
Interview mit Antonia Kalinowski: „Auch im Namen der Liebe gibt es moralische Grenzen“
Antonia Kalinowski spielt die namenlose Hauptfigur im Musical „Rebecca“ an der Oper Dortmund. Im Interview spricht die junge Darstellerin über diese Rolle, ihre künstlerische Entwicklung und die Frage, ob man eine Liebesgeschichte, in deren Mittelpunkt der Tod einer Frau steht, heute noch unbeschwert erzählen kann.
Du bist in Worpswede aufgewachsen, einem Ort, der wie kaum ein anderer mit Kunst und Künstlern verbunden ist. Hat dich diese Umgebung auf deinem Weg zur darstellenden Künstlerin geprägt?
Worpswede war ein wunderbarer Ort, um aufzuwachsen. Es ist dort unglaublich grün, man lebt auf dem Land und ist viel in der Natur. Das war sicherlich eine gute Grundlage, um offen für unterschiedliche Einflüsse und künstlerische Ausdrucksformen zu werden. Noch stärker geprägt hat mich allerdings meine Schulzeit. Ich habe eine Waldorfschule besucht, an der sehr viel Wert darauf gelegt wurde, dass sich jede Persönlichkeit individuell entwickeln kann. Gerade die künstlerischen Fächer wie Handwerk, Eurythmie oder Musik spielten dabei eine große Rolle. Ich glaube, diese Erfahrungen haben mir schon früh geholfen, mir selbst zu erlauben, einen künstlerischen Weg einzuschlagen. Wahrscheinlich war es die Kombination aus dem Umfeld in Worpswede und der schulischen Förderung.
Wann wurde dir klar, dass Musical nicht nur eine Leidenschaft, sondern tatsächlich dein Beruf werden könnte? Gab es eine Initialzündung?
Meine Begeisterung kam ursprünglich vor allem über den Gesang. Während meiner Schulzeit habe ich mit meiner damaligen besten Freundin viel musiziert. Sie spielte Klavier, ich habe dazu gesungen. Irgendwann entstand dieses Gefühl: Das bereitet mir unglaublich viel Freude. Wie könnte ich daraus einen Beruf machen? Interessanterweise hatte ich Musical zunächst gar nicht unbedingt im Blick. Bei vielen Kolleginnen und Kollegen ist es ja so, dass sie schon als Kinder ein Musical gesehen haben und sofort wussten, dass sie genau das machen möchten. Bei mir entwickelte sich dieser Wunsch eher aus der Begeisterung für den Gesang heraus. Schauspiel und Tanz kamen später hinzu. Damit habe ich mich erst in der Vorbereitung auf das Studium intensiver beschäftigt.
Dein Studium an der Folkwang Universität der Künste hast du 2024 abgeschlossen. Welche Erinnerungen hast du an diese vier Jahre?
Das war eine unglaublich lehrreiche und schöne Zeit. Die Folkwang war tatsächlich meine Traumhochschule. Ich hatte sie damals gemeinsam mit meiner Mutter bei einem Informationstag besucht und war überglücklich, als ich angenommen wurde. Das Studium ist natürlich sehr intensiv. Man beschäftigt sich ständig mit sich selbst, reflektiert die eigene Arbeit und muss herausfinden, wie man mit den vielen Anforderungen umgeht. Besonders geschätzt habe ich den Rahmen, in dem wir uns entwickeln konnten. Die Dozentinnen und Dozenten haben uns intensiv begleitet. Hinzu kommt, dass wir nur sechs Studierende in unserem Jahrgang waren. Dadurch konnte sehr individuell gearbeitet werden. Ich habe aus diesen vier Jahren unglaublich viel mitgenommen.
Gil Mehmert unterrichtet ebenfalls an der Folkwang Universität und war auch in Dortmund bei „Grease“ und „Rebecca“ dein Regisseur. War er für dich im Studium eine prägende Persönlichkeit?
