Radulf Beuleke (Foto: Dominik Lapp)
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Interview mit Radulf Beuleke: „Fehlgriffe und Experimente kann ich mir nicht leisten“

Radulf Beuleke ist seit 1992 ehrenamtlicher Intendant der Freilichtspiele Tecklenburg, engagiert sich dort jedoch schon seit 1977. Für sein ehrenamtliches Engagement im Kulturbereich wurde Beuleke im November 2009 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Unter seiner seit 20 Jahren andauernden Intendanz hat sich die Freilichtbühne in Tecklenburg zu einer der größten und erfolgreichsten Open-Air-Musicalbühnen im deutschsprachigen Raum entwickelt. Im Interview spricht Radulf Beuleke über entscheidende Umbrüche, Eintrittspreise, Spielplangestaltung und über die Open-Air-Premiere des Kunze/Levay-Musicals „Marie Antoinette“.

Im Mai 2012 waren Sie 20 Jahre Intendant der Freilichtspiele Tecklenburg. Was waren für Sie entscheidende Umbrüche in dieser Zeit?
Mein erstes großes Projekt direkt nach der Wahl war die Überdachung des Zuschauerraumes, was uns schon lange am Herzen lag. Zuvor wurden da Versprechungen gemacht, die nicht einhaltbar waren. Als ich das 1992 übernahm, wurde zwar schon mit dem Dach geworben, aber es gab keins. Also habe ich mir vorgenommen, das Dach bis zur Saison 1993 zu realisieren, was wir mit verstärkter Kraft und Unterstützung vom Kreis Steinfurt auch hinbekommen haben.

Für die damaligen Verhältnisse war die Dachkonstruktion ultramodern, sehr aufwändig und nahezu Wahnsinn. Man muss bedenken, dass man in das Burggelände nichts hineintransportieren kann. Deshalb wurden die großen Pylonen, die das Dach tragen, damals mit Hubschraubern angeliefert. Das war eine Staffel von Lastenhubschraubern aus Berlin-Schönefeld, die diese Pylonen in das Gelände gebracht und dort versenkt haben. Das war ein wahnsinniger Aufwand. Aber es lohnte sich. Denn wir hatten dadurch 1993 eine Steigerung der Zuschauerzahlen von 70 oder 80 Prozent.

Der nächste große Umbruch, der von harter Kritik begleitet wurde, war 1996 die Umstellung auf drei Stücke pro Saison. Zuvor hatten wir ja immer nur zwei Produktionen gespielt: Ein Kinderstück und eine Operette oder ein Musical. Als dann die dritte Produktion dazukam, hieß es von vielen Seiten, das würde nicht gehen. Aber das hat mich nicht gestört oder aufgehalten.

Als wir 1996 dann „Hair“ gemacht hatten, gelang uns damit auch der Schritt immer weiter ins Musical. Die Operette wurde weniger, das Musical mehr, und es wurden auch insgesamt mehr Vorstellungen. Früher hatten wir mit der Operette 21 Vorstellungen pro Saison, mittlerweile sind wir im Kernspielplan mit drei Produktionen bei 60 bis 70 Vorstellungen.

Das waren die wichtigsten Umbrüche in den vergangenen 20 Jahren. Und nach wie vor stehe ich unter dem Druck, unsere Bühne auch weiterhin zu professionalisieren. Das heißt aber nicht, dass wir auf unser Ehrenamt verzichten. Unser ehrenamtlicher Chor ist die Basis der Freilichtspiele Tecklenburg, und wir sind noch immer ein Verein, der das Ehrenamt pflegt. Der Verein wiederum leistet sich ein professionelles Sommertheater, und mit steigendem Erfolg eröffneten sich uns auch völlig neue Möglichkeiten, vor allem in technischer Hinsicht. Hier wollen wir uns auch immer weiter verbessern.

Haben Sie denn 1992 schon erahnen können, dass sich die Freilichtspiele Tecklenburg einmal zu einer der bekanntesten Musical-Freilichtbühnen entwickeln würden?
Man konnte damals zumindest eine Ahnung haben, dass das Musical im Trend ist oder sich ein Trend entwickelt. Auslöser waren Musicals wie „Das Phantom der Oper“ in Hamburg. Und 1992 kam auch „Elisabeth“ in Wien zur Uraufführung. Es begann also eine Musical-Euphorie, die mittlerweile etwas stagniert. Wie weit meine Träume damals gegangen sind, weiß ich nicht. Ich wusste nicht, was aus der Bühne und aus mir wird. Natürlich ist es immer wichtig, Pläne und Visionen zu haben. Inwiefern diese jedoch realisierbar sind, ist wieder eine andere Sache.

