„Harry Potter und das verwunschene Kind“ (Foto: Dominik Lapp)
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Baustellenreport: In Hamburg entsteht das Zuhause für „Harry Potter und das verwunschene Kind“

Es wird magisch in Hamburg. Denn in Deutschlands größter Musical-Metropole bringt Mehr-BB Entertainment – nein, kein Musical – eine große Schauspielproduktion auf die Bühne: Ab März 2020 wird das Theaterstück „Harry Potter und das verwunschene Kind“ im Theater am Großmarkt zu sehen sein. Die im März 2015 eröffnete Multifunktionshalle wird dafür gerade grundlegend umgebaut, so dass ein Theater im Theater entsteht.

Im Mai begannen die Bauarbeiten, damit die fantastische Zauberwelt von Erfolgsautorin J.K. Rowling Einzug ins Theater halten kann – das nämlich geschieht nicht nur auf der Bühne, sondern im ganzen Haus. Aktuell herrscht deshalb emsiges Treiben im Theater am Großmarkt, Handwerker gehen ein und aus, ständig wird neues Material angeliefert.

„Harry Potter“ lässt die Kasse klingeln

„Dieses Projekt sprengt alle Grenzen von dem, was ich bisher gemacht habe“, sagt Nils Lunow, der als Projektleiter den Umbau verantwortet. „Man muss hier in kurzer Zeit sehr viel Geld verbauen, und dafür braucht man die besten Leute.“ Für die neue Theaterproduktion in Hamburg wurden insgesamt 45 Millionen Euro veranschlagt – für Umbau, Produktion und Marketing. Um die Investitionskosten einzuspielen, muss das Stück mindestens drei Jahre aufgeführt werden. Das klingt ambitioniert. Doch in London, New York, San Francisco, Toronto und Melbourne lässt „Harry Potter und das verwunschene Kind“ bereits die Kasse klingeln.

„Harry Potter und das verwunschene Kind“ (Foto: Dominik Lapp)

„In London ist die Show seit drei Jahren ausverkauft“, erklärt Produzent Maik Klokow von Mehr-BB Entertainment. Ihm ist es zu verdanken, dass das Theaterstück in Deutschland auf die Bühne kommt. „Ich habe schon sehr viele Shows produziert, aber diese ist ganz besonders.“ In Hamburg wird die erste nicht-englischsprachige Produktion von „Harry Potter und das verwunschene Kind“ zu sehen sein. Das Publikum erlebt darin eine Geschichte in zwei Teilen, die 19 Jahre nach dem letzten „Harry Potter“-Buch spielt.

Wer Tickets für das Stück kauft, kauft direkt Tickets für beide Teile. Am Wochenende werden beide Teile immer hintereinander gezeigt, nachmittags der erste und abends der zweite Teil. Unter der Woche gibt es aber auch die Möglichkeit, das Stück an zwei aufeinanderfolgenden Abenden zu sehen. Dieses Konzept klingt ungewöhnlich, ist aber bedingt durch die Länge von „Harry Potter und das verwunschene Kind“ und findet so an allen anderen Spielorten auf der Welt ebenfalls Anwendung.

14.000 Quadratmeter Gipswände verbaut

Doch bevor das erste Mal Zuschauer das Theater am Großmarkt betreten werden, ist dort noch viel zu tun. „Es war vorher eine Mehrzweckhalle, in der Theater schon möglich war“, sagt Projektleiter Nils Lunow. „Aber es war eben noch kein richtiges Theater.“ Deshalb wurde in die Halle jetzt ein klassischer Theatersaal eingebaut. Dazu wurden gigantische 460 Tonnen Stahl und 14.000 Quadratmeter Gipswände verbaut. Hinzu kommen rund 4.000 Quadratmeter Gips im Backstagebereich und fast 5.000 Quadratmeter im Bereich der neu entstehenden Lounge und für die Probebühne.

„Harry Potter“ (Foto: Dominik Lapp)

Wirft man einen Blick in den Theatersaal, ist dieser als solcher schon gut zu erkennen. Der Zuschauerbalkon ist bereits fertig. Die blauen Theatersessel stehen auf blauem Hogwarts-Teppichboden. „Insgesamt werden etwa 3.000 Quadratmeter Teppichboden im Theater verlegt“, erzählt Maik Klokow. Für den Theatersaal habe man sich für blauen, für die Foyers für roten Teppich entschieden. Beide Teppichböden ziert das Logo der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei. Für „Harry Potter und das verwunschene Kind“ soll alles perfekt sein.

Anders als auf dem Balkon, stehen im Parkett des Theatersaals noch keine Sessel, auch der Teppich ist dort noch nicht verlegt. Grund dafür ist der Bühnenaufbau: Aktuell wird nämlich das Bühnenbild für „Harry Potter und das verwunschene Kind“ ein- und aufgebaut. Dazu benötigt man Platz im Saal, weil große Bühnen- und Technikteile zwischengelagert werden müssen. Auch im Foyer stehen zahlreiche Boxen mit Technikmaterial: Scheinwerfer, Lautsprecher, viele Kilometer an Kabeln.

Magische Atmosphäre im Theatersaal

Zwischen Foyer und Theatersaal befinden sich Hohlräume, in denen viel Technik verbaut wird. „Hinterher wird alles schön verkleidet“, sagt Maik Klokow. „Durch ein stimmiges Beleuchtungskonzept wird eine magische Atmosphäre im Theatersaal entstehen.“ Er spielt damit auf die Glühlampen an, die einzeln von der Decke herunterhängen. „Das wird aussehen wie eine leuchtende Wolkendecke“, ergänzt der Architekt Frans Dikmans.

„Harry Potter“ (Foto: Dominik Lapp)

Wer die „Harry Potter“-Filme kennt, wird sich an die schwebenden Kerzen in der großen Halle von Hogwarts erinnern. Eine ähnliche Atmosphäre wollen die Theatermacher auch in ihrem Haus erschaffen. Nicht nur im Saal, sondern auch in den Foyers. Rund 3.000 LED-Leuchten sollen dort zum Einsatz kommen. „Dazu haben wir einen Matrixgurt mit Lichtschienen an den Foyerdecken eingezogen“, erklärt Boris Neureiter, der Technische Leiter des Theaters.

An den Lichtschienen werden einzelne Glühlampen hängen, jede einzeln nummeriert und einer festen Stelle zugeordnet. Die Wände hingegen werden gestaltet mit großflächigen Patroni, illustriert aus Zitaten von J.K. Rowling. In der Welt von „Harry Potter“ nimmt der Patronus-Schutzzauber unterschiedliche Tierformen an. „In jedem der beiden Foyers werden jeweils 13 dieser Tierformen zu sehen sein“, erläutert Architekt Dikmans. So soll durch das Zusammenspiel von Lampen, Illustrationen und rotem Teppich eine warme, angenehme Intimität erzeugt werden.

Erfolgsproduzent Maik Klokow ist sichtbar stolz

Große Illusionen sollen zudem im Theatersaal entstehen. Wenn man auf dem Zuschauerbalkon ganz oben steht und nach unten auf die Bühne schaut, sind im Saal immer wieder hölzerne Halbbögen – so genannte Arches – zu erkennen, die einen Trichter erzeugen. „Durch diesen Trichter entsteht die Illusion, dass die Zuschauer förmlich in die Geschichte hineingezogen werden“, weiß Maik Klokow zu berichten. „Drachenlampen mit den Wappen der vier Hogwarts-Häuser befinden sich an den Wänden im Theatersaal und finden sich auch auf der Bühne wieder. So gibt es einen sanften Übergang zwischen Saal und Bühne.“ Wenn Maik Klokow erzählt, schwingt in jedem seiner Worte Begeisterung mit, seine Augen leuchten dabei geradezu. Der Erfolgsproduzent ist sichtbar stolz auf das, was in Hamburg entsteht.

„Harry Potter“ (Foto: Dominik Lapp)

Während die Bühnenteile in London gefertigt wurden, sind die Arches für den Saal im Studio Hamburg gebaut und dann ins Theater eingebaut worden. Dort, im Studio Hamburg, finden auch die Proben für „Harry Potter und das verwunschene Kind“ statt. Üblich sind am Theater Probenphasen von etwa sechs bis acht Wochen. Für „Harry Potter“ proben die Schauspieler allerdings schon jetzt, drei Monate vor dem Beginn der Voraufführungen. Denn es gilt schließlich, zwei Stücke zu lernen.

