Probe für „Zum Sterben schön“ mit Jonas Hein und Tim Müller. (Foto: Dominik Lapp)
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Probenreport: Beim Musical „Zum Sterben schön“ in Hildesheim geht’s an den Feinschliff

Noch zwei Wochen bis zur Premiere. Es ist ein Freitagmorgen in Hildesheim. Im Theater für Niedersachsen (TfN) trudeln nach und nach die Mitglieder des hauseigenen Musicalensembles ein. Der erste Durchlauf auf der Bühne steht an. Die Darsteller proben für die Uraufführung des Musicals „Zum Sterben schön“. Ein neues Werk aus der Feder von Komponist Marc Schubring und Librettist Wolfgang Adenberg, die schon Musicals wie „Der Mann, der Sherlock Holmes war“ oder „Moulin Rouge Story“ schrieben. Die deutschen Texte von bekannten Musicals wie „Titanic“, „3 Musketiere“, „We Will Rock You“ und „Rocky“, die in großen deutschen Städten liefen oder noch immer laufen, stammen ebenfalls von Wolfgang Adenberg. Nun also Hildesheim.

Es ist der erste Tag, an dem alle Ensemblemitglieder wieder anwesend sind, nachdem etliche von ihnen mit einer Grippe zu kämpfen hatten. „Hauptsache, zur Premiere sind alle wieder fit“, sagt Darsteller Jens Plewinski. Es ist auch der erste Tag, an dem ein kompletter Durchlauf – also das Stück von Anfang bis Ende – auf der Bühne stattfindet. Zuvor haben die Darsteller nur auf der Probebühne geprobt, nun geht’s auf die Bretter, die für sie so oft im Leben die Welt bedeuten.

Jörg Gade ist Intendant und Regisseur in Personalunion

„Michaela, ich sehe dich“, ruft Regisseur Jörg Gade der Darstellerin Michaela Linck aus dem Zuschauerraum zu, um ihr zu signalisieren, dass sie auf ihrer aktuellen Position in einer Gasse zur Seitenbühne vom Publikum gesehen werden kann. Gade zählt zu einer aussterbenden Spezies: Er ist Intendant des TfN und führt an seinem Haus bei ausgewählten Stücken auch Regie. Das wird in Theatern immer seltener, dass Intendanten auch selbst inszenieren. „Das kann ich mir nur leisten, weil ich einen funktionierenden Apparat hinter mir habe, also ein Team, das mir den Rücken freihält“, erklärt der Intendant, wie er neben seinem stressigen Chefposten noch bei „Zum Sterben schön“ Regie führen kann.

Das Orchester ist bei dieser Probe noch nicht dabei, Andreas Unsicker begleitet heute als Musikalischer Leiter lediglich am Klavier. Der Zuschauerraum, der zur Premiere sicher wieder bis auf den letzten Platz gefüllt sein wird, strahlt noch gähnende Leere aus. Am Regiepult hat Regisseur Gade Platz genommen, zu ihm gesellt haben sich auch Choreografin Annika Dickel und Katja Buhl, die neue Leiterin der Musicalsparte am TfN. Buhl ist erst seit dieser Spielzeit als Musicalchefin in Hildesheim und folgte damit auf Christian Gundlach, den Mitbegründer des Musicalensembles des Hauses. Auch prominenter Besuch hat sich angekündigt: In der zweiten Reihe sitzt Komponist Marc Schubring. Auch er ist gespannt auf den ersten Durchlauf seines neuen Werks.

Michaela Linck und die Vollkornpops

„Jetzt das Bett nach vorn schieben“, ruft der Regisseur den Bühnenhandwerkern zu. Es ist Michaela Lincks großer Auftritt mit einer Schale Vollkornpops. Was genau die Vor- und Nachteile dieser Vollkornpops sind, wird das Publikum schon bald erfahren. Gade muss Szenen noch oft unterbrechen: „Wir sind heute zum ersten Mal auf der Bühne, da müssen wir auch gucken, dass mit der Technik alles klappt.“

Der Bühnenbildner Steffen Lebjedzinski läuft zwischen Zuschauerraum und Bühne immer wieder hin und her. Gerade hat sich herausgestellt, dass das komplette Bühnenbild etwa einen Meter zu weit rechts steht und deshalb manche Auftritte auf der Bühne nicht so funktionieren wie zuvor auf der Probebühne. „Ich habe mich schon gewundert und dachte, dass ich noch einige Sachen in der Choreografie umstellen müsste“, sagt Choreografin Annika Dickel. Die Bühnenhandwerker versprechen, das Bühnenbild zur nächsten Probe weiter nach links zu rücken. Die Abläufe sollten dann besser funktionieren, und Dickel muss ihre Choreografien nicht ändern.

Ein Krematorium auf der Bühne

„Die Krematorium-Klappen waren gut, aber später kommen an der Stelle noch Pyroeffekte“, weist Jörg Gade die Männer der Bühnentechnik an, die Klappen des Verbrennungsofens länger geöffnet zu lassen. Ein Krematorium gibt es bei „Zum Sterben schön“ ebenso auf der Bühne zu sehen wie zahlreiche Urnen und natürlich auch einen Sarg, in den Magdalene Orzol steigen darf. Sie spielt Betty Rhys-Jones, die ihre eigene Beerdigung vortäuscht, um mit ihrem Jugendfreund durchzubrennen, während ihr Mann ein Verhältnis mit seiner Sekretärin hat.

In der nächsten Szene besprechen Gade und Dickel die Auf- und Abgänge der Darsteller, der Sarg wird über die Bühne geschoben. Vase oder Kranz davor? „Vase“, sagt Gade. „Aber irgendwie nervt die mich links neben dem Sarg.“ Es wird umgestellt und probiert. Hauptdarsteller Alexander Prosek, der den Bestatter Boris Plots spielt, hat Probleme mit einer Staffelei, die das Bild einer Verstorbenen halten soll. Steffen Lebjedzinski eilt herbei, um ihm zu helfen. Nach der vierstündigen Probe für „Zum Sterben schön“ wirkt der Regisseur insgesamt schon recht zufrieden. „Jetzt geht es an den Feinschliff“, kündigt er die kommenden Tage bis zur Premiere an.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".