Kevin Tarte (Foto: Dominik Lapp)
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Interview mit Kevin Tarte: „Ich mache keinen Unterschied zwischen kleinen und großen Rollen“

Kevin Tarte steht seit mehr als 25 Jahren in Deutschland auf der Musicalbühne. Er spielte zahlreiche Rollen in Produktionen wie „Tanz der Vampire“, „42nd Street“, „Titanic“ oder „Artus – Excalibur“. Aktuell steht er bei den Freilichtspielen Tecklenburg als Javert in „Les Misérables“ sowie demnächst wieder im Festspielhaus Füssen als Schattenmann in „Ludwig²“ auf der Bühne. Im Interview spricht er unter anderem über diese aktuellen Rollen, aber auch darüber, wie es ist, eine Rolle zu erarbeiten und warum er keinen Unterschied zwischen kleinen und großen Rollen macht.

Aktuell spielen Sie den Javert in „Les Misérables“. Obwohl dieses Musical schon 38 Jahre alt ist, haben Sie erst jetzt die Gelegenheit bekommen, in diesem Stück zu spielen. Warum ist das etwas Besonderes?
„Les Misérables“ begleitet mich schon mein ganzes Leben. Als das Stück rauskam, war ich noch am Konservatorium. Ich spielte damals in einer Mozart-Oper und unser Chefmaskenbildner hatte „Les Misérables“ gerade gesehen und schwärmte uns davon vor. Er spielte uns auch die Musik vor und es war für uns eine völlig neue Art von Musical – durchkomponiert, fast so wie eine moderne Oper. So habe ich es damals empfunden. Ich fand das Stück sofort faszinierend und wollte immer gern darin mitspielen – entweder als Jean Valjean oder als Javert. Aber es wurde viele Jahre nicht mehr in Deutschland gespielt und dass jetzt die Gelegenheit kam und ich gefragt wurde, ob ich Javert spiele, ist wirklich die Erfüllung eines langjährigen Traums.

Javert ist völlig besessen davon, den ehemaligen Sträfling Jean Valjean wieder einzubuchten, obwohl dieser seine Strafe für den Diebstahl eines Stücks Brot verbüßt hat. Warum kann Javert nicht loslassen? Warum hat er sich so sehr auf Valjean eingeschossen?
Ich glaube, das ist auf die Zeit von Jean Valjeans Gefangenschaft zurückzuführen. Leider wird das in der Musicalversion nur kurz zu Beginn beleuchtet, im Roman von Victor Hugo wird das wesentlich detaillierter erzählt. Valjean hat sich während der 19 Jahre im Gefängnis immer als Lebenskünstler, nein, als Überlebenskünstler gezeigt. Im Gegensatz zu den anderen Gefangenen hat er immer wieder versucht, rauszukommen. Er hat seine Freiheit nie aufgegeben – und dadurch ist er während seiner Gefangenschaft immer aufgefallen. Javert konnte Valjean in dieser Zeit nicht brechen und das hat er nicht verkraftet. In ihm ist immer ein Rachegefühl geblieben.

„Gitter brach mein Wiegenlicht, Dreck sah meiner Mutter zu, ich stamm‘ aus dem Dreck wie du“, lautet die letzte Textzeile von Javert in dem Song „Der doppelte Schwur“ im ersten Akt. Der Polizeiinspektor ist also im Gefängnis zur Welt gekommen. Warum aber wollte Javert unbedingt Polizist werden?
Da diese Textzeile in einem Duett mit Valjean gesungen wird, geht sie leicht unter. Es wird nicht jedem Zuschauer klar, dass Javert selbst aus ganz armen Verhältnissen stammt. Er ist im Gefängnis zur Welt gekommen, seine Mutter war eine Prostituierte, sein Vater der Anführer einer Räuberbande. Während seiner Kindheit hat Javert Elend und Missgunst erlebt. Javert war sehr intelligent und als er heranwuchs, wusste er bereits, dass er diese untere Gesellschaftsschicht verlassen und etwas aus seinem Leben machen will. Vor die Wahl gestellt, ob er ins Kloster, zum Militär oder zur Polizei gehen will, entschied er sich für die Polizei, da er dort die besten Chancen für sich sah.

Was ist die größte Herausforderung an der Rolle des Javerts?
Die größte Herausforderung ist es, eine glaubwürdige dreidimensionale Person auf die Bühne zu bringen. Im Musical ist es natürlich so, dass alles musikalisch taktiert ist. In gewisser Weise bist du eingeschnürt wie in ein Korsett. Du hast also nur eine begrenzte Zeit, in der du etwas darstellen kannst. Dadurch wirkt Javert oft sehr zweidimensional, er zeigt wenig andere Emotionen außer streng und böse. Mir war es aber wichtig, Javert trotz des vom Musical streng vorgegebenen Rahmens in so vielen Facetten zu präsentieren, wie man ihn auch im Roman von Victor Hugo findet. Er ist kein richtig böser Mensch, kein Fanatiker. Er ist besessen von seinen Regeln und lebt nur nach diesen und seinem Credo. Aber im Verlauf der Handlung – je älter er wird – wird es für Javert immer schwieriger, sich an seine eigenen Regeln zu halten und seinem Credo zu folgen. Dazu befindet er sich ständig im Konflikt mit Valjean, der einem völlig anderen Lebenscredo folgt.

Aber auch musikalisch stellt die Rolle des Javerts einen Sänger vor eine große Herausforderung. Javert hat ein Karussellthema, das heißt, dass dieselben Melodiefolgen immer wieder auftauchen und um ein Frage-Feststellung-Statement kreisen. Das zeigt, wie gefangen Javert eigentlich ist. Diese nur scheinbar gleichen Wiederholungen machen es für einen Darsteller noch schwieriger, dem Zuschauer die Veränderungen in der Figur zu vermitteln. Es bleibt nicht viel Raum für große Gesangsgesten. Für mich ist es sehr wichtig, dass die Texte von Javert die Möglichkeit haben, beim Publikum anzukommen.

Letztendlich stürzt sich Javert in den Tod. Ist das ein kalkulierter Tod oder eine Kurzschlusshandlung?
Nach der verwirrenden Szene in der Kanalisation mit Valjean und Marius, scheint es im Musical nicht kalkuliert zu sein. Im Roman geht er am nächsten Tag ins Polizeirevier und schreibt an seinen Vorgesetzen einen Bericht, in dem er von den Ungerechtigkeiten und Missständen berichtet, die er während seines Polizeidienstes beobachtet hat. Dinge, an denen er selbst jahrelang unverrückbar festgehalten hat, beginnt er nun in einem anderen Licht zu sehen. Seine Wertemuster fallen auseinander und im Unterbewusstsein fragt er sich sicher, wie lange er das noch mitmachen möchte. Sein Weg führt ihn dann zu einer Brücke, von der jeder weiß, dass aufgrund der darunter verlaufenden Strömungen keine Chance besteht, einen Fall oder Sprung davon zu überleben. Es liegt in Javerts Natur, dass er schnell seine Entscheidungen trifft: überlegt, aber trotzdem spontan.

Wie ist es, bei „Les Misérables“ in Tecklenburg von einem 20-köpfigen Orchester begleitet zu werden?
Das ist einfach wunderbar. Wenn live musiziert wird, kannst du die Feinheiten und die Stimmung in jedem Moment aufbauen. Dadurch entsteht eine ganze andere Verbindung zum Publikum. Das ist schwer zu beschreiben, aber immer wieder deutlich zu spüren. Beide musikalische Leiter in Tecklenburg legen sehr viel Wert darauf und tragen damit einen großen Teil zum besonderen Zauber der Freilichtspiele bei. Ich bin sehr pedantisch mit meinen Tempi und meinen Wünschen für Phrasierungen und Präzision – daran kann man nur arbeiten, wenn man einen Dirigenten hat, der auf die Sänger eingeht.

Im Musical „Ludwig²“ spielen Sie den Schattenmann. Eine recht kleine Rolle im Gegensatz zu den Rollen, die Sie sonst spielen. Ist das eine willkommene Abwechslung, eine kleinere Rolle zu übernehmen?
Mir geht es darum, wie interessant und qualitativ gut aufgebaut ein Stück und eine Rolle ist, weniger wie groß die Rolle ist. Insofern ist der Schattenmann musikalisch und textlich sensationell. Der Song des Schattenmanns ist anspruchsvoll geschrieben und hat eine sehr interessante Gesangspartitur gegen das Orchester, ähnlich wie Wagner komponiert hat. Mich hat natürlich gereizt, diese Rolle zu übernehmen, weil es mich musikalisch sehr angesprochen hat. Es ist eine riesige Herausforderung für einen Künstler, in knapp sechs Minuten diese Figur ins Leben zu rufen und darzustellen. Und auch weil ich das Musical „Ludwig²“ vom Stoff her sehr spannend finde, habe ich die Rolle wirklich gern angenommen.

