„The Producers“ (Foto: Dominik Lapp)
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Bissige Satire: „The Producers“ in Osnabrück

Das hat Osnabrück noch nicht gesehen: Einen schlitzohrigen Broadway-Produzenten, einen neurotischen Buchhalter mit Schmusetuch, eine schwedische Sexbombe, notgeile Omas und einen singenden und tanzenden schwulen Hitler. Doch genau das ist jetzt am Theater Osnabrück in Form des Musicals „The Producers“ zu sehen. Schauspieldirektor Dominique Schnizer zeigt das mit 12 Tony Awards ausgezeichnete Stück von Mel Brooks (Musik, Buch und Songtexte) und Thomas Meehan (Buch) in einer großartigen und, trotz einer Spieldauer von mehr als drei Stunden, recht kurzweiligen Inszenierung. Die Frage, ob man über Hitler lachen darf, kann am Ende eindeutig mit Ja beantwortet werden.

Dabei wird schnell klar, dass es sich bei „The Producers“ nicht nur um eine bissige Nazi-Satire handelt, sondern in dem Stück auch das Musical-Business parodiert und mit Klischees nicht gegeizt wird. Mel Brooks hat mit geistreicher Respektlosigkeit herrliche Karikaturen gezeichnet, die von Schnizer exzellent zum Leben erweckt wurden wurden: So ist Max Bialystock ein durchtriebenes Schlitzohr, Leo Bloom ein unterdrückter Buchhalter, Ulla die fleischgewordene blonde Männerfantasie aus Schweden, Franz Liebkind ein Lederhose und Wehrmachtshelm tragender Nazi, das Kreativteam um Roger De Bris besteht aus Theatertunten und maskulinen Lesben und Bialystocks Geldgeberinnen sind notgeile Omas mit Gehgestellen. Das alles ist so bitterböse wie brillant und garantiert einen vergnüglichen Abend, in dessen Verlauf sich das Publikum mehrfach zu wahren Lachsalven hinreißen lässt.

Als spartenübergreifende Produktion wird bei „The Producers“ zudem alles aufgefahren, was möglich ist, weshalb es die wohl aufwändigste Musicalproduktion der letzten Jahre im Haus am Domhof ist. Neben Mitgliedern des Schauspiel- und Opernensembles sind auch der Chor, die Statisterie und die Tanzkompanie involviert, die sich allesamt in einem extrem aufwändigen und detaillierten Bühnenbild von Christin Treunert bewegen. Durch den Einsatz der Drehbühne gelingen immer wieder blitzschnelle Szenenwechsel zwischen dem Broadway, Bialystocks abgewracktem Produzentenbüro, Blooms muffigem Buchhalterbüro, einer Broadwaybühne, einem Park, Gefängnis und Gerichtssaal oder der Villa von Roger De Bris.

Doch auch die Kostüme von Christin Treunert und Elisabeth Benning sind eine Augenweide, absolut zeit- und charaktergemäß und besonders in der großen Showszene „Frühling für Hitler“, einer Parodie auf Hitler als Stück im Stück, sehr aufwändig. Diese Szene ist es auch, die von Riccardo De Nigris besonders schön choreografiert wurde. Dabei sind es die kleinen Details, wie die von den Tänzern mit den Armen geformten Hakenkreuze, die hier besonders ins Auge fallen.

Im Orchestergraben leitet An-Hoon Song, der sich am Theater Osnabrück mittlerweile einen Namen als Musicalspezialist gemacht hat, die Mitglieder des Osnabrücker Symphonieorchesters zu Höchstleistungen an. Mel Brooks’ Musik im Stil großer Broadway-Musicals der 1940er und 1950er Jahre klingt zwar nicht sonderlich originell, aber unglaublich brillant, was ein Verdienst der Musiker ist, die jeden der schmissigen Songs federleicht erklingen lassen. Schon wenn die Ouvertüre mit klassischer Trompeten-Einleitung beginnt, die auf einer höheren Stufe wiederholt wird und letztlich in die Eröffnungsnummer übergeht, ist zu erkennen, dass „The Producers“ einen Abend auf musikalisch höchstem Niveau verspricht.

