„West Side Story“ (Foto: Dominik Lapp)
  by

Zeitloser Klassiker: „West Side Story“ in Hannover

Zwei verfeindete Gangs, Revierkämpfe, Imponiergehabe, die große Liebe. Auch mehr als 60 Jahre nach seiner Uraufführung hat das Musical „West Side Story“ nicht an Aktualität verloren. Die Musik von Leonard Bernstein klingt zeitlos, das an „Romeo und Julia“ angelehnte Buch von Arthur Laurents ist nach wie vor topaktuell und auch die aussagekräftigen Gesangstexte von Stephen Sondheim verfehlen ihre Wirkung nicht. Die „West Side Story“ steht als Klassiker des Musicalgenres deshalb noch immer weltweit regelmäßig auf den Spielplänen der Theater, was es für einen Regisseur nicht einfach macht, dieses so oft gezeigte Werk neu zu inszenieren. An der Staatsoper Hannover zeigt Matthias Davids nichtsdestotrotz eine erfrischende Inszenierung, die von starken Bildern und großen Emotionen lebt.

Das Bühnenbild von Mathias Fischer-Dieskau ist so einfach wie gigantisch. Einfach, weil es nur aus zwei verschiebbaren Elementen gebildet wird. Gigantisch, weil es aus einer riesigen Hauswand besteht, die mehrere Öffnungen hat und teilbar ist, so dass die beiden Wandteile verschieden platziert immer wieder neue Handlungsorte schaffen, die durch die im Hintergrund eingesetzte Projektionsfläche äußerst real wirken. Auch die Kostüme von Susanne Hubrich sind sehenswert – einfach, aber zeitgemäß. Im Zusammenspiel mit kleineren Bühnenelementen, Requisiten und dem stimmigen Lichtdesign von Susanne Reinhardt entstehen so herrliche Szenenbilder, die die Handlung visuell unterstützen, aber die Darsteller nicht erdrücken, sondern genug Raum lassen für die Fokussierung auf Charaktere und die fantastischen Tanzszenen.

Simon Eichenberger hat dazu eine spritzige Choreografie entwickelt, die von den energiegeladenen Darstellern zum Beispiel in der Eröffnungsszene oder in Nummern wie „Cool“ und „Dance at the Gym“ durch eine exzellente Körpersprache und synchrone Bewegungen präsentiert werden. In der „Somewhere“-Szene stößt zum Musicalensemble auch noch die Ballettkompanie der Staatsoper Hannover hinzu und wertet die von Matthias Davids berührend inszenierte Traumsequenz um das im Bett liegende Liebespaar enorm auf.

Stella Motina begeistert als Maria mit jugendlicher Leichtigkeit und gibt zum Ende des Stücks eine wahnsinnig traurige und gebrochene Frau. Ihre Darstellung, wenn sie in der letzten Szene verzweifelt mit dem Revolver auf einzelne Bandenmitglieder zielt, ist dabei von solch einer Intensität, dass sie zu Tränen rührt. Auch gesanglich lässt sie mit ihrem klassisch geschulten Sopran keinerlei Wünsche offen.

Michael Pflumm ist als Tony schauspielerisch ebenfalls glaubwürdig. Ob nun als der im Drugstore arbeitende nette Junge, als der mutige Held, der den Kampf zwischen den rivalisierenden Jets und Sharks verhindern möchte, oder als der Hals über Kopf verliebte Typ, der seiner Maria den Himmel auf Erden bereiten möchte – Pflumm präsentiert alle Facetten seiner Rolle geradezu perfekt, genauso wie er perfekt singt. Seine Songs, insbesondere das Solo „Maria“, interpretiert er mit glühender Inbrunst und emotionaler Strahlkraft.

Ebenso beeindruckt Maaike Schuurmans als Anita mit klangschöner Stimme. Ihre schauspielerischen Fähigkeiten zeigt sie vor allem in der beklemmenden Szene, in der Anita von den Jets gedemütigt und vergewaltigt wird und anschließend aus Wut den Tod Marias verkündet. Taddeo Pellegrini ist in der Rolle des Bernardo ein herrlicher puerto-ricanischer Macho und Anführer der Sharks, während Dennis Henschel als Riff genauso überzeugend den Anführer der Jets spielt. Beide Darsteller spielen extrem stark im ersten Akt, der mit einem Kampf endet, in dem Bernardo und Riff zu Tode kommen. Als den Tod von Bernardo rächen wollender Chino überzeugt zudem Farid Halim durch seine hervorragende Bühnenpräsenz.

Als wahres Energiebündel in der „West Side Story“ erweist sich außerdem Franziska Trunte als Anybodys, die mit starkem Körpereinsatz und mächtig großer Klappe eine beeindruckende schauspielerische Leistung zeigt und aus der kleinen Rolle alles herausholt, was herauszuholen ist. Wolfgang Schreiner gibt als Doc die gute Seele der New Yorker West Side, während Ingolf Kumbrink als Lieutenant Schrank und Valentin Kostov als Officer Krupke zwei echte Kotzbrocken spielen.

Doch neben den namentlich erwähnten Solisten kann auch das spielfreudige Ensemble mit starker Bühnenpräsenz punkten, wobei ganz besonders Marias Freundinnen in den Songs „America“ und „I feel pretty“ positiv auffallen, die von Laura Friedrich Tejero (Rosalia), Chayenne Lont (Consuela), Marta di Giulio (Teresita), Chiara Pareo (Estella) und Laura Nicole Viganó (Francisca) gespielt werden.

Im Orchestergraben leitet Florian Groß das Niedersächsische Staatsorchester mit Verve durch die anspruchsvolle Partitur von Leonard Bernstein. Das Orchester bereitet den Sängern einen prächtigen Klangteppich, der brillant das Auditorium erfüllt und wieder einmal verdeutlicht, wie fordernd, komplex und teilweise sogar disharmonisch Bernsteins Musik ist, die mit ihren Elementen aus Swing und Jazz exzellent ins Ohr geht und noch lange nachklingt – so wie die gesamte Vorstellung dieser fantastischen Inszenierung der „West Side Story“.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Es gelten unsere Bedingungen zum Datenschutz sowie zur Nutzung / AGB. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen