instanz werden, bewegen sich die Tänzerinnen und Tänzer in Weiß-, Beige- und Goldtönen durch den Raum. Es entsteht ein spannungsvolles Verhältnis zwischen Erdung und Transzendenz, zwischen Gemeinschaft und Verkörperung.

Musikalisch trägt der Abend seine enorme Besetzung mit beeindruckender Geschlossenheit. Unter der Leitung von Benjamin Huth entfaltet das Osnabrücker Symphonieorchester Orffs charakteristische Klangsprache mit markanter Rhythmik und großer Präsenz. Dabei bleibt die Balance zwischen Bühne und Graben bemerkenswert sorgfältig austariert.

Eine tragende Rolle übernimmt der Chorapparat des Hauses: Opernchor, Extrachor, Kinderchor, Knaben- und Mädchenchor am Osnabrücker Dom sowie der Projektchor formen gemeinsam jene klangliche Wucht, ohne die „Carmina Burana“ kaum denkbar ist. Doch der Abend lebt nicht allein von Lautstärke oder Masse. Gerade in den feineren Passagen entstehen differenzierte Abstufungen und Transparenz.

Auch die Solistinnen und Solisten setzen deutliche Akzente. Susanna Edelmann gestaltet ihre Partien mit Klarheit und Präsenz, Jan Friedrich Eggers überzeugt mit tragfähiger Linienführung, während Florian Wugk die dramatischen Momente markant konturiert.

Diese Osnabrücker „Carmina Burana“ sucht nicht nach dem Spektakel des Monumentalen, obwohl das Material dazu verleiten könnte. Sie interessiert sich stärker für das Wechselspiel zwischen Individuum und Gemeinschaft, zwischen Aufbruch und Verlust, zwischen Moment und Vergänglichkeit. Am Ende kehrt „O Fortuna“ zurück. Der Kreis schließt sich, das Publikum applaudiert nach einer guten Stunde frenetisch.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".