„Les Misérables“, Foto: Universal Pictures
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Meisterhaft: „Les Misérables“ im Kino

Wohl kaum eine Musicalverfilmung wurde so sehnsüchtig erwartet wie „Les Misérables“. Während der Film in den USA schon am 25. Dezember 2012 anlief, startet er in den deutschen Lichtspielhäusern erst am 21. Februar 2013. Und was ging monatelang ein Aufschrei durch das Internet: Fans genauso wie Onlineportale befürchteten oder behaupteten gar, die singenden Schauspieler würden synchronisiert werden. Schockschwerenot! Sollte sich das Synchronisationsdesaster vom „Phantom der Oper“ aus dem Jahr 2004 etwa wiederholen?

Doch Musical-Deutschland kann aufatmen: Der Film wird auch hierzulande in der englischen Originalfassung (mit deutschen Untertitel) gezeigt, lediglich die für den Film neu geschriebenen wenigen Dialoge wurden synchronisiert. Und das ist auch das einzig Unsinnige an diesem Film. Zum einen dienen die Dialoge, die teilweise aus nur einem Satz bestehen, nicht wirklich der Handlung. Zum anderen hätte man die Sprechpassagen schon aufgrund ihrer Kürze ebenfalls im Englischen belassen können. Mal ganz abgesehen davon, dass es recht befremdlich wirkt, wenn erst auf Englisch gesungen wird, dann nur ein Satz auf Deutsch folgt und anschließend auf Englisch weitergesungen wird. Doch sei’s drum.

Regisseur Tom Hooper („The King’s Speech“) hat beeindruckende Bilder geschaffen (Kamera: Danny Cohen) und die aus dem Musical bestens bekannte Handlung durch einige schöne Einfälle aufgewertet. Was auf der Musicalbühne nie zu sehen ist, aber in der Romanvorlage von Victor Hugo beschrieben wird, greift Hooper nun im Film auf und zeigt zum Beispiel, wie Valjean (Hugh Jackman) mit der kleinen Cosette (glänzt mit klarer Stimme: Isabelle Allen) nach Paris flieht. Dabei erklimmt Valjean, verfolgt von Javert (Russel Crowe), letztlich die Pariser Stadtmauer und landet im Garten eines Klosters, wo er auf den Gärtner Fauchelevent trifft, dem er einst in Montreuil das Leben rettete, als dieser unter ein Fuhrwerk geraten war.

Eine von vielen gelungenen Kamerafahrten gibt es, wenn Javert hoch oben auf einem Gebäude gegenüber der Kathedrale Notre-Dame die Sterne besingt und die Kamera über das Dach in den sternenklaren Himmel schwenkt, um dann wiederum nach unten zu schwenken, wo bereits der Tag hereingebrochen ist und die Armen „Look down“ singen, während der kleine Gavroche (schauspielerisch wie gesanglich absolut top: Daniel Huttlestone) singend auf dem hinteren Teil einer fahrenden Kutsche sitzt und ihm die Kinder von Paris hinterherlaufen. Großartig! Insgesamt setzt Hooper jedoch vor allem auf Nahaufnahmen, was vielen Szenen eine besondere Intensität verleiht. Aber auch das Szenenbild (Eve Stewart) und die Kostüme (Paco Delgado) machen aus „Les Misérables“ einen Historienfilm par excellence.

Mit „Suddenly“ widmete man Jean Valjean ein neues Lied, das extra für den Film geschrieben wurde und sicherlich die Chancen auf einen Oscar oder Golden Globe als bester Filmsong erhöhen sollte. Zwar bringt der Song, der musikalisch nicht herausragend ist, die Handlung nicht voran und ist somit lediglich ein netter Bonus. Doch dient er immerhin dazu, die Gefühlswelt Valjeans besser zum Ausdruck zu bringen, wenn dieser mit der kleinen Cosette in einer Kutsche nach Paris flieht, nachdem er sie aus den Fängen der Thénardiers befreit hat.

Generell ist die musikalische Umsetzung des Films absolut gelungen. Dadurch, dass alle Songs am Set live gesungen wurden, statt sie wie üblich im Studio einzusingen, wirken die entsprechenden Szenen unglaublich authentisch und emotional. Aber auch die Cast von „Les Misérables“ kann fast durchweg überzeugen. Vor allem punktet hier Hugh Jackman in der Rolle des Jean Valjean mit seinem emotionalen Schauspiel und souveräner Stimmführung, wenn er auch gesanglich nicht wie ein Musicaldarsteller auf der Bühne klingt.

Russel Crowe ist als Javert schauspielerisch ebenfalls grandios, fällt gesanglich aber extrem ab. Und dennoch passt seine wenig voluminöse und gebrochene Gesangsstimme, mit der er immer wieder in eine Art Sprechgesang verfällt, zur kantigen und eisigen Art des Polizeichefs. Schöner wäre es aber gewesen, für die Rolle jemanden zu verpflichten, der wirklich singen kann.

Mit glasklarem Gesang überzeugen dagegen die Musicaldarsteller Aaron Tveit als Enjolras und Samantha Barks als Eponine. Gerade Barks, die die Eponine schon auf der Bühne im Londoner West End spielte, gelingen mit dem Lied „On my own“ und ihrer Sterbeszene zwei der emotionalsten Momente des Films.

Dass sie zu Recht mit einem Golden Globe als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde, beweist Anne Hathaway mit ihrer herzzerreißenden Darstellung der Fantine und der gefühlvollen Interpretation des Songs „I dreamed a Dream“. Als Marius macht Eddie Redmayne nicht nur eine gute Figur, sondern singt darüber hinaus ein schönes „Empty Chairs at empty Tables“. Amanda Seyfried bezaubert wie schon in der Verfilmung von „Mamma Mia!“ mit ihrem klaren Sopran. Lediglich Sacha Baron Cohen und Helena Bonham Carter bleiben als Ehepaar Thénardier gesanglich weit zurück. In der kleinen Rolle des Bischofs von Digne ist zudem Colm Wilkinson zu sehen, der die Rolle des Jean Valjean 1985 in London kreierte und in dieser Rolle auch am Broadway auf der Bühne stand.

So darf die lang ersehnte Verfilmung von „Les Misérables“ also guten Gewissens als Meisterwerk bezeichnet werden. Während der Streifen für Freunde des Musicals ohnehin Pflichtprogramm ist, dürfte er als gelungene Mischung aus Historienfilm, Romanze und Drama aber auch die Filmfreunde ins Kino ziehen. Es ist schön, dass durch diesen Film und seine prominente Besetzung die Fahne für das gerade im deutschsprachigen Raum eher milde belächelte Musicalgenre hochgehalten wird.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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