Sie hatten ja bereits angesprochen, dass es 1996 einen Umbruch von der Operette zum Musical gab. Waren Sie denn zum damaligen Zeitpunkt schon ein Freund des Musicals, oder sind sie da erst mit den Jahren hineingewachsen?
Nein, bin ich nicht. Ich fand Musicals schon immer hochinteressant. Ich kann mich noch gut an mein erstes Musical erinnern. Das war „My Fair Lady“ mit Karin Hübner und Paul Hubschmidt im Hamburger Operettenhaus. Das war damals schon ein Hammer und einfach unglaublich für mich. Danach habe ich auch sehr häufig begleitet, was das Theater des Westens in Berlin gemacht hat. Denn dort hatten sie schon damals einen sehr hohen Standard. Und so haben Musicals mich schon immer fasziniert, obwohl ich damals ein Opernfan war. Beim Musical hat mich aber die Vielfalt innerhalb des Genres sehr interessiert – Drama wie Komödie. Und natürlich die Verbindung von schauspielerischen, tänzerischen und musikalischen Elementen. In einer entsprechenden Umsetzung finde ich das sehr spannend. Und ich muss sagen, dass mein Horizont da mitgewachsen ist.

Da Sie sich gerade als Opernliebhaber geoutet haben: Wäre es nicht auch eine Option gewesen, Tecklenburg als Festspielstadt für Opern statt für Musicals zu etablieren?
Es hat die Idee der Opernfestspielstadt gegeben. Ich habe ja bereits 1977 bei den Freilichtspielen Tecklenburg angefangen. Damals war ich noch im Chor aktiv und sang dort in der Oper „Carmen“. Opern wurden also damals schon hier gespielt. Und es gab in der Vergangenheit auch immer wieder Musikalische Leiter, die Wagneropern für Tecklenburg vorschlugen. Es gab viele Ideen und Angebote. Aber ich habe auch erlebt, wie die Oper in Tecklenburg gestorben ist. Ich kann mich noch an Opernaufführungen auf unserer Bühne erinnern, bei denen wir nur 250 Zuschauer zählten. Die Resonanz des regionalen Publikums für die Oper war einfach nicht da. Wir hätten hier also kein zweites Salzburg aufmachen können.

Als Intendant betone ich es außerdem immer wieder: Ich kann nicht auf Risiko gehen. Ich bekomme fast alle 14 Tage ein Angebot für ein Stück, das einerseits ganz interessant und eine Neuerung ist, das ich aber andererseits unserem Publikum nur schwer vermitteln und näher bringen kann. Von den Einnahmen her, bin ich auf das Publikum angewiesen. Deshalb muss ich mich am Publikumsgeschmack orientieren. Fehlgriffe und Experimente kann ich mir nicht leisten.

War die Saison 2011 mit den Musicals „Crazy for You“ und „Jesus Christ Superstar“ also kein Experiment? Im Internet wurde diese Stückauswahl häufig diskutiert. Waren die beiden Produktionen vielleicht nur Notlösung oder Lückenfüller?
Weder noch. Ich wollte „Crazy for You“ schon immer mal machen, weil ich eine wahnsinnig aufregende Inszenierung in Budapest gesehen habe. Deshalb hatte ich das Stück schon jahrelang im Kopf. Außerdem habe ich mal gesagt: Wir erfinden uns immer wieder neu. Das war auch das Motto des letzten Jahres. Denn bei „Crazy for You“ haben wir etwas gemacht, was wir noch nie zuvor gemacht haben und wovon wir immer ausgingen, dass es bei uns auf der Bühne gar nicht möglich sei: Steppen. Das war für uns immer unvorstellbar, dass auf unserer Bühne gesteppt wird. Aber wir haben es möglich gemacht. Und da ich wusste, dass „Crazy for You“ für den Chor ein relativ schmales Stück ist, habe ich bei der zweiten Produktion auf „Jesus Christ Superstar“ zurückgegriffen, weil ich ein großes tragisches Chorstück brauchte, in dem der Chor ordentlich zu tun hat. Denn wenn ich unseren Chor ein Jahr nicht richtig beschäftige, brechen mir im nächsten Jahr sicher 30 Prozent der Chorsänger weg. Die brauchen Futter.