Gil Mehmert ist für mich eine unglaublich faszinierende Persönlichkeit, die ich sehr schätze. Während des Studiums hatten wir zunächst noch gar nicht so intensiv mit ihm zu tun. Erst gegen Ende wurde die Zusammenarbeit enger. Ich bin ihm sehr dankbar für all das, was ich von ihm lernen durfte. Besonders wertvoll finde ich, dass ich nun auch nach dem Studium mit ihm arbeiten kann. Er schafft einen Raum, in dem man durch Vertrauen und die Verantwortung für die eigene Rolle weiterwachsen darf. Natürlich verändert sich die Zusammenarbeit nach dem Abschluss. Man ist nicht mehr Studentin, sondern Darstellerin und trägt dieselbe Verantwortung wie alle anderen im Ensemble. Letztlich arbeiten alle daran, das bestmögliche Ergebnis auf die Bühne zu bringen. Ich liebe es, mit Gil zu arbeiten, und nehme jedes Mal unglaublich viel daraus mit.
Die Oper Dortmund kennst du bereits aus deiner Studienzeit. Inzwischen bist du als ausgebildete Musicaldarstellerin zurückgekehrt und hast hier erst Sandy in „Grease“ gespielt, jetzt die Rolle der „Ich“ in „Rebecca“. Wie fühlt sich das an?
Dortmund hat einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen. Durch meine ersten Engagements während des Studiums konnte ich hier Bühnenerfahrungen sammeln und den professionellen Theaterbetrieb kennenlernen. Dass ich nun nach meinem Abschluss zurückkehren und größere Rollen übernehmen darf, ist unglaublich schön. Was dieses Haus für mich besonders macht, ist die Zusammenarbeit. Die verschiedenen Gewerke greifen wunderbar ineinander, und die Atmosphäre ist toll. Es fühlt sich jedes Mal ein bisschen wie Nachhausekommen an. Wenn man sich an einem Theater wohlfühlt, die Kolleginnen und Kollegen schätzt und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Regieteam hat, entsteht eine besondere Arbeitsatmosphäre. Und die spiegelt sich letztlich auch auf der Bühne wider.

Sandy in „Grease“ ist eine Figur, die durch den Film mit Olivia Newton-John längst Kultstatus erreicht hat. Wie gelingt es, einer solchen Rolle eine eigene Persönlichkeit zu geben?
Das war für mich eine der größten Herausforderungen. Jeder hat sofort ein bestimmtes Bild von Sandy im Kopf, insbesondere von ihrer berühmten Verwandlung. Natürlich kannte ich den Film. Im Probenprozess hat es mir aber geholfen, dieses bekannte Bild ein Stück weit loszulassen und nach eigenen Anknüpfungspunkten zu suchen. Ich wollte herausfinden, welche Erfahrungen aus meinem Leben ich mit Sandy verbinden kann. Denn ich finde, dass die Figur manchmal etwas eindimensional betrachtet wird. Man könnte ihr eine gewisse Naivität oder Schlichtheit zuschreiben. Mir war es wichtig, sie so menschlich wie möglich zu gestalten. Viele Situationen, in denen Sandy sich befindet, kennt man schließlich auch aus dem eigenen Leben. Ich habe mich gefragt: Wie fühlt sich meine Sandy? Welche Momente sind für mich besonders entscheidend? Diese Fragen haben mir geholfen, eine eigene Interpretation zu finden.
Nun geht es für dich gewissermaßen von der Rydell High School nach Manderley. „Grease“ und „Rebecca“ könnten unterschiedlicher kaum sein. Wie hast du diesen Wechsel erlebt?
„Rebecca“ hat einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen. Es war eine der ersten großen Hauptrollen, die ich nach meinem Studium spielen durfte. Als damals die Tournee in China zu Ende ging, war ich richtig traurig. Ich hatte das Gefühl, gerade erst begonnen zu haben, die Figur wirklich zu verstehen, und schon musste ich mich wieder von ihr verabschieden. Als ich erfuhr, dass „Rebecca“ in Dortmund gespielt werden würde und ich erneut die „Ich“ verkörpern darf, war ich völlig aus dem Häuschen. Ich habe den Roman inzwischen zum dritten Mal gelesen und mir auch die Verfilmungen noch einmal angesehen. Ich wollte neue Perspektiven entdecken und überlegen, wie ich die Figur diesmal gestalten möchte. Zwischen den beiden Produktionen habe ich weitere Rollen gespielt und neue Erfahrungen gesammelt. All das kann ich nun einfließen lassen. Es ist unglaublich interessant, sich einer bekannten Rolle mit zeitlichem Abstand noch einmal anders zu nähern.
