„Anatevka“ (Foto: Dominik Lapp)
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Beeindruckende Kulisse: „Anatevka“ in Heidelberg

Vor dem beeindruckenden Heidelberger Schloss hat das Theater Heidelberg eine imposante Kulisse für das ukrainische Dorf Anatevka gefunden. Allein deshalb schon lohnt sich ein Besuch des Musical-Klassikers „Anatevka“ im Rahmen der Heidelberger Schlossfestspiele. Das Musical selbst ist nämlich kein Werk der großen Melodien und bietet mit nur 14 Liedern, die sich auf zwei Akte verteilen, relativ wenig Musik. Doch der originelle Spielort, die besondere Freilichtatmosphäre und die stimmige Inszenierung von Pascale-Sabine Chevroton gleich aus, was dem Stück musikalisch fehlt.

Eines wird schnell klar: Das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Olivier Pols beherrscht die leisen Töne genauso wie die lauten und kommt mit der stellenweise in Melodie und Rhythmus gebrochenen Partitur von Jerry Bock gut zurecht. Als kongenialer Einfall erweist sich außerdem, dass Mark Johnston als sandsteinfarben gekleideter Fiedler – als sei er eine der Schlossfassade entsprungene Steinfigur – immer dann auf seiner Geige spielt, wenn der Milchmann Tevje im Monolog zu Gott spricht.

Doch nicht nur solche Details sind großartige Inszenierungskniffe von Pascale-Sabine Chevroton. Die Regisseurin versteht es zudem geradezu perfekt, wunderbare Bilder zu schaffen. Dabei nutzt sie nicht nur die Bühne, sondern lässt die Darsteller mehrfach die vierte Wand durchbrechen, so dass der gesamte Schlosshof genutzt und an unterschiedlichen Stellen gespielt wird. Dadurch entsteht eine besondere Nähe zum Publikum und die Zuschauer werden in den Handlungsort einbezogen.

Sehens- und hörenswert sind zudem die Massenszenen (Choreografie ebenfalls von Pascale-Sabine Chevroton), in denen der stimmstarke Chor gemeinsam mit den Solisten zum Einsatz kommt, wie zum Beispiel zu Beginn des ersten Akts („Tradition“) oder zur Hochzeitszeremonie im zweiten Akt.

„Anatevka“ (Foto: Dominik Lapp)

Weil das Schloss Kulisse genug ist, braucht es auf der Bühne nicht mehr viel. So hat Bühnenbildner Jürgen Kirner ein überdimensionales Ei – angelehnt an russische Fabergé-Eier – geschaffen. Das Ei erweist sich als wandelbare Holzkonstruktion, durch die immer wieder neue Handlungsorte wie eine Synagoge, Tevjes Haus oder ein Wirtshaus entstehen. Die zeitgemäßen Kostüme von Pascal Seibicke unterstützen den visuellen Zugang ins Jahr 1905, in dem „Anatevka“ spielt.

Ein Höhepunkt dieser „Anatevka“-Inszenierung ist Wilfried Staber in der Rolle des Tevje. Er gibt einerseits den schlitzohrigen Milchmann, ist aber andererseits der treusorgende Vater von fünf Töchtern, der für seine Kinder nur das Beste will. Staber lebt seine Rolle in allen Facetten und reißt damit von der ersten Sekunde an mit. Aber auch die weiteren Solisten lassen nichts zu wünschen übrig.

So gibt Carolyn Frank als Golde eine genauso resolute wie warmherzige Ehefrau Tevjes, wohingegen Vasiliki Roussi als Zeitel, Annika Mendrala als Hodel und Lena Weiss als Chava herrlich unbeschwert über die Bühne wirbeln und in ihrem Terzett „Jente, o Jente“ mit wunderbaren Stimmen glänzen und davon träumen, wie ihnen die Heiratsvermittlerin Jente die passenden Männer vermittelt.

Absolut rollendeckend agieren zudem Anjara Bartz als Jente und Johannes M. Kösters als Lazar Wolf, während Markus Schöttl als Mottel, Manuel Heuser als Perchik und Alexei C. Bernard als Fedja eine gute Figur im Zusammenspiel mit Roussi, Mendrala und Weiss machen.

Obwohl „Anatevka“ wiederholt zum Schmunzeln anregt, schwingt auch immer eine dramatische Stimmung mit, weil den Juden in dem ukrainischen Dorf die Vertreibung und ein Pogrom durch die Russen droht. Ihren Höhepunkt findet diese dramatische Atmosphäre letztendlich am Ende des zweiten Akts, wenn das Dorf tatsächlich zwangsweise umgesiedelt und das Publikum nachdenklich in die Nacht entlassen wird.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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