Bislang gab es immer die Auflage, dass „Crazy for You“ nicht komplett in deutscher Sprache aufgeführt werden darf. In Tecklenburg war es erstmals möglich, die Produktion komplett auf Deutsch zu spielen. Wie kam es dazu?
Das war unser Wunsch, und wir haben uns deshalb frühzeitig mit dem Verlag, der die Aufführungsrechte vergibt, auseinandergesetzt. Allerdings wollte sich der Verlag anfangs nicht darauf einlassen. Wir sollten auf Englisch spielen. Wir haben dann damit argumentiert, dass das Publikum unter Umständen nur die Hälfte des Stücks versteht, wenn wir auf Englisch spielen. Mit der Hilfe unseres Regisseurs Andreas Gergen sind wir dann an Kevin Schroeder herangetreten, der bereits acht Songs aus „Crazy for You“ für das Hildesheimer Theater für Niedersachsen ins Deutsche übertragen hatte. Nachdem es zwischen uns und dem Verlag dann noch hin und her ging, war das Thema nach zwei Monaten durch und Kevin Schroeder durfte den Rest des Stücks übersetzen. Für uns war es ganz wichtig, diese Übersetzung durchzusetzen. Und es hat auch gezeigt, dass es immer Möglichkeiten gibt, Dinge mit Partnern zu diskutieren oder gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Die Freilichtspiele Tecklenburg genießen einen exzellenten Ruf in der Musicalbranche: Große Musicals und große Namen, aber relativ kleine Preise. Wie ist das möglich?
Es ist schwierig. Der teuerste Platz kostet bei uns momentan 39 Euro. Bei Onlinebuchung ist es etwas teurer, weil der Ticketvermittler eine Vorverkaufsgebühr erhebt. Jedenfalls ist das sehr knapp kalkuliert. Doch wir wollen ja möglichst vielen Menschen die Möglichkeit geben, unsere Stücke zu sehen. Wenn ich die letzten Jahre Revue passieren lasse, dann ist es doch so, dass ich zum Beispiel bei einem Musical wie „3 Musketiere“ eine Besetzung in Tecklenburg auf die Bühne gebracht habe, die absolut gleichwertig war – das behaupte ich jetzt mal – mit dem, was das Theater des Westens damals hatte, als das Stück dort gespielt wurde. Allerdings musste ein Zuschauer dort das Doppelte unseres Preises oder noch mehr bezahlen.

Ich will die Preispolitik der großen Häuser aber gar nicht bewerten. Bei uns ist es eben so, dass in der Erarbeitung der Musicalproduktionen viel ehrenamtliche Arbeit steckt. Nur so sind unsere relativ günstigen Eintrittspreise zu halten. Ein Musicalbesuch in Hamburg oder Berlin ist ein Gesamterlebnis. Das ist oft ein Paket aus Eintrittskarte, Hotel und Sightseeing. Aber dass man sich in Tecklenburg an einem Sonnabend um 17 Uhr entscheidet, 89 Euro für ein Musical auszugeben – das würde nicht funktionieren. Und man muss es ja auch ganz klar sagen, dass wir hier auch unsere Defizite haben: In Tecklenburg sitzt man auf harten Bänken, teilweise auch in der Kälte oder wird nass, wenn man keinen überdachten Sitzplatz gebucht hat. Hier haben die Zuschauer also nicht das Drumherum, was ihnen in anderen Theatern geboten wird. Aber ich sage immer: Es sind charmante Defizite. Wir würden zwar auch investieren, aber wir können es nicht. Denn wir leben zu 98,5 Prozent von den Einnahmen aus dem Kartenverkauf. Und die Karten muss ich erst mal verkaufen.