90 Szenen sind eine technische Herausforderung

Gary Beestone, International Technical Director, und Brett Banakis, International Supervisor für das Bühnenbild, sind eigens nach Hamburg gekommen, um den technischen Einbau für „Harry Potter und das verwunschene Kind“ zu überwachen. „In der Show gibt es etwa 90 Szenen,“ erzählt Beestone, „das ist eine technische Herausforderung.“ Das Stück solle allerdings von der Magie leben, nicht von der Technik. Deshalb halte man sich bedeckt darüber, wie letztendlich alles funktioniert. „Das Großartige in Hamburg ist, dass ein Theater sozusagen neu gebaut und entsprechend für die Show ausgelegt wurde“, sagt Brett Banakis. „In den anderen Orten wie London oder New York sind wir mit unserer Show immer in fertige Theater gekommen, wo wir einfach mit dem arbeiten mussten, was dort vorhanden war.“

Das Theater am Großmarkt ist ohnehin eine Seltenheit. „Es ist das einzige Theater weltweit, das in einen aktiven Großmarkt integriert ist“, so Maik Klokow. Dort, wo zwischen Mitternacht und zehn Uhr morgens Gemüse, Obst und Blumen verkauft werden, wird abends Theater gespielt. Weil das Areal rund um den Großmarkt für Besucher nicht viel bietet und man außerdem eine Anlaufstelle schaffen muss, wo sich das Publikum zwischen den beiden Vorstellungen aufhalten kann, entsteht vor dem Haus ein großer Theaterpavillon, der Platz für 1.200 Menschen bieten soll. Dort wird nicht nur die Theaterkasse untergebracht, sondern auch ein großes Gastronomieangebot geschaffen.

„Harry Potter und das verwunschene Kind“ (Foto: Dominik Lapp)

Weil „Harry Potter und das verwunschene Kind“ so eine riesige Produktion ist, muss das Theater selbst noch vergrößert werden. Nach dem Umbau wird es über 1.000 Quadratmeter größer sein als vorher – allerdings nur hinter den Kulissen. Der Backstagebereich wächst um 260 Quadratmeter, die Probebühne, eine Lounge und die Kantine nehmen noch einmal 780 Quadratmeter ein. „Allein für die vielen Kostüme brauchen wir mehr Platz“, sagt Technikleiter Boris Neureiter. „Wo andere Produktionen mit 300 Kostümen auskommen, brauchen wir 600.“ Um diese riesige Kostümanzahl schnell reinigen zu können, werden große Industriewaschmaschinen und Trockenschränke ihren Platz im so genannten Hinterhaus finden.

Zufrieden mit dem Vorverkauf

Aktuell befinden sich die Bauarbeiten im Zeitplan. Auch mit dem Vorverkauf sei man bislang zufrieden. Genaue Zahlen will Maik Klokow allerdings nicht nennen. „Bei ‚Harry Potter’ ist es so, dass J.K. Rowling einen magischen Kosmos erschaffen hat“, sagt er. „Und die Jünger pilgern aus allen Teilen Deutschlands nach Hamburg, weil sie wissen wollen, wie die Geschichte weitergeht.“ So sei man auch nicht verwundert, dass bislang 67 Prozent aller Ticketkäufe außerhalb von Hamburg stattfanden.

„Normalerweise ist es bei neuen Produktionen in der Hansestadt so, dass im ersten Jahr der Großteil der Tickets in und um Hamburg abgesetzt wird“, erklärt der Produzent. „Erst im zweiten Jahr dreht sich das.“ Bei „Harry Potter“ sei es aber umgekehrt. Wie sich der Vorverkauf letztendlich entwickle, würde man erst nach der Premiere wirklich beurteilen können, wenn die Medien berichtet hätten und die Mund-zu-Mund-Propaganda der ersten Besucher eingesetzt habe.

Und wo wird eigentlich der beste Platz im Theatersaal sein? „Meiner Meinung nach, in der ersten Reihe auf dem Balkon“, antwortet Maik Klokow. „Warum, werde ich allerdings nicht verraten.“ Das solle man selber herausfinden. Der Produzent von „Harry Potter und das verwunschene Kind“ macht es spannend.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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