Deine Figur hat nicht einmal einen Namen. Sie heißt schlicht „Ich“. Was bedeutet das für deine Rollenarbeit? Ist es schwieriger, sich mit einer Figur zu identifizieren, über die man nicht einmal weiß, wie sie heißt?
Das ist ein spannender Gedanke. Gleichzeitig finde ich gerade das sehr schön an dieser Figur. Im Gegensatz zu Sandy, mit der viele Menschen sofort ein bestimmtes Bild verbinden, könnte die „Ich“ im Grunde jede junge Frau sein. Sie ist nicht von vornherein eindeutig festgelegt. Vielleicht ist das ein bisschen vergleichbar mit der Figur des Todes in „Elisabeth“. Auch dort geht es um etwas, das nicht zwangsläufig an eine bestimmte äußere Erscheinung gebunden ist. Die Themen, mit denen sich die „Ich“ beschäftigt, sind sehr universell. Es geht um Unsicherheit, Selbstzweifel, Erwartungen und die Frage, wer man eigentlich sein möchte. Ich glaube, dass sich viele junge Frauen darin wiederfinden können. Gerade deshalb finde ich es schön, dass diese Figur nicht an ein Klischee oder ein festgelegtes Bild gebunden ist.
„Ich“ entwickelt sich im Laufe des Stücks von einer unerfahrenen Frau zu einer selbstbewussten Persönlichkeit. Gibt es für dich einen bestimmten Wendepunkt, an dem diese Veränderung besonders deutlich wird?
Ein entscheidender Moment ist die Szene, in der Maxim zum ersten Mal wirklich offen mit ihr spricht und sie an seiner Gefühlswelt teilhaben lässt. Zu Beginn des zweiten Aktes ist sie emotional bereits völlig zerrissen. Maxim ist in der Nacht nicht zu ihr gekommen, und sie macht sich große Vorwürfe wegen des Kleides, das sie auf dem Kostümball getragen hat. Man merkt, dass in ihr etwas zu arbeiten beginnt. Ich finde allerdings, dass die „Ich“ von Anfang an eine unglaublich aufmerksame Beobachterin ist. Sie nimmt sehr viel wahr und beschäftigt sich intensiv mit dem, was andere Menschen sagen oder tun.
Das Problem ist nur, dass sie diese Informationen zunächst nicht richtig einordnen kann. Stattdessen beginnt sich in ihrem Kopf ein Gedankenkarussell zu drehen. In dem Moment, in dem Maxim endlich offen mit ihr spricht, verändert sich das. Zum ersten Mal bekommt sie Antworten auf Fragen, die sie schon lange beschäftigen. Vorher hat schließlich kaum jemand wirklich mit ihr über Rebecca gesprochen. Plötzlich kann sie all die Informationen miteinander verbinden. Sie beginnt, die Zusammenhänge zu verstehen, und findet dadurch auch ihre eigene Stimme. Sie definiert sich nicht mehr ausschließlich darüber, was andere Menschen über sie denken. Für mich ist das einer der zentralen Wendepunkte des Stücks.

Hast du dir schon einmal überlegt, welchen Namen „Ich“ tragen könnte?
Tatsächlich ja! Ich habe diese Frage sogar vor einiger Zeit in den sozialen Medien entdeckt. Darüber habe ich dann selbst nachgedacht und festgestellt, dass ich die Frage unglaublich schwierig finde. Irgendwann habe ich mich allerdings gefragt, ob es für die Figur überhaupt wichtig ist, einen Namen zu haben. Vielleicht liegt gerade darin etwas Besonderes. Ihre Entwicklung und ihre Gefühle haben etwas Universelles, das jeder Mensch auf seine eigene Weise erleben kann. Wenn man ihr einen konkreten Namen gibt, legt man sie vielleicht auch ein Stück weit fest. Mir ist jedenfalls kein passender Name eingefallen. Vielleicht geht es aber gar nicht so sehr darum, wie sie heißt, sondern darum, dass man im Leben seine eigene Stimme findet. Dass man ein eigenes Wertesystem entwickelt, darauf vertraut und schließlich lernt, für sich selbst einzustehen.
Nicht nur die weibliche Hauptfigur bleibt namenlos. Das Musical trägt ausgerechnet den Namen einer Frau, die selbst nie auf der Bühne erscheint. Rebecca ist während der gesamten Handlung abwesend und zugleich allgegenwärtig. Wie spielt man gegen eine solche unsichtbare Präsenz an?