„The Producers“ (Foto: Dominik Lapp)Aber nicht nur im Graben, auch auf der Bühne werden Höchstleistungen geboten. Allen voran sind es Mark Hamman als Max Bialystock und Oliver Meskendahl als Leo Bloom, die als Leading-Men einen Kraftakt vollziehen. Hamman, der in Osnabrück zuletzt in der Titelpartie im Musical „Chaplin“ glänzte, scheint in dem schlitzohrigen Bialystock eine neue Paraderolle gefunden zu haben. Mit einer gelungenen Mischung aus Abgebrühtheit und despektierlicher Respektlosigkeit gibt er den Broadway-Produzenten schnell, gewandt und aggressiv. Auch gesanglich vermag er in seinen Soli mit wohltönender Stimme zu überzeugen. Den Höhepunkt des Abends liefert er mit der klassischen 11-o’clock-Nummer „Verrat“. In dem Song wird die gesamte Handlung noch einmal zusammengefasst und Mark Hamman geht völlig aus sich heraus, wenn er schweißüberströmt, abgewrackt und geradezu irre an der Bühnenkante steht. Das Publikum honoriert diese Leistung völlig verdient mit starkem Szenenapplaus.

Das perfekte Pendant dazu ist Oliver Meskendahl in der Rolle des Leo Bloom. Die Innenwelt des neurotischen Buchhalters und seinen Aufstieg zum Selbstbewusstsein weiß Meskendahl perfekt zu visualisieren. Dabei balanciert er hervorragend zwischen Selbstvertrauen und Katastrophe, zwischen Chaos und Kontrolle. Sein exzellent verformbares Gesicht ist dabei der ideale Schauplatz für die ganzen Emotionen, die nahezu im Sekundentakt durch den schlaksigen Bloom toben. Überraschend sind zudem Meskendahls gesangliche Fähigkeiten, wenn man ihn sonst vornehmlich aus Schauspielproduktionen wie „Das Geheimnis der Irma Vep“ kennt. Insbesondere in der von Dominique Schnizer ganz wunderbar inszenierten Traumsequenz „Ich wär’ so gern ein Producer“ lässt Oliver Meskendahl mit seiner klaren Stimme aufhorchen, während glitzernde Showgirls aus den Aktenschränken hervorkommen und um ihn herumtänzeln.

Monika Vivell spielt eine Schwedin, deren Name schon für Lacher sorgt: Als Ulla Inga Hansen Benson Yonsen Tallen-Hallen Svaden-Svanson – Kurzform: Ulla – ist sie ganz klischeehaft eine fleischgewordene blonde Männerfantasie. Mit starker Bühnenpräsenz und schöner Stimme gewinnt sie das Publikum in ihrem Song „Wenn du’s draufhast, zeig es“ für sich. Insbesondere schauspielerisch nutzt Vivell jeden Moment und kostet sie alle genüsslich aus – insbesondere, wenn Ullas Po und Oberweite wiederholt im Fokus stehen und bei Bialystock und Bloom das Blut in die Lenden schießen lassen.

In der Rolle des Dramatikers Franz Liebkind, der zur Premiere seines Stücks mit AfD-Gauland-Krawatte erscheint, avanciert Stefan Haschke zum heimlichen Star der Show. Wie er den reuelosen Altnazi mit bayerischem Dialekt gibt und Bialystock und Bloom den völlig bekloppten Siegfried-Eid auf den Führer schwören lässt, ist absolut grandios. Wenn Liebkinds Hakenkreuz tragende Tauben, von denen eine auf den Namen Adolf hört, die Flügel schließlich zum Hitlergruß heben, hält es das Publikum vor Lachen nicht mehr auf den Sitzen. Für einen glänzenden Auftritt sorgt außerdem Jan Friedrich Eggers als Roger De Bris. Mit grotesker Übertreibung gibt er sowohl den tuntigen Broadway-Regisseur als auch den schwulen Hitler, und mit exaltiert-schrillem Spiel steht ihm Benjamin Martin als Carmen Ghia in nichts nach.

Bei der deutschsprachigen Erstaufführung von „The Producers“ hatte man sich noch Gedanken gemacht, ob das Publikum im deutschsprachigen Raum für so ein Musical überhaupt bereit sei. Das ist mittlerweile elf Jahre her, und wie die begeisterten Reaktionen in Osnabrück zeigen, hat das deutsche Publikum die Nazi-Parodie angenommen und liebt sie. Bei dem bissigen Humor von Mel Brooks eigentlich logisch. Insbesondere, wenn dieser Humor so vortrefflich auf die Bühne gebracht wird wie es Regisseur Dominique Schnizer am Theater Osnabrück geschafft hat.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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