Die Freilichtspiele Tecklenburg sind im Gegensatz zu manch anderer Freilichtbühne ein Verein und keine Firma. Welche Vor- und Nachteile bringt das mit sich?
Der Vorteil ist der große Enthusiasmus und der große Wille, etwas gemeinsam zu gestalten, zu produzieren und auf die Bühne zu bringen. In einer Firma kann ich natürlich Vorgaben machen und sagen, was ich bis morgen Abend haben möchte. Das ist in unserem Verein natürlich nicht immer so. Hier muss ich auch schon mal kämpfen, damit etwas realisiert wird. Aber das Gemeinschaftsgefühl in einem Verein ist natürlich ganz anders als in einer Firma. Wir machen nicht nur zusammen Theater, sondern feiern auch zusammen. Und bei uns ist es auch nicht wie am Stadttheater, wo ein Sänger in der Garderobe sitzt, auf seinen Auftritt wartet, vom Inspizienten ausgerufen wird, auf die Bühne geht, seine Arie singt, seine Bühnenpartnerin einmal streichelt, im zweiten Akt noch mal ausgerufen wird, zum Schlussapplaus geht und anschließend auf die Uhr schaut und feststellt, dass er es noch pünktlich zum Nachtjournal nach Hause schafft. Das ist bei uns ganz anders. Auch unsere Arbeit mit Kindern zeigt das. Bei „In 80 Tagen um die Welt“ haben wir über 60 mitspielende Kinder auf der Bühne. Diese Kinder lernen bei uns etwas fürs Leben. Und so rekrutieren wir auch unseren Nachwuchs. Denn oftmals ist es so, dass diese Kinder später in den Chor übergehen. Firma ist eben Firma. Aber ein Verein arbeitet ganz anders. Und das sehe ich als großen Vorteil.

Welche Jugendschutzauflagen müssen Sie denn erfüllen, wenn Kinder in Ihren Produktionen mitspielen?
Für unsere Nachmittagsvorstellungen gibt es keine Auflagen. Für die Abendvorstellungen muss ich beim Amt für Arbeitsschutz in Coesfeld einen Antrag für mitspielende Kinder stellen, so wie wir es bei „Mozart!“ hatten oder jetzt auch wieder bei „Marie Antoinette“ haben. Das ist rechtlich sehr gut geregelt und geht einen positiv bürokratischen Weg.

Radulf Beuleke (Foto: Dominik Lapp)

Wäre es eigentlich eine Option, ein Musical eigens für die Tecklenburger Bühne schreiben zu lassen?
Das ist uns schon oft angetragen worden. Es hat auch Überlegungen gegeben, die sich aber allesamt zerschlagen haben. Die Produktionskosten – oder besser Vorproduktionskosten – für eine Uraufführung sind sehr, sehr hoch. Man muss vorher schon eine ganze Menge investieren. Da habe ich große Bedenken, diese Leistung vollziehen zu können. Man muss einen Komponisten und einen Librettisten haben, die alle bezahlt werden müssen. Zudem braucht es heutzutage ausführliche Workshops, um ein neues Stück erst mal zu testen. Das ist ein Prozess, der sich nicht innerhalb von zwölf Monaten abspielt. Dazu braucht es Jahre, und die Zeit haben wir nicht. Und ob wir solch ein neues Stück mit Tantiemen für 20 Vorstellungen wirklich gestemmt kriegen, bezweifle ich auch.

Seit vielen Jahren schreiben sie Buch und Songtexte für die Tecklenburger Kindermusicals. Wie lange benötigen Sie für die Entwicklung solch eines Stücks?
Das ist ganz unterschiedlich. Ich schreibe die Kindermusicals seit 1989 und habe manchmal Mühe und manchmal nicht. Wenn es nicht so gut läuft, brauche ich ungefähr zwei Monate. In diesem Jahr ist es „Michel aus Lönneberga“, das ich schon seit Jahren vor mich hingeschoben habe, weil ich mit der episodenhaften Story nicht zurechtkam. Doch als ich erst mal den Anfang hatte, war das ganze Stück in zweieinhalb Wochen fertig. Dass man da hinterher noch dran arbeiten muss, ist klar. Das ist ja schließlich ein Prozess mit dem Komponisten und meiner Regisseurin. Aber meistens muss ich vor Weihnachten mit dem Schreiben fertig sein, weil ich die Zeit dann einfach für etwas Anderes brauche.

