„Willkommen“ (Foto: Tobias Metz)
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Authentische Charaktere: „Willkommen“ in Stuttgart

Willkommenskultur. Im Jahr 2015 etablierte sich dieses Wort, ein Jahr später wurde es durch Ausländerfeinde zum Schimpfwort gemacht. Die Bühnenautoren Lutz Hübner und Sarah Nemitz nahmen sich der Willkommenskultur und der Flüchtlingskrise an und verarbeiteten sie in ihrem Theaterstück „Willkommen“, das im Februar 2017 in Düsseldorf zur Uraufführung kam und jetzt in der Stuttgarter Fassung im Alten Schauspielhaus der Schwabenmetropole zu sehen ist.

In der Stuttgarter Fassung wird aber keinesfalls geschwäbelt, sondern Hochdeutsch gesprochen. Lediglich inhaltlich wurde es auf Stuttgart und seine Stadtteile angepasst, wodurch das Stück etwas Lokalkolorit erhält. Im Fokus der Handlung steht eine bürgerliche Wohngemeinschaft aus Überzeugung: Sophie, Doro, Benny, Jonas und Anna wohnen seit langem zusammen auf dem Killesberg. Einmal im Monat wird gemeinsam gekocht und Wichtiges besprochen.

Anglistikdozent Benny verkündet bei diesem Termin, dass er für ein Jahr nach New York gehen wird und sein Zimmer in dieser Zeit Geflüchteten überlassen möchte. Mitbewohnerin Anna, überraschend schwanger gewordene Studentin, möchte aber lieber, dass der Vater ihres Kindes in das Zimmer einzieht: Ahmet, Mitarbeiter einer Fahrradwerkstatt aus dem Stadtteil Hallschlag.

Regisseurin Schirin Khodadadian hat die Komödie „Willkommen“ äußerst pointiert und lustvoll inszeniert. Dabei hat sie mit ihren Schauspielern starke Rollenprofile ausgearbeitet und dadurch sehr authentische, äußerst unterschiedliche Charaktere geschaffen, die tief blicken lassen. Als genialer Regieeinfall erweist sich ein Klavier, das immer wieder zur Auftrittsfläche wird und auf dem etliche die Handlung unterstützende Songs gespielt werden. So wird Bennys Ankündigung der Big-Apple-Reise mit „New York, New York“ untermalt und Annas türkischer Freund Ahmet, dargestellt von Murat Dikenci, stimmt sehr gut „Fremd bin ich eingezogen“ aus Schuberts „Winterreise“ an.

In dem kargen Bühnenbild von Carolin Mittler bleibt der Fokus immerzu auf den Charakteren, was bei diesem Stück sehr zu begrüßen ist. Alles ist in Weiß gehalten, der Bühnenboden abgeschrägt, Designerstühle, ein Klavier – mehr bedarf es nicht, um die 200-Quadratmeter-Wohnung zu symbolisieren.

Als Hauptmieterin Sophie ist Eva Geiler in ihrer Darstellung wundervoll, wie sie die missverstandene Fotografin darstellt. Anke Stedingk steht ihr als Verwaltungsangestellte Doro aber in nichts nach, besticht sie doch durch ihre Bühnenpräsenz und mit einer flammenden Wutrede über arabische Männer. Eine großartige Leistung bringt außerdem Judith Florence Ehrhardt als Studentin Anna, die ihre Verwirrtheit über die überraschende Schwangerschaft herrlich visualisiert.

Rals Stech mimt als Jonas zunächst den Ruhepol der WG, lässt aber doch recht schnell seine Fassade fallen und präsentiert einen aufgeblasen-arroganten Bankbetriebswirt. Nikolaij Janocha ist als Anglistikdozent eine herrliche Memme und möchte sich gern aus der Affäre stehlen, obwohl er ausschlaggebend für das WG-Chaos ist. Großartig ist zudem Murat Dikenci, der wie erwähnt nicht nur am Klavier überzeugt, sondern mit lockerer Klappe den integrierten Quotentürken gibt und das Chaos perfekt macht. Die Videoeinspielung von „Tatort“-Star Richy Müller als Sophies Vater über Skype bildet das i-Tüpfelchen der insgesamt wirklich sehenswerten Inszenierung einer Komödie, die nicht nur witzig ist, sondern so erstaunlich real rüberkommt, als würde sie eine Episode aus einer echten Stuttgarter Wohngemeinschaft zeigen.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze eines Onlinemagazins. Als Regisseur verantwortete er die Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie eine Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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