„Jekyll & Hyde“, Foto: Martin Kaufhold
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Starke Neuinszenierung: „Jekyll & Hyde“ in Frankfurt

Schöne Bilder, eine intelligente Inszenierung, überzeugende Darsteller und starke Arrangements – all das hat „Jekyll & Hyde“ am English Theatre in Frankfurt am Main zu bieten. Regisseur Tom Littler ist es gelungen, Frank Wildhorns häufig auf deutschen Bühnen gespieltes Musical in einer starken Neuinszenierung auf die Bühne zu zaubern, die niemals langweilig wird.

Denn egal wo man „Jekyll & Hyde“ bislang gesehen hat, die Inszenierungen gleichen sich meist und bieten kaum Neues. Anders ist es in Frankfurt, wo das Stück als Kammerspiel inszeniert wurde, was überraschend gut funktioniert. Nur zwölf Darsteller sind nötig, um das Publikum ins viktorianische London zu entführen. Und es sind insbesondere die wunderbaren Regieeinfälle von Tom Littler, die das Stück so sehenswert machen.

Große Momente entstehen, wenn zum Beispiel Henry Jekyll bei dem Song „In his Eyes“ in einen Spiegel blickt und ihm darin Emma und Lucy erscheinen. Aber auch wenn nach der ersten Transformation von Jekyll zu Hyde letzterer durch eine Menschenmenge hetzt und im Vorbeilaufen Hut, Stock und Mantel an sich nimmt oder in der Hochzeitsszene von Jekyll und Emma ein Hochzeitsgast aufsteht, den Mantel fallen lässt und sich als getötete Prostituierte Lucy im blutverschmierten Kleid zu erkennen gibt, sind das richtig starke Aha-Momente.

Als genial erweist sich zudem die Idee, neben den drei Hauptdarstellern die weiteren neun Darsteller immer wieder neue Rollen annehmen zu lassen, um als Ensemble das Geschehen in der Bühnenmitte von einer halbrunden Empore aus zu beobachten und zu kommentieren. Außerdem werden einzelne Darsteller immer wieder mit Instrumenten in die Band eingebunden.

Ohnehin ist die Band unter der Leitung von Tom Attwood ein weiteres Highlight des Abends – da sitzt jeder Ton, es stimmen das Tempo und der Drive. Als unfassbar stark erweisen sich außerdem die Resurrection-Arrangements, die in Frankfurt zu Gehör kommen und Wildhorns Partitur perfekt vom Schmalz befreien. Es rockt so gewaltig und klingt immerzu so fantastisch, dass man ein großes Orchester zu keiner Sekunde vermisst.

Auch die Cast kann vollends überzeugen – ganz besonders John Addison in der Doppelrolle als Henry Jekyll und Edward Hyde. Ihm gelingen eine authentische Darstellung des Jekylls und eine tiefgründige Seelenzeichnung von Hyde. Sein Hyde ist nicht einfach das mordende Monster, sondern eine eigenständige Persönlichkeit, abgespalten von Jekyll. Die Unterschiede zwischen beiden Charakteren muss er deshalb auch nicht durch besonders ausladendes Schauspiel oder eine großartig veränderte Stimmfarbe ausdrücken. Dies mag man bemängeln, weil man die Anlage der Doppelrolle aus vorherigen Inszenierungen anders gewohnt ist, doch in Frankfurt fügt sich diese Charakterzeichnung vollkommen perfekt in die Inszenierung. Auch gesanglich enttäuscht Addison nicht und zeigt, dass er sowohl den Balladen als auch den rockigen Up-Tempo-Nummern stimmlich gewachsen ist.

Die beiden Frauen an seiner Seite sind Samantha Dorsey als Emma (in der deutschen Version Lisa) und Clodagh Long als Lucy. Dorsey agiert rollendeckend sowie buchbedingt zurückhaltend und begeistert mit ihrem klaren Sopran, während Long in der Rolle der Lucy das perfekte Pendant darstellt. Sie zeichnet die Prostituierte mit starker Kontur, verleiht ihr durch glaubwürdiges Schauspiel eine Seele und überzeugt mit ihrer starken Gesangsstimme. Die Szene „Sympathy, Tenderness“, die sie mit John Addison spielt, erweist sich darüber hinaus als ein weiterer Höhepunkt des Abends. Selten hat man diese Szene, ebenso wie „Dangerous Game“, so unglaublich intensiv, erotisch und brutal gesehen. Chapeau!

Insgesamt kann „Jekyll & Hyde“ in Frankfurt also vollständig überzeugen. Da gibt es keinerlei Aussetzer, sondern ein Highlight nach dem anderen. Ein altbekanntes Stück in einem neuen Gewand zu sehen, das so durchdringend wie berührend, so kraftvoll wie mitreißend ist, bereitet unheimlich große Freude.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".