Die Freilichtspiele mussten in den Lärmschutz investieren, da sich Anwohner beschwerten. Gibt es besondere Auflagen, die die Freilichtspiele erfüllen müssen? Wie ist das aktuelle Verhältnis zu den Anwohnern?
Wir haben uns inzwischen sehr positiv mit der Nachbarschaft arrangiert und so genannte Lärmschutzsegel eingezogen. Wir haben sicher auch ein paar Fehler zu verantworten. Aber wir haben aktuell keine Probleme, und ich gehe davon aus, dass das auch so bleibt. Bei Rockmusicals ist es natürlich etwas grenzwertig, Bass und E-Gitarre knallen natürlich schon ziemlich. Unsere Vorstellungen müssen deshalb spätestens um 23 Uhr beendet sein. Aber das ist kein Problem, denn nach 23 Uhr können auch die Zuschauer vielleicht nicht mehr ganz so gut sitzen, und die Konzentration nimmt langsam ab. Deshalb versuchen wir, unsere Produktionen so zu komprimieren, dass wir innerhalb des Zeitlimits bleiben. Ich muss auch sagen, dass ein Stück nicht gut ist, wenn es länger als dreieinhalb Stunden geht. Da benötigt es Kürzungen, weil man die Aufmerksamkeit des Publikums einfach nicht mehr hat. Und wir sind ja ohnehin nicht die Bayreuther Festspiele, wo man fünfstündige Opern von Wagner spielt.

Auch wenn Tecklenburg nicht Bayreuth ist: Sogar Frank Wildhorn ließ es sich 2007 nicht nehmen, nach Tecklenburg zu kommen, um sein Musical „Jekyll & Hyde“ zu sehen. Wie kam der Kontakt mit Wildhorn zustande?
Frank Wildhorn ist ein Verrückter. Ich kenne seinen europäischen Agenten, Michael Staringer, sehr gut. Mit seiner Agentur Diabelli macht Staringer eigentlich alles für Wildhorn. So kam der Kontakt zustande, und Frank kam für zwei Tage zu uns und hat hier den ganzen Laden durcheinandergewirbelt – inklusive Auflauf im Zuschauerraum. Ein herrlicher Typ. Und ich wünsche mir, dass er noch mal ein so gutes Stück wie „Jekyll & Hyde“ schreibt.

Also haben Sie Interesse, noch ein weiteres Stück von Wildhorn zu spielen?
Durchaus. Ich liebäugele ja mit „Der Graf von Monte Christo“. „Dracula“ ist zwar auch ein gutes Stück, aber das würde ich nicht machen, weil wir hier 2004 schon „Dracula“ von Karel Svoboda und Michael Kunze gespielt haben. Das war zwar eine andere Fassung. aber hier können nicht immer Vampire herumrennen.

Und was ist mit „The Scarlet Pimpernel“?
Das Stück finde ich grundsätzlich schön. Aber im zweiten Akt ist es mir etwas zu albern, und mich überzeugt das Personenprofil des Pimpernel nicht so ganz. Wie der zum Schluss durch die Gegend hoppelt, das ist für mich nicht schlüssig. Und auch der ständige Wechsel zwischen England und Frankreich, der in dem Stück stattfindet, ist suboptimal. Außerdem ist es kein Chorstück. Der Chor hat dort nur zwei oder drei Nummern, was für unseren großen Chor einfach zu wenig ist. Musikalisch ist das Stück toll, aber die Story teilweise eben nicht. Zumal ich den Leuten in Tecklenburg dann stundenlang erklären müsste, was „The Scarlet Pimpernel“ eigentlich bedeutet. Das hatten wir schon bei „Crazy for You“, wo ich gefragt wurde, was denn eigentlich „Kratzi for ju“ sei. Da hilft es dann auch nicht mehr, wenn ich erzähle, wer der tolle Komponist des Werks ist. Bei unserem Kinderstück hatte ich das auch mal, dass Leute vor dem Plakat standen und sich gefragt haben, was „Der Zauberer von Null-Zett“ ist.

