Party, Pop und Repräsentanz: „& Julia“ in Stuttgart
„The party has arrived“ ist wohl der treffendste Ausdruck im modernen Sprachgebrauch für das, was sich ab sofort allabendlich im Palladium Theater Stuttgart abspielt. Dort feierte das Pop-Musical „& Julia“ mit neu interpretierten Hits des bekannten Musikproduzenten Max Martin Premiere.
Doch bevor die Musik aufspielt, steckt das Musical zunächst den Handlungsrahmen ab und wartet bereits zu Beginn und im weiteren Verlauf des Stückes mehrfach mit historisch korrekten und ebenso verblüffenden Fakten zum bedeutenden Dichter William Shakespeare auf. Dessen Frau Anne Hathaway besucht die Aufführung seines Stücks „Romeo und Julia“ und findet schnell, dass man das Ende der weltberühmten Tragödie umschreiben sollte. Julia muss am Leben bleiben und dieses nach dem Verlust von Romeo selbst in die Hand nehmen. Getrieben von starken Frauenfiguren begibt sich Julia im Verlauf des Stückes auf eine Reise zu sich selbst. Diese Reise ist eine Mischung aus bekannten Elementen und Personen der Shakespeare-Lektüre und einer modernen, bunten und mitreißenden Party.
Jedoch feiert das Publikum nicht allein die lauten Party- und Mitsingmomente mit den adaptierten Hits wie „Domino“ von Jessie J, „It’s my Life“ von Bon Jovi oder „Problem“ von Ariana Grande begeistert, die von einer sechsköpfigen Band unter der Leitung von Boris Ritter gespielt werden. Die Songs, die immer unfassbar treffend die Handlung unterstützen, werden im englischen Original gesungen; höchstens einzelne Passagen werden einleitend übersetzt. Obwohl es in „& Julia“ eine ganze Reihe von Hauptfiguren gibt, schafft es das Buch von David West Read in der deutschen Übersetzung von Jana Mischke und Heiko Wohlgemuth, der Entwicklung aller Charaktere gerecht zu werden und einen deutlichen Kontrast zwischen Shakespeares typischem Reimschema und zeitgemäßer Sprache mit „nicen Überraschungen“ zu liefern.

Das Ehepaar Shakespeare wird in Stuttgart von Maximilian Mann und Sabrina Weckerlin mit einer stimmigen Chemie gespielt. Maximilian Mann erlebt in dieser Rolle sein Bühnen-Comeback. Er schafft es, den recht selbstverliebten Shakespeare, der oft genug betont, dass er es „I want it that Way“ möchte, nicht unsympathisch werden zu lassen, da er sich zunehmend der Rolle und dem Einfluss seiner Frau öffnen kann. Sabrina Weckerlin gibt im verbalen Schlagabtausch nicht klein bei und steht selbstbewusst für sich und die Entwicklungen, die ihr wichtig sind, ein. Die Präsenz der beiden erfahrenen Künstler bildet dabei einen starken Rahmen für die Entwicklung der übrigen Figuren, in denen laut Anne „genug Konflikt drin“ ist.
Stimmlich und schauspielerisch vollends überzeugen kann Sebeya in der Rolle der Julia. Man nimmt ihr Julias jugendliche Sprache glaubhaft ab, und sie meistert die gesamte Bandbreite der Songs vom gefühlvoll interpretierten „… Baby one more Time“ bis zum selbstbewussten „Roar“.
Als dritte starke Frauenfigur wirkt Jacqueline Braun in der Rolle der Amme/Angelique mit. Sie beweist ein perfektes Timing für herrlich trockene Kommentare und wird dafür zu Recht vom Publikum gefeiert. Ebenfalls überzeugt ihre Stimme im Duett mit Lance, das eine komplexe musikalische Verschmelzung der Songs „Teenage Dream“ von Katy Perry und „Break free“ von Ariana Grande ist.

Auch wenn Romeo von Anne am Ende des Stückes als Lauch bezeichnet wird, trifft dies auf die Leistungen der männlichen Darsteller nicht zu. Jonathan Guth (Romeo), Esmael Agostinho (François) und Carlos de Vries (Lance) liefern nicht nur als Boyband „De Bois Band“ in einer Hommage an die Backstreet Boys ab. Unterstützt werden sie dabei von der Figur May, die im Stück losgelöst von jeglicher Geschlechteridentität auftritt. Ibi verkörpert diese Rolle zugleich herzlich und verletzlich und trägt so glaubhaft zur LGBTQ+-Repräsentanz des gesamten Stückes bei.
Bei „& Julia“ ist vieles im Vergleich zum klassischen Musical anders. Der Klassiker „Romeo und Julia“ wird anders erzählt, die Handlung ist nicht vorhersehbar, sondern bietet viele überraschende Wendungen, da die Charaktere komplex miteinander agieren. Das gesamte Ensemble bringt die modernen Hits der 1990er- und 2000er-Jahre mit dynamischen Choreografien und mitreißender Energie auf die Bühne. Dabei bewegen sich die Darsteller in farbenfrohen Kostümen, die eine ebenso gelungene Verbindung von Alt und Neu wie die Texte darstellen: Kleidungselemente aus dem elisabethanischen Zeitalter treffen auf Hipster-Elemente.

Als kleiner Wermutstropfen in der ansonsten positiven Bilanz des Musicals bleibt, dass das Stück nach seinem Transfer von Hamburg nach Stuttgart hinsichtlich der Bühnenausstattung kein Upgrade, sondern das Gegenteil erhalten hat. Während in der Hansestadt insgesamt drei LED-Wände die Bühne einrahmten, sind in Stuttgart die beiden seitlichen Wände durch Scheinwerferaufbauten ersetzt, die das Bühnenbild etwas unfertig wirken lassen. Während die ausbleibende Nutzung der Unterbühne für Auf- und Abgänge der Figuren verschmerzbar ist, wiegen der Wegfall des Drehbühnenelements und die Verkleinerung des Ensembles um zwei Personen schon schwerer. Die Kutsche, mit der die Reisegruppe die Fahrt von Verona nach Paris antritt, wirkt auch nicht mehr so stattlich wie zuvor, sondern erinnert eher an eine Rikscha. Hintergrund ist, dass das Bühnenbild der Hamburger Inszenierung nicht nach Stuttgart übernommen wurde und dort eine kompaktere Inszenierung gezeigt wird.
Zusätzlich sorgte die Ankündigung, im hinteren Bereich des Theatersaals eine Partyzone einzurichten, für Irritationen. Aus dem geplanten Partystehbereich ist – nach Protesten, auch aus Kreisen von Darstellerinnen und Darstellern – eine Lounge im Mittelbereich der hinteren Sitzreihen des Parketts geworden, die an die Can-Can-Tische bei „Moulin Rouge“ oder die Lounge im Saal des Oberhausener Metronom Theaters erinnert und im Auditorium nicht für Unruhe sorgen dürfte.
Text: Nathalie Kroj