Für mich schwebt Rebecca wie ein übergeordnetes Thema über der gesamten Geschichte. Sie ist eine Vorstellung, an der sich die „Ich“ ständig misst. Und das kennen viele Menschen aus ihrem eigenen Leben. Wir alle haben bestimmte Bilder davon, wie wir sein sollten, wie unser Leben auszusehen hat oder welchen Erwartungen wir entsprechen müssen. Vielleicht ist es Perfektionismus, vielleicht sind es gesellschaftliche Erwartungen oder persönliche Vorstellungen, denen wir hinterherlaufen. Diese Bilder haben oft unglaublich viel Einfluss auf uns, obwohl sie gar nicht greifbar sind. Genau das passiert der „Ich“. Sie versucht ständig, sich mit einer Frau zu vergleichen, die sie überhaupt nicht kennt. Sie orientiert sich an einer Vorstellung von Rebecca, die andere Menschen geschaffen haben. Wenn man darüber nachdenkt, merkt man, wie absurd das eigentlich ist. Warum sollte ich mich mit jemandem vergleichen, den ich gar nicht kenne? Und warum sollte ich überhaupt versuchen, jemand anderes zu sein?
Während der China-Tournee wurde ich einmal gefragt, was die „Ich“ wohl zu Rebecca sagen würde, wenn sie ihr tatsächlich begegnen könnte. Damals habe ich überlegt, ob sie sich vielleicht sogar bei Rebecca bedanken würde. Natürlich durchlebt sie wegen dieser Frau eine unglaublich schmerzhafte Zeit. Aber letztlich ist es auch diese Auseinandersetzung, durch die sie über sich hinauswächst und zu sich selbst findet. Vielleicht ist das sogar die eigentliche Entwicklung, um die es in „Rebecca“ geht.
„Rebecca“ hat 20 Jahre nach der Uraufführung eine riesige Fangemeinde. Gleichzeitig sehe ich den Stoff heute mit anderen Augen als noch 2006. Im Roman erschießt Maxim seine erste Frau Rebecca, während ihr Tod im Musical als Unfall dargestellt wird. Trotzdem bleibt die Frage, ob wir hier nicht auch über Gewalt gegen Frauen und letztlich über das Thema Femizid sprechen müssen. Wie betrachtest du diese Geschichte aus heutiger Perspektive? Und darf man sich am Ende überhaupt darüber freuen, dass „Ich“ und Maxim gemeinsam in ein neues Leben aufbrechen, obwohl er für Rebeccas Tod verantwortlich ist?
Das ist eine unglaublich spannende und gleichzeitig schwierige Frage. Ich habe darüber sehr viel nachgedacht. Für mich war es wichtig, zwei unterschiedliche Perspektiven auf die Geschichte zu entwickeln. Ich glaube, man kann diesen Stoff nicht ausschließlich durch eine einzige Brille betrachten. Sehr geholfen hat mir dabei, den Roman mehrfach zu lesen. Viele Dinge werden dort anders beschrieben, als sie später im Musical dargestellt werden. Natürlich muss man berücksichtigen, dass eine Bühnenfassung in einem ganz anderen zeitlichen Rahmen erzählt wird. Im Roman gibt es beispielsweise Szenen, in denen die „Ich“ Maxim gegenüber sehr deutlich ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen formuliert. Eine dieser Szenen ist die mit dem zerbrochenen Amor. Dort konfrontiert sie Maxim sinngemäß mit dem Verdacht, dass er sie vielleicht nur geheiratet habe, weil sie schüchtern sei, sich nicht beschweren und ihm nicht widersprechen würde. Gleichzeitig macht sie deutlich: Wenn er nicht an ihre Ehe glaubt, soll er ihr das sagen. Sie möchte nicht mit jemandem zusammenleben, der selbst davon überzeugt ist, dass diese Beziehung nicht funktionieren kann.