In diesem Jahr spielen Sie „Marie Antoinette“. Wie ist es Ihnen gelungen, die Aufführungsrechte von der japanischen Toho Company zu bekommen?
Es klingt eigentlich wie ein Witz. Ich saß im März 2011 in der Geschäftsstelle am Computer und habe im Internet nach verfügbaren Stücken geschaut. Allerdings konnte ich nichts Interessantes finden und habe den PC stinksauer ausgeschaltet. Und dann fiel mir plötzlich „Marie Antoinette“ ein. Das hatte ich in Bremen gesehen, und nun fragte ich mich, wo dieses Stück eigentlich abgeblieben ist. Also habe ich den Komponisten Sylvester Levay angerufen und ihm mein Vorhaben geschildert. Der sagte mir dann, dass eine Frau Oguma aus dem Wiener Büro der Toho Company noch am selben Tag nach Tokio fliegen würde. Er gab mir also die Mailadresse von Frau Oguma, so dass ich ihr ebenfalls noch mal ganz kurz mein Vorhaben mitteilen konnte. So konnte sie unser Anliegen, „Marie Antoinette“ aufführen zu wollen, direkt mit nach Tokio nehmen. So fing die Geschichte an, und später begannen schließlich die Verhandlungen. Da habe ich dann auch geschildert, was für ein Theater wir sind. Sylvester Levay und Michael Kunze hatten wir dabei auf unserer Seite, die gegenüber Toho befürworteten, das Stück in Tecklenburg auf die Bühne zu bringen. Und nach einem knappen halben Jahr, im August 2011, konnten wir es letztlich bekannt geben, dass wir 2012 „Marie Antoinette“ spielen würden.

„Marie Antoinette“ ist 2009 in Bremen gefloppt und hat den Intendanten des Bremer Theaters seinen Job gekostet. Ist diese Vorgeschichte nicht belastend? Schließlich lässt sich „Marie Antoinette“ so nicht gerade als das Erfolgsstück aus Bremen bewerben.
Das ist richtig. Aber ich wollte es auch nie als das Erfolgsstück aus Bremen bewerben. Nichts gegen Bremen, aber Bremen ist für mich kein Musicalstandort. Meiner Meinung nach, ist das Stück deshalb auch dort gescheitert. Wer sollte denn zwei Tage für ein Musical nach Bremen fahren, wenn man viel besser nach Hamburg fahren konnte? Bremen ist eine tolle Stadt, die viele Attraktionen bietet. Aber ein Musicalstandort ist es einfach nicht. Dass „Marie Antoinette“ in Bremen gefloppt ist, sagt allerdings nichts über die Qualität des Stücks aus. Das Stück ist ein absolutes Highlight, das es nicht verdient hat, auf der Strecke zu bleiben. Die Story ist stringent, interessant und bietet wahnsinnig viele Möglichkeiten.

Wird „Marie Antoinette“ eigentlich in einer überarbeiteten Fassung in Tecklenburg auf die Bühne kommen?
Ja. Es gibt eine überarbeitete Fassung, die Michael Kunze und Sylvester Levay angefertigt haben. Es gibt neue Songs, aber auch Kürzungen. Diese Überarbeitung ist jedoch nicht geschehen, weil wir Druck gemacht haben, sondern war ein ausdrücklicher Wunsch der beiden Autoren. Das Stück war mittlerweile etwas gesackt und Kunze wie Levay konnten mit einem neuen Blick an ihr Werk herangehen – übrigens auch im sehr positiven Kontakt mit unserem Regisseur Marc Clear.

Der Sommer 2012 wartet mit zwei großen Sportereignissen auf: Fußball-Europameisterschaft und Olympische Spiele. Macht Ihnen das nicht Angst, dass das Publikum ausbleiben könnte?
Nein. Wenn wir mit „Marie Antoinette“ Premiere haben, ist die EM fast vorbei. Und bei den Olympischen Spielen denke ich, dass sich mittlerweile nicht mehr so viele Menschen dafür interessieren, wie noch vor etlichen Jahren. Uns fehlen bei Olympia inzwischen einfach die großen Namen. Und letztendlich ist es ja auch immer so eine Sache, dass die Leute sich selber Prioritäten setzen: Was möchten sie sehen? Fußball? Olympia? Musical? Also da mache ich mir keine Sorgen. Zur Not schicken die fußballschauenden Männer ihre Frauen zu uns. Ich möchte da keine Prognose abgeben.

