„42nd Street“ Foto: Brinkhoff / Mögenburg
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Starke Steppnummern: „42nd Street“ in London

Was für eine Eröffnungsnummer! Da erklingt erst eine ganz wunderbare Ouvertüre im Stil klassischer Broadwayshows und dann hebt sich der Vorhang ganz langsam, um zunächst nur den Blick auf rund 80 Füße freizugeben, die exzellent steppen. Das Revival des Musicals „42nd Street“ in London ist von Anfang bis Ende ein optisches Vergnügen. Was dort an visueller Brillanz im Theatre Royal Drury Lane geboten wird, ist wirklich unglaublich. Dieses Stück ergänzt das aktuelle Showangebot im West End sehr gut und sticht aus den seit Jahrzehnten laufenden Klassikern wie „Les Misérables“ oder „The Phantom of the Opera“ und den neueren modernen Shows wie „School of Rock“ oder „Hamilton“ perfekt hervor.

Bezogen auf die Ausstattung, ist „42nd Street“ wohl eines der sehenswertesten Musicals in London. Hier wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt. Das Bühnenbild von Douglas W. Schmidt ist unglaublich wuchtig und detailliert, glänzt besonders aber in den buntesten Farben. Neben zahlreichen Szenenwechseln und großer Showtreppe sind allerdings auch die mehr als 600 Kostüme von Roger Kirk eine einzige Augenweide.

Das Stück, das hinter den Kulissen eines Broadway-Musicals spielt, bei dem sich die Hauptdarstellerin verletzt und von einer Newcomerin vertreten wird, die sich auch noch in den Regisseur verliebt, hat definitiv nicht das beste Buch vorzuweisen. Doch Regisseur Mark Bramble, der das Buch selber zusammen mit Michael Stewart geschrieben hat, nutzt das, was seine Vorlage hergibt und legt den Fokus ganz klar auf die großen Shownummern. Hierbei faszinieren ganz besonders die Szenen, die auf der leeren Probenbühne mit dem Ensemble in Probenkleidung beginnen und sich dann fließend zu einer Kostümprobe weiterentwickeln.

Herrlich anzusehen ist, wie in der Tanznummer „Dames / Keep young and beautiful“ das Herrenensemble ganz in Weiß auftritt und das Damenensemble dazu als Traum in Pastell korrespondiert. Der Szenenapplaus ist dabei für die ästhetische Choreografie von Randy Skinner genauso garantiert wie in der Szene, in der das Damenensemble auf der Bühne im Kreis liegend eine Choreografie umsetzt, die dem Publikum erst über einen riesigen Spiegel richtig visualisiert wird. Und spätestens beim Finale, als die große beleuchtete Showtreppe hereinfährt, während das Ensemble auf ihr steppt, sind die Zuschauer vor Begeisterung nicht mehr zu halten.

Der Musik- und Sprechanteil in „42nd Street“ hält sich in etwa die Waage. Doch transportiert die Musik von Harry Warren die Handlung kaum weiter – vielmehr werden hier Theaterszenen durch große Musiknummern beendet, die dann in die nächste Szene führen, was sehr an Revue-Operetten der 1920er und 1930er Jahre erinnert. Und obwohl die Handlung im Jahr 1933 spielt, klingt Warrens Partitur gar nicht mal so sehr nach dem gefälligen Sound der Hollywood-Filme der 1930er Jahre, sondern nach ganz viel schwungvoller Big Band der 1940 er Jahre. Das 18-köpfige Orchester unter der Leitung von Jae Alexander ist der Partitur jedenfalls bestens gewachsen und sorgt für einen wunderbaren satten Klang.

In der besuchten Vorstellung steht aufgrund einer Erkrankung zwar nicht die schottische Popsängerin Lulu als Dorothy Brock auf der Bühne, doch mit Steph Parry wurde eine Zweitbesetzung verpflichtet, die keinesfalls nur eine zweite Geige spielt, sondern absolut meisterhaft in Darstellung und Gesang ist. Den für das Revival neu geschriebenen Song „Boulevard of broken Dreams“ bringt Parry so hinreißend über die Rampe, dass sie dafür vom Publikum völlig zu Recht frenetisch gefeiert wird. Jede ihrer Szenen beherrscht sie darüber hinaus absolut perfekt und noch dazu sieht sie in ihren fantastischen Kleidern einfach umwerfend aus.

Die weitere Solistenriege wird angeführt von einem charismatischen Tom Lister in der Rolle des Regisseurs Julian Marsh. Lister bringt den nötigen Biss und die geforderte Autorität für seinen Part mit, ohne wie ein Choleriker zu wirken und kann gesanglich vor allem in der Nummer „Lullaby of Broadway“ überzeugen. Auch gibt es ein Wiedersehen mit einer in Deutschland durch „Mamma Mia!“ bestens bekannten Darstellerin, die mittlerweile im West End Fuß gefasst hat: Jasna Ivir hat in „42nd Street“ als Maggie Jones alle Lacher auf ihrer Seite, weil sie mal wieder ihr komödiantisches Talent voll ausspielen kann.

Ganz hervorragend sind zudem Clare Halse als Peggy Sawyer und Ashley Day als Billy Lawlor, die ihre Rollen in Tanz, Gesang und Schauspiel gleichermaßen perfekt beherrschen. Sie harmonieren schauspielerisch wunderbar miteinander, singen mit beachtlichen Stimmen und tanzen absolut umwerfend. Rollendeckend agieren aber auch Christopher Howell als Bert Barry, Matthew Goodgame als Pat Denning und Bruce Montague als Abner Dillon.

Nun mag „42nd Street“ wie schon erwähnt nicht das stärkste Buch haben und darf sich als Backstage-Musical zwischen Stücken wie „Kiss me, Kate“, „Curtains“ oder „Otello darf nicht platzen“ einreihen, doch wirkt die Show nicht nur wie die Mutter der Backstage-Musicals – man hat auch kaum ein Musical mit solch beeindruckend starken und vor allem großen Tanzszenen gesehen, in denen zeitweise mehr als 50 Darsteller auf der Bühne stehen. Allein für den Genuss dieser optischen Brillanz lohnt sich ein Besuch in London. In Deutschland dürfte das Stück in solch einer großen Inszenierung jedenfalls nicht mehr so schnell seinen Weg auf die Bühne finden, nachdem der Versuch von Stage Entertainment, „42nd Street“ als Long Run in Stuttgart zu platzieren, in der Spielzeit 2003/2004 ganz gehörig in die Hose ging.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze eines Onlinemagazins. Als Regisseur verantwortete er die Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie eine Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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