Wietske van Tongeren (Foto: Dominik Lapp)
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Interview mit Wietske van Tongeren: „Ich liebe jede meiner Rollen“

Wietske van Tongeren absolvierte ihre Musicalausbildung im niederländischen Tilburg. Anschließend wurde die Niederländerin vor allem in Deutschland und Österreich bekannt, wo sie unter anderem die Titelrolle in „Elisabeth“ und Hauptrollen in „Rebecca“, „Rudolf“ sowie „3 Musketiere“ übernahm. Zuletzt war sie am Landestheater Salzburg als Maria in „The Sound of Music“ und als Nonne Agnes in „Marie Antoinette“ in Tecklenburg zu sehen. Als nächstes wird sie die Rolle der Adrian in der Uraufführung von „Rocky“ in Hamburg spielen. Im Interview spricht Wietske van Tongeren vor allem über „The Sound of Music“ und ihren Bezug zur Rolle der Maria, aber auch über „Marie Antoinette“ und „Rocky“.

Wann sind Sie mit „The Sound of Music“ erstmals in Berührung gekommen?
Als ich ein kleines Mädchen war, habe ich im Fernsehen den Film „The Sound of Music“ gesehen. Es hat mich fasziniert. Die Musik und die Stimme von Julie Andrews fand ich wunderschön. Damals habe ich alle Lieder mitgesungen, und bis heute kann ich alle Lieder auf Englisch auswendig. Mit „The Sound of Music“ verbinde ich schöne Erinnerungen an meine Kindheit.

„The Sound of Music“ war nach 52 Jahren erstmals in Salzburg zu sehen. Wie erklären Sie sich, dass es so lange gedauert hat?
In Holland und eigentlich fast überall auf der Welt ist dieser Film sehr bekannt. Ich wusste nicht, dass der Film im deutschsprachigen Raum gar nicht so bekannt ist. Aber eine Erklärung dafür ist schwierig. Wir haben während der Probenzeit auch oft darüber geredet. Vielleicht hat es mit dem Thema Krieg zu tun. Damals hat ein Großteil Salzburgs mit den Nazis kooperiert. Das ist natürlich nach dem Krieg sehr schwierig gewesen. Vielleicht ist das ein Grund dafür, warum der Film hier nicht so wirklich ankam. Und ich denke, der Film ist für viele Leute auch zu kitschig und hat sich von der wahren Geschichte etwas entfernt.

Was bedeutet „The Sound of Music“ für Wietske van Tongeren?
Für mich steht „The Sound of Music“ für Familien- und Heimatliebe. Durch die Musik findet eine Familie wieder zusammen – das finde ich sehr schön, da Musik auch in meiner Kindheit sehr prägend war. Dass dieses Stück jetzt endlich nach Salzburg gekommen ist, finde ich großartig. Und ich hoffe, dass wir durch unsere Inszenierung und die schöne Musik das Publikum für „The Sound of Music“ begeistern können, so wie mich der Film damals begeisterte.

Haben Sie die Stadt Salzburg schon vor Ihrem Engagement mit „The Sound of Music“ in Verbindung gebracht, oder haben Sie die Stadt vorher gar nicht bewusst wahrgenommen?
Ich war tatsächlich für die Audition zum ersten Mal in Salzburg. Zwar habe ich in der Nähe von Salzburg das Skifahren gelernt, aber hatte nie die Möglichkeit, mir die Stadt anzuschauen. Durch Erzählungen und Bilder wusste ich, dass Salzburg eine schöne Stadt ist. Aber erst als ich für die Proben angereist bin, wurde mir wirklich klar, wie viel diese Stadt eigentlich bietet. Ich hatte während der Proben zwar nicht viel Freizeit, aber ich war jeden Sonntag mit meinen Kollegen unterwegs in Salzburg und der Umgebung. Das schönste Erlebnis war der Tag, an dem wir den Untersberg hoch- und runtergelaufen sind. So viel schöne Natur, so ein freies Gefühl – das war herrlich. Und auch die Stadt ist einfach ein Traum.

