„American Idiot“, Foto: Agnes Wiener / Niklas Wagner
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Krachende Rockshow: „American Idiot“ in Frankfurt

Punkrock und Musical – passt das zusammen? Nachdem das Musical „American Idiot“ jetzt in Frankfurt seine deutschsprachige Erstaufführung erlebte, lautet die Antwort ganz klar: Ja! In rund anderthalb Stunden ohne Pause wird in der Frankfurter Batschkapp ein großartiges Feuerwerk des Rocks gezündet – eigentlich mehr Show als Musical, aber doch viel mehr als nur eine Tritbuteshow mit den größten Hits von Green Day.

Denn „American Idiot“ ist keinesfalls ein weiteres Jukebox-Musical, keine Compilation-Show, bei der man eine dürftige Handlung um bestehende Songs einer Band gestrickt hat. Nein, „American Idiot“ basiert auf dem gleichnamigen Konzeptalbum, das die Band Green Day im Jahr 2004 veröffentlichte und eine Geschichte erzählt, die für die Musicalfassung von Frontsänger Billie Joe Armstrong und Regisseur Michael Mayer („Spring Awakening“) lediglich erweitert wurde.

Dabei herausgekommen ist eine atemberaubende Rockshow, die weder Darstellern noch Zuschauern eine Pause gönnt. Da reiht sich eine Nummer an die andere, da wird gerockt und der Saal zum Kochen gebracht. Für die Künstler ist „American Idiot“ auf jeden Fall ein Kraftakt, denn die zehn Solisten sind nahezu durchgehend auf der Bühne.

Weil die Batschkapp kein klassisches Theater, sondern ein Rockclub ist, gibt es auch keine Bühnengegebenheiten wie im Theater. Keine Seitenbühnen, keine Hinterbühne, keine Gassen, kein Schnürboden. Die Bühne ist wie bei einem Rockkonzert offen. Regisseur Thomas Helmut Heep nutzt diesen Umstand perfekt und hat eine Show inszeniert, bei der ganz bewusst immer wieder der Zuschauerraum mitbespielt wird und Auf- wie Abgänge durch die Zuschauerreihen hindurch passieren.

Doch anders als bei Musicals wie „Cats“ oder „Tanz der Vampire“, wo die Darsteller lediglich zur Unterhaltung des Publikums durch den Saal laufen, passt es bei „American Idiot“, dieser Show mit dem Rockkonzert-Charakter, einfach wie die Faust aufs Auge und bietet den Zuschauern eine besondere Identifikationsmöglichkeit mit den Charakteren.

Schon klasse, wie sich alle Darsteller vor Beginn der Show unters Publikum mischen, ihre festen Plätze einnehmen und von dort aus die erste Nummer gemeinsam im Saal rocken. Wenn Hauptdarsteller Philipp Büttner als Johnny gegen Ende der Show dann auf dem Bühnensteg inmitten der Besucher sitzt und das sehr poetische „Weck mich auf, wenn der Herbst beginnt“ singt, entsteht ein unglaublich intensiver Moment zwischen dem Künstler und den Zuschauern, ein richtiger Wow-Moment.

Solche Wow-Momente gibt es bei „American Idiot“ zuhauf – sei es aufgrund der gesanglichen Leistungen aller Darsteller, sei es aufgrund des knackigen Rocksounds der Band oder sei es aufgrund des Bühnenbilds. Letzteres ist zwar gar nicht wirklich vorhanden, doch hat Ausstatterin Sarah-Katharina Karl mit einem überdimensionalen Spiegel ein ziemlich beeindruckendes Teil entworfen, das Regisseur Thomas Helmut Heep und Choreograf Ludwig Mond auf der ansonsten leeren schwarzen Bühne perfekt nutzen.

Der leicht gekippte Spiegel bietet wunderbare Möglichkeiten in der Szenengestaltung und gibt den Zuschauern in den vorderen Reihen die Chance, nicht zu verpassen, was hintern ihnen passiert, wenn mal wieder im Zuschauerraum oder auf dem Bühnensteg gespielt wird. Auch Lichteffekte auf dem Bühnenboden, die normalerweise nur von der Empore aus sichtbar wären, werden durch die Spiegelwand für die Zuschauer im Parkett sichtbar – genauso wie das, was sich zwischen den Charakteren, zum Beispiel eine Sexszene zwischen Johnny und Whatsername, auf dem Bühnenboden abspielt.

Absolut sehenswert sind zudem die starken Choreografien von Ludwig Mond, der die zehn Solisten immerzu actiongeladen und völlig überdreht – jedoch mit System – über die Bühne tanzen lässt. Selbst Stühle werden in die Choreografie eingebaut. Auf ihnen wird gesessen und getanzt, sie werden gestapelt, umgeworfen und durch die Luft geschleudert.

Was neben all der tollen Optik jedoch etwas auf der Strecke bleibt, ist die Handlung. „American Idiot“ hat nur sehr wenige Dialoge und erzählt die Handlung vornehmlich über die Songs. Doch die Songtexte sind – zumindest in der besuchten Premiere in Reihe 8 – nicht immer zu verstehen. Zu oft werden die Stimmen in den Rocknummern von der Musik übertönt, was sehr schade ist, weil die deutschen Texte von Titus Hoffmann wirklich gelungen sind.

Grundsätzlich erhebt das Stück aber auch nicht den Anspruch an eine hochdramatische Story, wenn man sich die Synopsis im Programmheft einmal durchliest. Eigentlich erinnert die Handlung sogar ein wenig an „Hair“, denn es geht hier wie da um eine Gruppe junger Leute, die sich in den gesellschaftlichen Strukturen nicht wohlfühlt.

Was bei „Hair“ die Hippies sind, sind bei „American Idiot“ die Punks. Es geht um Drogen, Sex („Gestern Abend habe ich wieder bis zur Besinnungslosigkeit gewichst und nicht geduscht“), den Ausbruch aus dem Elternhaus. Bei „Hair“ ist es Claude, der zum Militär soll, bei „American Idiot“ ist es Tunny, der sich freiwillig verpflichtet und in den Krieg zieht, aus dem er mit einer posttraumatischen Belastungsstörung zurückkehrt. Und in beiden Stücken gibt es das eine Mädchen, das ungewollt schwanger wurde.

Aber „American Idiot“ wurde in Frankfurt so stark inszeniert, dass die Handlung nahezu zweitrangig ist. Dafür ist die Cast einfach zu perfekt, die Optik zu fantastisch, der Rock zu hart, als dass es wirklich einer Handlung bedarf. Im Detail sticht aus der Cast vor allem Philipp Büttner hervor, der als Johnny eine echte Rampensau, ein gnadenlos guter Rockstar ist. Mit kräftiger Stimme und einer wunderbaren Bühnenpräsenz nimmt er die Bühne für sich ein.

Doch auch Dennis Hupka als Will, Sebastian Smulders als Tunny, Robert Lankaster als St. Jimmy und Claudio Gottschalk-Schmitt als Lieblingssohn stehen ihrem Kollegen in nichts nach. Jeder hat sich seine Rolle authentisch zu eigen gemacht, jeder kann stimmlich wie tänzerisch und auch im Schauspiel durch Perfektion überzeugen.

In der Damenriege sieht es nicht anders aus: Lisa Antoni, die man in anderen Musicals meist eher mit sanftem Schöngesang erleben konnte, verleiht ihrer Whatsername optisch und stimmlich eine Menge Kontur. So bildet sie das passende Pendant zu Philipp Büttner und erweist sich als wahre Rockröhre. Ebenso stimmstark geben sich Laura Friedrich Tejero als Heather, Lena Weiss als Abgefahr’ne Frau, Paulina Plucinski als Alysha und Yvonne Braschke als Chelsea.

Genauso umwerfend wie die Darsteller sind allerdings auch die sechs Musiker unter der Leitung von Dean Wilmington. Da gibt es knackige Drumlines, wummernde Bässe, eine schneidende E-Gitarre zu hören, abgerundet durch die schwelgerischen Klänge eines Cellos, womit die Band für einen weiteren Wow-Moment sorgt.

Somit kann man der noch jungen Produktionsfirma Off-Musical Frankfurt nur gratulieren – einerseits zu ihrem Mut, dieses Stück auf eine deutsche Bühne geholt zu haben und andererseits zu einem mehr als glücklichen Händchen bei der Auswahl von Cast und Kreativteam. Nach „Hedwig and the angry Inch“ und „American Idiot“ hat die Produktionsfirma definitiv ihre Feuertaufe mit Bravour bestanden. Nun heißt es, am Ball zu bleiben und auf diesem Niveau weiterzumachen. Doch zunächst einmal ist der krachenden Rockshow mit dem Titel „American Idiot“ ein volles Haus zu wünschen.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze eines Onlinemagazins. Als Regisseur verantwortete er die Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie eine Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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