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Gänsehautmomente: „Titanic“ in Bad Hersfeld

Wer hätte das gedacht: In der Bad Hersfelder Stiftsruine sinkt allabendlich die Titanic – und Stefan Hubers sehenswerte Inszenierung des gleichnamigen Musicals fügt sich erstaunlich gut in das alte Kirchengemäuer ein. Das Stück von Maury Yeston (Musik und Songtexte) und Peter Stone (Buch und Buch) bietet dabei viele Gänsehautmomente.

Den ersten dieser Gänsehautmomente liefern der Musikalische Leiter Christoph Wohlleben und sein 26-köpfiges Orchester bereits mit der Ouvertüre. Sogleich wird deutlich, was für eine fantastische Musik Maury Yeston für „Titanic“ komponiert hat, wenn der elegant-schwelgerische Streicherklang, der die Schönheit der Titanic perfekt widerspiegelt, auf böse drohende Blechbläser und vibrierendes Schlagwerk trifft, die stellvertretend für den schicksalsentscheidenden Eisberg stehen.

Wenn dann die Streicher wiederum mit den Holz- und Blechbläsern verschmelzen, jedes einzelne Instrument akustisch zu glänzen vermag und sich ein brillant-opulenter Klangteppich in der Stiftsruine ausbreitet, der wahrlich Großes erwarten lässt, ist das schon einer dieser Momente, in denen man sich als Zuschauer kaum auf dem Sitz halten kann und am liebsten dem Orchester zujubeln möchte wie einst die Schaulustigen im Hafen Southamptons der auslaufenden Titanic.

Doch das Publikum erhält zunächst gar keine Möglichkeit zum Applaudieren. Was folgt, ist eine atemlose knappe Viertelstunde des Openings, in der ein Song in den nächsten nahtlos übergeht. Da stellt sich zunächst der Architekt des Schiffs musikalisch vor, dem die Besatzung und Beladung der Titanic folgen, bis letztendlich die Passagiere der drei Klassen das Schiff betreten, um den weiten Weg nach New York anzutreten. All das geschieht in einem perfekten Tempo, bis die Titanic schließlich ablegt, das rund 40-köpfige Ensemble den markerschütternden Choral „Gute Fahrt“ ins Auditorium schmettert und das Publikum endlich die Gelegenheit für den ersten ohrenbetäubenden Szenenapplaus des Abends erhält.

Wer das Musical „Titanic“ bereits an anderen Orten, zum Beispiel in Hamburg oder Thun gesehen hat, wurde dort von der Ausstattung geradezu erschlagen und dürfte in Bad Hersfeld vielleicht zunächst enttäuscht sein. Regisseur Stefan Huber liefert in der Stiftsruine nämlich keine Materialschlacht, sondern fokussiert die Charaktere und deren Schicksale, was dem Stück unheimlich guttut und zusätzlich unterstreicht, wie stark dieses Musical auch ohne Bühnenbildbombast ist.

Zwar sind die zeitgemäßen in Schwarz und Weiß gehaltenen Kostüme von Susanne Hubrich sowie das Bühnenbild von Timo Dentler und Okarina Peter nicht minder sehenswert, doch beschränkt sich die Bühnenausstattung in Bad Hersfeld im Grunde auf sieben jeweils fünf Meter hohe Buchstaben, die kombiniert den Namen Titanic ergeben. Diese drehbaren und auf mehreren Ebenen bespielbaren Buchstaben deuten die Schiffsbrücke, den Funkraum, die Kabinen, den Kesselraum und weitere Szenerien an und erweisen sich für die Inszenierung als völlig ausreichend. Ein besonderer Kniff ist das Finale des ersten Akts, wenn der mittlere Buchstabe, das A, in der Mitte auseinanderbricht und – unterstützt durch einen entsprechenden Soundeffekt – die Kollision mit dem Eisberg hervorragend visualisiert.

Im Verlauf des zweiten Akts legen die verbliebenen Buchstaben als Rettungsboote ab und verschwinden von der Bühne. Wenn die Stiftsruine am Ende in Dunkelheit getaucht und das Schiff untergegangen ist, liegen auf dem hinteren Teil der schwarzen Bühne die Darsteller zwischen weißen Stühlen. Untermalt von dem immer passenden Lichtdesign von Ulrich Schneider entsteht so die Illusion, die Möbel der Titanic würden zusammen mit den Leichen auf dem Atlantik treiben – ein weiterer Gänsehautmoment, insbesondere, wenn schließlich noch die Überlebenden an Bord der Carpathia vom Untergang erzählen und dann – wie in einer Traumvision – die Toten zu den Überlebenden stoßen, um gemeinsam in den Schlusschoral einzustimmen.

Da das Musical „Titanic“ älter ist als der weltbekannte Film von James Cameron, darf man nicht die Handlung des Films erwarten. Es gibt keinen Jack und keine Rose, kein Aktbild und es wird auch nicht zu den Klängen von Celine Dions „My Heart will go on“ geliebt und gelitten. Peter Stone als Buchautor des Musicals hat vielmehr die wahren Passagiere und ihre eigenen Geschichten in den Fokus der Handlung gestellt. So gibt es auch keine wirklichen Hauptrollen – das Stück lebt von der Ensembleleistung.

Mit Stefan Huber hat man zudem einen Regisseur verpflichtet, der sich zur Vorbereitung nicht nur selbst auf eine Kreuzfahrt begeben hat, sondern ein unglaublich gutes Gespür für Personenregie an den Tag legt. Er hat stringent inszeniert, die Charaktere scharf gezeichnet und jedem Protagonisten einen persönlichen Charakterstempel aufgedrückt, was man besonders in dem Song „In Amerika“ und der dazugehörigen Szene merkt, in der die Dritte-Klasse-Passagiere feiern und wirklich jeder Passagier eine eigene Geschichte rund um seine Auswanderung zu erzählen hat – und sei es nur durch Mimik und Gestik. Emotional wird es dagegen, wenn es in die Rettungsboote geht, die spürbare Verzweiflung und Dramatik von der Bühne ins Auditorium überschwappt und das Bühnengeschehen das Publikum einmal mehr gefangen nimmt.

Bei einem dramatischen Musical wie „Titanic“ kann sich Melissa King als Choreografin logischerweise nicht sehr austoben, doch insbesondere die Ragtime-Nummer der Ersten Klasse ist wunderbar anzusehen und bietet zwischen all der Dramatik eine gelungene Abwechslung. Und auch wenn „Titanic“ in erster Linie ein Ensemblestück ist und von der kollektiven Gesamtleistung aller Darsteller lebt, sollen an dieser Stelle einige Namen besonders positiv hervorgehoben werden.

Allen voran muss natürlich Michael Flöth genannt werden, der nach Hamburg und Thun nun auch in Bad Hersfeld wieder als Käpt’n E. J. Smith auf der Bühne steht. Er füllt diese Rolle nach all den Jahren noch immer sehr gut aus – respektvoll und sympathisch, als sei ihm der Part in Fleisch und Blut übergegangen. Jörg Neubauer kann als 1. Offizier William Murdoch besonders nach der Kollision mit dem Eisberg schauspielerisch etwas mehr von sich zeigen, wenn ihn die Selbstzweifel übermannen. David Arnsperger ist als Heizer Frederick Barrett ebenfalls überzeugend, weil er sehr authentisch spielt und nebenbei auch noch mit kräftiger Stimme fabelhaft singt – sowohl solo bei „Barretts Lied“ als auch im Duett „Der Heiratsantrag / Die Nacht hallte wider“, wo er perfekt mit Andreas Bongard, der den Funker Harold Bride spielt, harmoniert.

Ein herrliches Gespür für Timing beweist Mathias Schlung, der aus der vermeintlich kleinen Rolle des Erste-Klasse-Stewards Henry Etches unglaublich viel herausholt. Ebenso zu begeistern vermag der wunderbare Merlin Fargel, der schon im Musical „Goethe!“ aufhorchen ließ und bei „Titanic“ als im Krähennest sichtlich frierender Frederick Fleet ein sauber intoniertes „Kein Mond“ singt. Den Schiffseigner J. Bruce Ismay gibt der schauspielerisch gewohnt starke Frank Winkels als jähzornigen Stinkstiefel, wogegen Alen Hodzovic den Schiffskonstrukteur Thomas Andrews mit seinem sanften Schöngesang fast schon etwas zu brav anlegt.

Nina Janke gibt die Erste-Klasse-Passagierin Charlotte Drake Cardoza sehr taff und geheimnisvoll, während Kristin Hölck als Zweite-Klasse-Passagierin Alice Beane durch ihr amüsantes Spiel auf sich aufmerksam macht, wenn sie den Klatsch und Tratsch rund um die von ihr vergötterten Erste-Klasse-Passagiere besingt. Als Dreier-Kate-Gespann harmonieren Gabriela Ryffel (Kate McGowan), Melanie Gebhard (Kate Mullins) und Veronika Hörmann (Kate Murphey) sehr gut miteinander. Alle drei Darstellerinnen bringen die Lebensfreude der irischen Frauen und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Amerika authentisch über die Rampe. Im Zusammenspiel sind zudem Rupert Markthaler als Dritte-Klasse-Passagier Jim Farrell und Gabriela Ryffell als Kate McGowan wirklich toll, weshalb man auch ihr gemeinsames Duett „Drei Tage“, das Maury Yeston damals für die Hamburger Inszenierung nachträglich komponiert hat und in Bad Hersfeld nicht zu Gehör kommt, schmerzlich vermisst.

Unterm Strich darf den Bad Hersfelder Festspielen zu Stefan Hubers Inszenierung von „Titanic“ jedenfalls gratuliert werden. Der Mut, dieses selten gespielte Juwel endlich wieder auf eine deutsche Bühne zu bringen, hat sich definitiv bezahlt gemacht, was auch die Auslastungszahlen belegen. Selten verschmelzen bei einem Musical die Story, Musik, Inszenierung und darstellerische Leistungen so homogen perfekt ineinander wie bei „Titanic“ in der Stiftsruine. Vergessen wir also James Camerons Film – in Bad Hersfeld gibt’s viel größeres Kino!

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Medienberater, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze des Onlinemagazins thatsMusical. Als Regisseur verantwortete er unter anderem das Pop-Oratorium "Die 10 Gebote", außerdem schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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