„Das Phantom der Oper“ (Foto: Dominik Lapp)
  by

Licht und Schatten: „Das Phantom der Oper“ von Sasson/Sautter auf Tour

Ein Musical mit dem Titel „Das Phantom der Oper“, das nicht von Andrew Lloyd Webber komponiert wurde, hat es in einer Gesellschaft, die teilweise von Vorurteilen und Schubladendenken dominiert wird, gewiss nicht einfach. Doch neben dem weltbekannten Lloyd-Webber-Musical gibt es noch weitere Phantom-Versionen von Arthur Kopit und Maury Yeston („Titanic“), Arndt Gerber und Paul Wilhelm, Ken Hill und auch von Deborah Sasson und Jochen Sautter, das aktuell wieder auf Tournee ist – und das gar nicht mal so schlecht ist wie sein Ruf.

Abgesehen vom Titel, der ohnehin schon lange gemeinfrei ist, versucht die Phantom-Version von Sasson und Sautter zu keiner Zeit, Lloyd Webber zu kopieren. Sowohl musikalisch als auch inszenatorisch werden hier ganz andere Wege beschritten – und die Story basiert letztendlich immer auf dem Roman von Gaston Leroux, an dem die Sasson/Sautter-Fassung sogar wesentlich näher ist als die Lloyd-Webber-Fassung.

Als Idealbesetzung des Phantoms, das hier wie im Roman Erik heißt, erweist sich Axel Olzinger. Er begeistert nicht nur durch seine enorme Bühnenpräsenz, sondern auch mit seinem strahlenden Tenor, mit dem er sich jeden seiner Songs zu eigen macht. Schauspielerisch schafft er es, seinem Phantom viele menschliche Züge zu verleihen. Durch Olzingers differenziertes und fein nuanciertes Schauspiel ist das Phantom als eine hin- und hergerissen Seele erlebbar. Eriks Liebe zur Musik und zu Christine ist dabei allgegenwärtig, aber auch der Hass gegenüber den Menschen, die ihn immer ausgegrenzt haben und zu dem machten, was er ist.

Mit dem Perser Nadir Khan gibt es im Musical eine Rolle, die schon in Leroux‘ Roman existierte und von Uwe Kröger überzeugend dargestellt wird. Kröger schafft es, den Perser, der ein Vertrauter Eriks ist, mystisch-geheimnisvoll erscheinen zu lassen. Auch gesanglich enttäuscht er nicht in seinen beiden Songs. Als Carlotta lässt Kimberley Trees hingegen mit ihrem klaren Sopran aufhorchen, während sie schauspielerisch ebenso zu begeistern mag, wenn sie eine Operndiva par excellence gibt.

Mit Jochen Sautter spielt der Buchautor, Liedtexter, Regisseur und Choreograf des Stücks die Rolle des Raoul. Schauspielerisch agiert er dabei durchaus rollendeckend und gesanglich bringt er mit seinem warmen Bariton eine solide Leistung. Die witzigen Momente der Inszenierung hingegen, gehören Sebastian Ciminski-Knille als Operndirektor Moncharmin und Michael Fernbach als Operndirektor Richard. Beide Darsteller ergänzen sich schauspielerisch wie gesanglich perfekt und sorgen beim Publikum für einige Lacher.

„Das Phantom der Oper“ (Foto: Dominik Lapp)

Ein großer Pluspunkt der Produktion ist das 14-köpfige Orchester unter der Leitung von Sebastian Peter Zippel. Für eine Tourproduktion stellt es geradezu ein Novum dar, mit einem Orchester unterwegs zu sein, wo doch bei Tourproduktionen die Musik oft nur aus der Konserve kommt. Zippel leitet seine Musiker perfekt durch Deborah Sassons Partitur, die überraschend abwechslungsreich klingt. Denn Sasson hat nicht nur originäre Musik für „Das Phantom der Oper“ geschrieben, sondern in ihren Klangteppich auch einige bekannte Opernarien eingewoben, die sie sorgfältig ausgesucht hat, weil sie auch im Roman vorkommen.

Weiter gibt es im Buch und der Inszenierung von Jochen Sautter immer wieder mal mehr und mal weniger starke Parallelen zur Romanvorlage – wenn auch manchmal nur für Insider erkennbar, wie das Plakat von Gounods „Faust“, das im Büro der Operndirektoren hängt. Ohnehin hat Sautter als Regisseur und Buchautor einen guten Job gemacht. Zwar dürften die Szenenübergänge ab und zu noch flüssiger sein, aber insgesamt punktet die Inszenierung, die die wichtigsten Eckpunkte aus Leroux‘ Vorlage erzählt, durch ein angenehmes Tempo.

Äußerst sehenswert ist zudem – neben den hervorragenden Kostümen – die Bühnenausstattung von Michael Scott, die zwar einfach gehalten ist, aber glücklicherweise nicht billig wirkt. Die wenigen hochwertigen Kulissenteile wie Orgel, Bücherregal, Büsten und Kandelaber werden durch ausgeklügelte Videoprojektionen von Daniel Stryjecki unterstützt, die zum Teil auf Originalaufnahmen aus der Pariser Operá Garnier basieren.

Von Produktionen dieser Liga ist man Projektionen lediglich im Hintergrund gewohnt, bei „Das Phantom der Oper“ entsteht jedoch ein dreidimensionaler Effekt, weil in vielen Szenen auch vor der Spielfläche ein Gaze-Vorhang als zweite Projektionsfläche dient. Einziger Kritikpunkt dabei ist, dass diese Szenen oft verwaschen oder unscharf wirken, weil die Darsteller meistens dahinter spielen. Spielen sie jedoch davor, stören die Projektionen in ihren Gesichtern.

Insgesamt bietet „Das Phantom der Oper“ in der Fassung von Sasson und Sautter also Licht wie Schatten. Wer sich darüber im Klaren ist, dass es sich nicht um die Großproduktion von Andrew Lloyd Webber handelt, vorurteilsfrei in die Vorstellung geht und vielleicht sogar mit dem Roman von Gaston Leroux vertraut ist, kann an dieser Produktion durchaus Gefallen finden.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Es gelten unsere Bedingungen zum Datenschutz sowie zur Nutzung / AGB. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen