„Evita“ (Foto: Dominik Lapp)
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Geniale Neuinszenierung: „Evita“ in Mannheim

Es gibt sie immer wieder, diese Momente im Theater, in denen man als Zuschauer vom Regisseur überrascht wird. Das ist auch Georg Veit gelungen, der mit dem Musical „Evita“ im Mannheimer Capitol einen Klassiker so genial inszeniert hat, dass man das Stück aus einem völlig neuen Blickwinkel erleben kann, auch wenn man schon viele andere Inszenierungen von „Evita“ gesehen hat. Das ursprünglich groß orchestrierte Musical von Andrew Lloyd Webber (Musik) und Tim Rice (Songtexte) wird in Mannheim mit nur zwölf Darstellern und sieben Musikern zum eindrücklichen Kammerspiel – sowohl musikalisch als auch inszenatorisch äußerst spannend.

Ein überragender Kniff ist dem Regisseur gelungen, indem er mit der Rolle des Tods eine neue Figur eingeführt hat, die von Sandra Maria Germann – geschminkt wie eine mexikanische Totenmaske – markerschütternd-exzellent gespielt und gesungen wird. Immer wieder nimmt der Tod eine neue Gestalt an, schlüpft in verschiedene Rollen und übernimmt Textzeilen von Ché. Trägt der Tod in einer Szene ein Paket herein, öffnet er es in der nächsten und verteilt die darin befindlichen Uniformen an die Ensembledarsteller.

Wenn der Tod am Ende des Stücks das Barett aufsetzt und sich mit den Worten „Kommen Sie, Senor Guevara, wir haben noch viel zu tun“ an Ché wendet, ist das ein packender Gänsehautmoment. Dass der Tod als Puppenspieler in einem Marionettentheater agiert und den Verlauf der Handlung steuert, wird zudem am Ende des ersten Akts sehr deutlich, wenn er Perón droht: „Du lässt dich zur Wahl aufstellen. Zwing‘ mich nicht, noch deutlicher zu werden!“

Aber auch die Rolle des Ché wurde in der Inszenierung von Georg Veit anders als wie gewohnt angelegt. Hier ist er nicht der Freiheitskämpfer im Kampfanzug und auch lange nicht so aggressiv. Vielmehr sieht man Ché, wenn er in Lederjacke und mit dem Motorradhelm in der Hand die erste Szene betritt, als den hinterfragenden Medizinstudenten, wie er auch im Film „The Motorcycle Diaries“ dargestellt wird.

Sascha Krebs, ganz ungewohnt mit Kurzhaarperücke, gelingt eine mitreißende Rollenzeichnung des Revolutionärs. Mit hervorragender Bühnenpräsenz – in Mimik, Gestik und Bewegung immer auf den Punkt – führt er als Erzähler und Kommentator durch die Geschichte. Außerdem liefert er mit seiner in allen Lagen sicher geführten, sehr starken Rockstimme energiegeladene Interpretationen von Songs wie „Wach auf, Argentinien“ oder „Spendengelder fließen“, wohingegen er bei „Jung, schön und geliebt“ durchaus auch angenehm sanfte Töne zu Gehör bringt.

„Evita“ (Foto: Dominik Lapp)

Eine gute Figur macht Carl van Wegberg in der Rolle des Perón, der einerseits kühle Härte zeigt, aber andererseits eine gefühlvolle Seite nicht verbergen kann. Markus Beisel gibt als Magaldi einen herrlich schmierigen Tangosänger, und Sabrina Stein bleibt in der kleinen Rolle der Mistress dank ihrer emotionalen Interpretation des Songs „Du nimmst den Koffer wieder in die Hand“ positiv im Gedächtnis.

Das größte Päckchen zu tragen hat jedoch Roberta Valentini in der Titelrolle, was ihr mit Bravour gelingt. Im Verlauf der Handlung macht sie eine extrem starke Wandlung durch, vom naiven Dorfmädchen, das den Schritt in die Großstadt wagt, über den die Männer für ihre Zwecke missbrauchenden Vamp, bis hin zur starken First Lady Argentiniens. Schauspielerisch glänzt Valentini mit Verve und Energie, während sie sich gesanglich in der Mittellage in sehr guter Verfassung zeigt und in den hohen Tönen sogar Höchstleistungen vollbringt.

In dem großen Solo „Wein’ nicht um mich, Argentinien“ macht sich das sehr sparsame Bühnenbild bezahlt, das nur aus einer drehbaren Holztreppenkonstruktion besteht. So bleibt der Fokus auf Roberta Valentini, die nicht von einer riesigen Casa Rosada erdrückt wird, sondern auf dem Holzkonstrukt wunderbar wirken kann. Außerdem vergegenwärtigt das hölzerne Bühnenbild Evitas Wurzeln; stammt sie doch als uneheliches Kind aus eher armen Verhältnissen. Auch die Kostüme von Daniela Werner sind weitgehend zurückhaltend und reflektieren die Mode der 1950er Jahre. Nur die Kostüme des Adels stechen mit den Reifrockgestellen etwas hervor, machen aber geradezu brillant deutlich, dass bei den Adeligen vieles nur Fassade ist.

Schlussendlich ist es die siebenköpfige Band unter der Leitung von Sebastian Henzl, die die Inszenierung rund werden lässt – denn die Musiker wurden, für die Zuschauer gut sichtbar, auf der Bühne platziert und, mit zeitgemäßen Kostümen ausgestattet, ins Geschehen integriert. Wer „Evita“ bislang nur groß orchestriert kennt, braucht aber bei der Bandbesetzung keine musikalischen Abstriche zu befürchten. Hier werden keine Streicher durch ein Keyboard ersetzt, wie man es von großen Musicalhäusern teilweise kennt, sondern die Musik wurde bandtauglich arrangiert, so dass die Partitur noch rockiger und mitreißender klingt. Wer sich also davon überzeugen möchte, dass man einen Klassiker musikalisch wie inszenatorisch völlig neu entdecken kann, sollte „Evita“ im Capitol Mannheim nicht verpassen!

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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