Ich finde, das sind unglaublich wichtige Momente für das Verständnis der Figur. Sie zeigen, dass die „Ich“ keineswegs nur ein schüchternes, passives Mädchen ist, das alles mit sich machen lässt. Diese Eigenschaften möchte ich ihr unbedingt mitgeben, um ihrer Persönlichkeit mehr Tiefe zu verleihen. Interessant ist außerdem, dass in verschiedenen Verfilmungen bestimmte Aspekte verändert wurden. Beispielsweise wurde der Altersunterschied zwischen Maxim und der „Ich“ teilweise verringert. Auch Mrs. Danvers wird nicht immer so dargestellt, wie sie im Roman beschrieben wird. Dort erscheint sie stellenweise beinahe wie ein Totenschädel, mit einem sehr eingefallenen Gesicht. Solche Veränderungen zeigen, dass man den Stoff unterschiedlich interpretieren kann.

Was die moralische Frage betrifft, versuche ich einerseits, die Geschichte aus ihrer Entstehungszeit heraus zu betrachten. Damals herrschten andere gesellschaftliche Vorstellungen und Bedingungen. Gleichzeitig muss ich aus heutiger Perspektive ganz klar sagen: Auch im Namen der Liebe gibt es moralische Grenzen. Als Darstellerin habe ich allerdings noch eine andere Aufgabe. Ich darf meine Figur nicht einfach für ihre Entscheidungen verurteilen. Stattdessen muss ich versuchen, nachzuvollziehen, warum sie sich so verhält, wie sie es tut. Das bedeutet nicht, dass man diese Entscheidungen automatisch gutheißen muss. Aber um eine Figur glaubwürdig spielen zu können, muss man ihre Beweggründe verstehen. Gerade dieser Widerspruch macht die Rolle für mich so interessant, auch wenn die Geschichte teilweise wirklich schwere Kost ist.
Ich habe mich beispielsweise gefragt, ob wir am Ende nicht eigentlich zwei traumatisierte Menschen sehen. Wenn man ihre Geschichte aus heutiger Perspektive betrachtet, stellt sich doch die Frage, wie lange diese beiden Menschen brauchen würden, um tatsächlich zueinanderzufinden und eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Sie haben unglaublich viel erlebt, und vieles davon lässt sich sicherlich nicht einfach abschütteln. Ob und wann ihre Beziehung wirklich ruhig und von gegenseitigem Vertrauen geprägt sein könnte, bleibt für mich deshalb offen. Das finde ich einen spannenden Gedanken, der über das eigentliche Ende des Musicals hinausgeht.
Vielleicht müsste man tatsächlich einmal eine Vorgeschichte zu „Rebecca“ erzählen. Ein Prequel, in dem Rebecca selbst auf der Bühne erscheint und man erfährt, wer diese Frau wirklich war. Vielleicht auch mit einem stärkeren Fokus auf ihre Beziehung zu Mrs. Danvers. Würde dich eine solche Geschichte interessieren?
Total! Das würde ich unglaublich spannend finden. Gerade über Rebecca selbst erfahren wir ja erstaunlich wenig. Auch im Roman wird ihre Persönlichkeit eigentlich nur durch die Aussagen anderer Menschen beschrieben, vor allem durch Maxim und Mrs. Danvers. Wir entwickeln also ein Bild von einer Frau, die wir selbst überhaupt nicht kennen lernen. Dabei stellt sich natürlich die Frage, wie objektiv diese Beschreibungen eigentlich sind. Inwieweit sind sie durch die persönlichen Erfahrungen, Gefühle und Interessen der jeweiligen Figuren geprägt?
Rebecca wird teilweise als unglaublich grausam dargestellt. Aber wir erfahren nie wirklich, wie sie selbst die Dinge gesehen hat. Deshalb fände ich es sehr interessant, diese Geschichte einmal aus einer anderen Perspektive zu erzählen. Und gerade Mrs. Danvers ist eine wahnsinnig spannende Figur. Allein die vielen Gefühle und Konflikte, die in ihr arbeiten, machen sie unglaublich interessant. Beim Lesen des Romans habe ich jedes Mal besonders aufmerksam verfolgt, wenn sie wieder auftauchte. Die Autorin beschreibt ihre Erscheinung, ihre Art und ihr Verhalten teilweise so detailliert, dass man eine sehr konkrete Vorstellung von ihr bekommt. Das hat mir übrigens auch für meine eigene Rollenarbeit sehr geholfen. Ich finde, in Mrs. Danvers steckt ein unglaubliches Innenleben. Mich würde wirklich interessieren, diese Figur und ihre Beziehung zu Rebecca noch viel genauer kennen zu lernen.
Interview: Dominik Lapp