Wer ist der Schattenmann eigentlich?
Der Schattenmann ist eine komplizierte Figur, eine Art unsichtbarer Mann. Er ist geheimnisvoll und versteckt, hat eine starke Präsenz und ist doch nicht anwesend. So wie ich das sehe, gleicht seine Exaktheit einer Schweizer Uhr. So ist die Rolle auch musikalisch aufgebaut. Der Rhythmus ist sehr exakt aufgeschrieben und gibt vor, wie der Schattenmann tickt. Er ist ausschließlich fokussiert auf seine Aufgabe. Er lässt seine Gedanken und Emotionen überhaupt nicht zum Vorschein kommen. Eigentlich ist er ein bisschen wie Javert.

„Ludwig²“ hat ja eine recht große Fanbase. Woran liegt das?
Ludwig II. ist zum einen eine sehr interessante historische Figur. Die Musicalfassung – auch wenn sie sehr romantisch ist und nicht unbedingt historisch korrekt – beinhaltet einige wichtige Punkte aus seinem Leben. Das Stück ist musikalisch sehr gut geschrieben. Es ist fast eher wie eine moderne Oper, weniger wie ein Musical. Dazu kommt natürlich, dass dieses tolle Stück in der Umgebung aufgeführt wird, in der er aufgewachsen ist. Die Verbindung dieses wunderschönen Festspielhauses direkt am Forggensee mit Blick auf Schloss Neuschwanstein und die Alpen macht einen ganz besonderen Zauber für den Musicalbesucher aus. So was in der Art gibt es nirgendwo auf der Welt.

Sie haben schon viele bedeutende Rollen gespielt. Unter anderem auch den Merlin in „Artus – Excalibur“ 2016 in Tecklenburg. Was ist Ihnen bei der Vorbereitung einer Figur wichtig?
Meine erste Aufgabe sehe ich darin, die Figur zu verstehen. Mich interessiert der Hintergrund der Figur, die ich spiele. Ich muss wissen, wie er tickt, warum er so ist wie er ist und wie sein Zusammenspiel mit anderen Figuren im Stück ist. Daran schließt dann direkt die musikalische Umsetzung an. Da bin ich immer mit der Lupe auf der Suche, um herauszufinden, wie der Komponist die Figur musikalisch angelegt hat, denn für mich definiert sich der Charakter einer Figur aus der Musik. Für eine Figur wie Merlin zum Beispiel habe ich mich auch mit der Artus-Legende und den verschiedenen Zeitepochen befasst, in der sie angesiedelt ist. Außerdem gibt es eine ganze Menge Verfilmungen, die ich mir besorgt habe. Mir ist es enorm wichtig, diese zwei Dinge – den Hintergrund und das musikalische Motiv der Figur – ineinanderzufügen. Da mache ich auch keinen Unterschied zwischen kleinen und großen Rollen. Gerade kleine Rollen können manchmal die Perlen sein, auch wenn sich die Fans vielleicht wundern, warum ich mal eine kleine Rolle spiele.

Neben Ihren Musicalengagements präsentieren Sie sich regelmäßig auch in Konzerten. Erarbeiten Sie die Konzepte für diese Konzerte selber? Worauf legen Sie Wert bei Ihren Konzerten?
Es kommt immer darauf an, mit welchem Veranstalter ich zusammenarbeite und um welche Art von Konzert es sich handelt. Bei manchen Musicalgalas ist das Programm vom Veranstalter vorgegeben, bei anderen ergibt es sich zwangsläufig durch die beteiligten Künstler und ihr jeweiliges Repertoire. Und auch die musikalische Begleitung, also ob mit Orchester, Band oder Piano, hat einen wesentlichen Einfluss auf die Songauswahl.

Bei meinen Soloprogrammen versuche ich immer, meine persönliche Note und die verschiedensten Stilrichtungen einzubringen. Es müssen auch nicht immer die großen Nummern drin sein, die man überall hört. Ich möchte schöne Stücke präsentieren, die nicht so bekannt sind. Gerade die älteren Musicaltitel sind das Fundament der Musicals, wie wir sie heute kennen.

Wenn ich in einem Konzert einen Musicalsong präsentiere, lege ich großen Wert darauf, dass Kevin so gut wie möglich verschwindet und die Figur zum Vorschein kommt. In einem Stück wird man dabei durch Maske und Kostüme noch unterstützt, aber bei einem Konzert habe ich diese Unterstützung nicht. Da muss ich es schaffen, die Figur nur durch Darstellung und Interpretation zum Vorschein kommen zu lassen – das ist eine große Herausforderung. Gleichzeitig genieße ich es aber, mich als Kevin Tarte und nicht in einer Rolle zu zeigen. Ich will mit dem Publikum für die drei oder vier Minuten, die ein Song meistens dauert, auf eine Reise gehen. Und ich habe gemerkt, dass das Konzertpublikum dafür sehr dankbar ist.

Interview: Dominik Lapp

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze eines Onlinemagazins. Als Regisseur verantwortete er die Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie eine Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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