Im vergangenen Jahr musste aufgrund der Neuvergabe von Funkfrequenzen in eine neue Tonanlage investiert werden. Welche Investitionen stehen noch an?
Ach, da habe ich viele Träume und Visionen. Ich möchte ein neues Dach für den Zuschauerraum, ich möchte neue Bänke. Und ich möchte auch hinter der Bühne alles renovieren und größere Arbeitsmöglichkeiten für die Schneiderei schaffen. Projekte habe ich am laufenden Band. Nach der schwierigen Saison 2011, wo wir aufgrund des regnerischen Sommers große finanzielle Einbußen hatten, muss ich aber nun erst mal sehen, dass wir die Saison 2012 erfolgreich über die Bühne bringen.

Was ist denn aus den Plänen geworden, die Musicals „Elisabeth“ und „Der Schuh des Manitu“ nach Tecklenburg zu bringen? Woran scheiterte es bislang?
Beim „Schuh des Manitu“ war ich kurz davor. Letztendlich scheiterte es aber an Bully Herbig, der das Stück lieber in einer neuen Fassung in München aufführen möchte. München ist seine Basis, sein Areal. Da möchte er das Stück aufführen. Allerdings muss ich an dieser Stelle auch sagen, dass uns die Stage Entertainment wirklich hervorragend unterstützt hat, um die Rechte für den „Schuh des Manitu“ zu bekommen. Die wollten uns effektiv helfen, und ich habe auch mit Johannes Mock-O’Hara, dem Stage-Geschäftsführer, sehr lange über das Thema gesprochen. Also da gab es wirklich großartige Unterstützung von der Stage. Aber es scheiterte an Bully Herbig. Das muss ich akzeptieren, finde es aber sehr schade.

Was „Elisabeth“ betrifft, so schicken wir jedes Jahr eine neue Anfrage an die Vereinigten Bühnen Wien (VBW) raus und fragen nach den Rechten. Hier ist es allerdings so, dass das Stück ja im Herbst 2012 nach Wien zurückkehrt, so dass es hier weiterhin für uns nicht möglich sein wird, die Show in Tecklenburg zu zeigen. Aber ich möchte „Elisabeth“ nach wie vor gern aufführen. Und ein weiteres Musical von den VBW, das ich hier gern zeigen möchte, ist „Tanz der Vampire“. Aber das Stück wurde ja in den letzten Jahren immer wieder verlängert. Nun hört es im Januar 2013 auf und ich werde einen freundlichen Brief nach Wien schicken. Vielleicht bekomme ich die Rechte ja.

Sie haben bereits Ihre guten Kontakte zu Frank Wildhorn, Michael Kunze, Sylvester Levay und auch zu Stage Entertainment angesprochen. Macht es Sie stolz, diese Kontakte zu haben und zu pflegen?
Das sind gewachsene Abläufe. Ich fühle mich deshalb nicht unglaublich toll, nur weil man bei der Stage meinen Namen kennt und ich zu den Premieren eingeladen werde. Ich sehe das lediglich als eine Form der positiven Anerkennung. Man erkennt bei der Stage an, dass wir in Tecklenburg aufregende Musicals produzieren. Und diese Anerkennung wird uns auch zuteil, wenn jemand von der Stage unsere Aufführungen besucht.

Welche Pläne haben Sie für die Freilichtspiele Tecklenburg?
Konkrete Pläne kann ich nicht machen. Oder ich kann sie machen, kann aber nicht darüber sprechen. Mir ist es aber ein großes Anliegen, die Freilichtspiele auch weiterhin auf hohem Niveau zu halten. Wir dürfen nicht absacken, sondern müssen weiterhin in der Lage sein, sehr gute Künstler nach Tecklenburg zu holen, um mit denen gemeinsam in Harmonie zu arbeiten. Ich bin harmoniesüchtig und suche mir auch mein Ensemble so aus, dass ich erkenne, dass man mit ihnen in Harmonie zusammenarbeiten kann. Ich habe hier einen Kreis von vielen tollen Mitarbeitern und einen sensationellen Chor, der überaus einsatzfähig ist und mit großem Enthusiasmus an die Arbeit geht. Und mit diesem Team möchte ich auch weiterhin auf gleichbleibend hohem Niveau weiterarbeiten – für unser Publikum.

Interview: Dominik Lapp

Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" sowie die Streaming-Konzerte "In Love with Musical" und "Musical meets Christmas".

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