Es lebe die Vielfalt: „Alle reden nur noch von Jamie“ in Dortmund
Es gibt Musicals, die sich auf eingängige Melodien und spektakuläre Schauwerte verlassen. Und es gibt Stücke wie „Alle reden nur noch von Jamie“ („Everybody’s talking about Jamie“), die vor allem aus der Kraft ihrer Figuren, ihrer Dialoge und ihrer Menschlichkeit leben. Die Dortmunder Produktion der Jungen Oper im Rahmen von „We DO Opera!“ beweist eindrucksvoll, weshalb es um das Werk von Dan Gillespie Sells (Musik) und Tom MacRae (Buch und Songtexte) solch einen Hype gibt. In der deutschsprachigen Erstaufführung entfaltet sich eine Geschichte über Selbstfindung, Mut und gesellschaftliche Akzeptanz, die mitreißt, berührt und immer wieder auch zum Lachen bringt.
Mit einer Spieldauer von beinahe dreieinhalb Stunden gehört „Alle reden nur noch von Jamie“ nicht gerade zu den kurzen Vertretern seines Genres. Überraschend ist dabei, wie wenig Musik das Werk im Vergleich zu vielen anderen Musicals tatsächlich enthält: Acht Nummern im ersten, neun im zweiten Akt. Dennoch entsteht niemals der Eindruck von Länge. Im Gegenteil. Die Handlung entwickelt einen solchen Sog, dass die Zeit nahezu unbemerkt vergeht. Das liegt an MacRaes klug konstruiertem Buch ebenso wie an den Songs, die unmittelbar ins Ohr gehen, ohne sich je in bloßer Gefälligkeit zu erschöpfen. Regisseur Alexander Becker gelingt daraus eine Inszenierung, die Tempo, Humor und große Gefühle geschickt miteinander verbindet. Stets bleibt der Blick auf die Figuren gerichtet, auf ihre Hoffnungen, Ängste und Konflikte.
Das Bühnenbild von Annika Haller strukturiert die verschiedenen Handlungsorte mit großer Klarheit. Im hinteren Bereich sitzt das Orchester, davor befindet sich das Klassenzimmer als zentraler sozialer Mikrokosmos. Rechts ist die Küche der Familie New angesiedelt, links das Schul-WC. Mit wenigen Versatzstücken entsteht in der Mitte zugleich der Drag-Laden, der Jamie neue Perspektiven eröffnet. Weitere Schauplätze werden durch die schwarzweißen Videoeinspielungen von Dustin Krüger angedeutet, die funktional bleiben und die Szenenwechsel flüssig unterstützen.
Nina Albrecht-Paffendorfs Kostüme treffen sowohl den Schulalltag der Jugendlichen als auch die schillernde Welt der Drag-Kunst. Besonders in den Auftritten der „House of Blænk“ entsteht ein reizvoller Kontrast zwischen alltäglicher Realität und glanzvoller Selbstinszenierung. Christian Harms, Matthias Dörmann, Daniel Wienke, Marcin Drozdz und Lennart Pannek verleihen dieser Gemeinschaft Ausstrahlung, Witz und Wärme.

Einen Anteil am Erfolg des Abends hat auch die Choreografie von Jutta Maas und Thomas Kolczewski. Vor allem die Szenen mit den Jugendlichen besitzen eine mitreißende Dynamik. Die Bewegungsabläufe wirken lebendig und natürlich, fangen Gruppengefühle ebenso überzeugend ein wie Momente individueller Emanzipation. Florian Franzens Lichtgestaltung unterstützt die jeweiligen Stimmungen unaufdringlich und wirkungsvoll.
Musikalisch befindet sich die Aufführung bei Florian Koch in sicheren Händen. Das Orchester gestaltet die Partitur mit Schwung, rhythmischer Verve und einem feinen Gespür für die unterschiedlichen Klangfarben zwischen Pop, Ballade und hymnischen Ensemblepassagen. Die Sängerinnen und Sänger werden aufmerksam getragen, ohne jemals zugedeckt zu werden. Dadurch können die deutschen Texte von Werner Sobotka ihre Wirkung entfalten und die musikalischen Höhepunkte ihre volle Strahlkraft entwickeln.
Im Mittelpunkt steht Dominik Kulczyński als Jamie New: Er liefert eine Darstellung, die das Stück prägt, und verkörpert die Titelfigur mit Charisma, natürlicher Bühnenpräsenz und großer Wandlungsfähigkeit. Sein Jamie ist weder bloß rebellischer Teenager noch idealisierter Held, sondern ein junger Mensch voller Sehnsüchte und Unsicherheiten. Kulczyński gelingt es, die Verletzlichkeit hinter der selbstbewussten Fassade sichtbar zu machen. Zugleich besitzt er die notwendige Energie und den Witz, um die humorvollen Passagen mit Leichtigkeit zu tragen. Gesanglich überzeugt er mit klarem Ausdruck und sicher geführter Stimme. Jede Entwicklung der Figur wird nachvollziehbar, jede Entscheidung glaubhaft.
An seiner Seite glänzt Lilly Sophie Kastner als Pritti Pasha. Dass die Darstellerin blind ist, wird nie zum definierenden Merkmal ihrer Leistung, sondern tritt hinter einer beeindruckenden Bühnenpräsenz zurück. Ihre Interpretation besitzt Charme, Natürlichkeit und große Sympathiewerte. Der Song „Es heißt wundervoll“ entwickelt sich zu einem der Höhepunkte des Abends und wird folgerichtig mit langem Szenenapplaus bedacht.

Nicht minder eindrucksvoll gestaltet Marja Hennicke die Rolle von Jamies Mutter Margaret New. Sie zeichnet eine Frau, die zwischen Sorge, Überforderung und bedingungsloser Liebe steht. Besonders in „Er ist mein Sohn“ erreicht die Aufführung einen ihrer bewegendsten Momente. Der starke Applaus des Publikums kommt nicht von ungefähr: Hennicke verleiht der Nummer Wärme, Kraft und eine berührende Wahrhaftigkeit.
Cecilia Siebers stattet die Lehrerin Miss Hedge mit angenehmer Bodenhaftung aus und findet eine überzeugende Balance zwischen Strenge und Fürsorge. Tabitha Affeldt bringt als Ray viel Spielfreude und Humor ein. Hannes Brock meistert den Spagat zwischen Hugo und dessen Drag-Identität Loco Chanelle mit großer Souveränität und verleiht beiden Facetten Profil. Jacob Ambrosius zeichnet Dean Paxton nicht als eindimensionalen Gegenspieler, sondern macht dessen Aggressionen als Ausdruck eigener Unsicherheiten nachvollziehbar. Martin Lasche als Jamies Dad hat nur wenige Auftritte, weiß diese aber zu nutzen, um sich so authentisch als Widerling zu präsentieren, dass er beim Schlussapplaus einige Buhrufe aushalten muss.
Besonders beeindruckend wirkt die Einbindung der zahlreichen Mitwirkenden aus dem partizipativen Projekt „We DO Opera!“: OpernYoungsters, Schülerinnen und Schüler des Märkischen Gymnasiums Iserlohn, Gäste und Mitglieder des Hausensembles verschmelzen zu einer homogenen Gemeinschaft auf der Bühne. Die Produktion lebt von dieser kollektiven Energie. Gerade dadurch gewinnt die Geschichte zusätzlich an Glaubwürdigkeit, weil sie nicht allein von Individualität erzählt, sondern auch von Gemeinschaft und Zusammenhalt.
Text: Dominik Lapp