Bei der Premiere von „The Sound of Music“ in Salzburg waren auch Mitglieder der echten Trapp-Familie anwesend. Hat Sie das unter Druck gesetzt, und wenn ja, wie sind Sie damit umgegangen?
Der Tag der Premiere war aufregend wie jede Premiere. Aber da meine Rolle so viel Lebensfreude, Wärme und Energie bringt, war ich zwar aufgeregt, aber positiv aufgeregt. Die positive Energie war so groß, dass ich es richtig genießen konnte. Es war eine Ehre, dass die Familie von Trapp da war. Ich hatte auch die Möglichkeit, im Vorfeld der Premiere mit der Familie zu sprechen, und sie waren alle so lieb und haben uns total unterstützt. Also Druck habe ich da überhaupt nicht gespürt. Ich war nur extrem motiviert.

(Foto: Dominik Lapp)

Wie haben Sie sich auf die Rolle der Maria vorbereitet? Inwiefern haben Sie den Film für die Vorbereitung genutzt?
Da ich den Film schon so oft gesehen habe, wusste ich, was auf mich zukommen würde. Da ich aber Julie Andrews‘ Stimme im Kopf hatte, wollte ich etwas Abstand vom Film bekommen. Ich habe dann die Biografie der echten Maria von Trapp gelesen und viele Orte besucht, an denen die wahre Geschichte stattgefunden hat. Da mir die englischen Songtexte noch so sehr im Kopf waren, habe ich mich besonders auf die deutsche Übersetzung konzentriert. Dass die Rolle der Maria und ich uns sehr ähnlich sind, habe ich dann auch schnell herausgefunden. Die ehrliche und positive Kraft, die diese Rolle braucht, ist für mich mein Motor.

Wie ist es für Sie, in einem weltbekannten Musical die Hauptrolle zu spielen?
Das ist wirklich eine Ehre. Ich liebe jede meiner Rollen. Aber bei Maria habe ich sehr schnell herausgefunden, dass wir uns sehr ähnlich sind. Die Rolle ist ehrlich und offen wie ein Kind – und sie ist sehr positiv. Es macht großen Spaß, diese Rolle zu spielen, und sie gibt mir auch sehr viel positive Energie.

Die englischen Songtexte von „The Sound of Music“ sind weltweit bekannt. Warum ist es trotzdem richtig, dass die Inszenierung in Salzburg auf Deutsch ist?
Die Familie von Trapp war eine Salzburger Familie, ihre Sprache war Deutsch. Natürlich sind die Lieder auf Englisch weltbekannt. Aber wir spielen in Salzburg und haben auch eine sehr schöne deutsche Übersetzung. Ich glaube, durch diese Übersetzung bringen wir das Stück den Salzburgern etwas näher. Für das ausländische Publikum haben wir außerdem englische Übertitel, und zum Schlussapplaus singen wir eine Zugabe auf Englisch.

Nach „Rebecca“ und „Rudolf“ spielten Sie nun in „The Sound of Music“ schon zum dritten Mal an der Seite von Uwe Kröger. Ist es für Sie ein Vorteil für das Zusammenspiel auf der Bühne, oder spielt das keine Rolle?
Uwe und ich hatten das Glück, schon in drei Produktionen miteinander spielen zu dürfen. Trotzdem ist jedes Stück anders, und in jedem Stück sucht man die Beziehung zueinander neu. Da wir uns aber auf und hinter der Bühne sehr gut verstehen, müssen wir manchmal nur einen Blick austauschen, um zu wissen, wie es dem anderen geht. Uwe Kröger und Wietske van Tongeren vertrauen sich, das ist für eine Liebesgeschichte auf der Bühne sicher sehr wichtig.

Wietske van Tongeren (Foto: Dominik Lapp)

Vom Kloster Nonnberg im Salzburger Land ging es für Sie jetzt direkt ins französische Kloster im Tecklenburger Land, wo sie die Nonne Agnes in „Marie Antoinette“ spielen. Ein schöner Zufall?
Ja, wirklich ein schöner Zufall. Maria war immer eine Traumrolle von mir, und „The Sound of Music“ kannte ich ja schon aus meiner Kindheit. Das Musical „Marie Antoinette“ kannte ich allerdings noch nicht. Als das Angebot dafür kam, habe ich mich zum ersten Mal damit beschäftigt und mich direkt in die Musik verliebt. Aber es sind zwei unterschiedliche Nonnen. In Salzburg als Maria durfte ich quirlig sein, wie ich auch privat ein bisschen bin. In Tecklenburg als Agnes war ich in meinem Auftreten wesentlich schlichter. Aber das ist die Herausforderung, und das macht Spaß.

Haben Sie eine besondere Verbindung zu Nonnen? Sind Sie gläubig?
Ich bin schon gläubig. Allerdings nicht katholisch. (lacht) Ich muss aber sagen, dass ich es beeindruckend finde, wenn sich eine Frau dafür entscheidet, als Nonne zu leben. Ich glaube, ich könnte das nicht, weil ich mich nach Familie und Kindern sehne. Vor Nonnen haben ich großen Respekt.

Was gefällt Ihnen an der Rolle der Agnes?
Ich finde es wirklich schön, dass die Rolle viel beobachtet. Gerade weil ich vom Typ her eine quirlige Person bin, war es für mich eine Herausforderung, mich mal zurückzunehmen und zu beobachten. Agnes beobachtet die Charaktere und die Geschichte und nimmt sich sehr zurück. Das finde ich besonders schön an der Rolle.

Nächster Halt: „Rocky“ in Hamburg. Nachdem Sie etliche historische Rollen gespielt haben, nun ein moderner Stoff über einen Boxer. Ist das eine willkommene Abwechslung für Wietske van Tongeren?
Ich freue mich sehr, dass es mal etwas Modernes ist. Ich freue mich darauf und hätte nie im Leben gedacht, dass ich die Rolle bekomme. Ich muss ehrlich sagen, ich bin zur Audition gefahren und habe mir keine Hoffnungen gemacht. Natürlich habe ich mein Bestes gegeben. Aber dass es wirklich klappen könnte, habe ich nicht für möglich gehalten. Es war eine schöne Atmosphäre bei der Audition, gerade die Arbeit mit dem Regisseur und dem Musikalischen Leiter.

Was haben Sie gedacht, als Sie das erste Mal davon hörten, dass aus dem Film „Rocky“ ein Musical wird?
Ich habe wahrscheinlich das gedacht, was wohl jeder gedacht hat: Okay, was ist das jetzt und was soll das werden? Ich konnte es mir noch nicht so recht vorstellen, war aber trotzdem nicht skeptisch. Im Gegenteil. Ich liebe es, wenn neue Stücke entstehen. Ich kannte den Film durch meinen Bruder, konnte damit aber früher nicht viel anfangen. Erst nach den Auditions habe ich ihn mir noch mal angesehen. Als ich das erste Mal die Musik aus dem Musical gehört habe, als sie ein Pianist für mich gespielt hat, dachte ich nur: Okay, das ist cool, diese Musik habe ich nicht erwartet bei dem Titel. Aber gut, die Musik ist von dem Komponisten Stephen Flaherty, der auch die Musik für „Ragtime“ geschrieben hat – und das Stück liebe ich.

Drew Sarich, der Darsteller des Rocky, ist ein alter Bekannter für Sie. Was bedeutet Ihnen die Zusammenarbeit mit ihm, nachdem Sie beide schon im Musical „Rudolf“ gemeinsam auf der Bühne gestanden haben?
Ich freue mich sehr auf Drew, denn er ist so ein lockerer Typ. Das liebe ich. Wir hatten auch schon eine gemeinsame Pressekonferenz für „Rocky“, das passt einfach. Vor allem, wenn ich in seine Augen sehe, dann sehe ich Rocky. Er ist Rocky. Wenn Leute um mich herum aufgeregt sind, lasse ich mich davon manchmal anstecken. Aber Drew ist total locker, das überträgt sich auf mich. Und darauf freue ich mich wirklich sehr.

Interview: Dominik Lapp

Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder.de. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und das Streaming-Konzert "In Love with Musical".

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