„Titanic“ (Foto: Dominik Lapp)
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Brillant: „Titanic“ auf Tour

Der Untergang der Titanic funktioniert nicht nur als groß orchestriertes Musical, wie es zum Beispiel in den vergangenen zwei Jahren in Bad Hersfeld zu sehen war. Die englischsprachige Tourfassung des Musicals „Titanic“, die BB Promotion gerade durch Deutschland schickt, funktioniert genauso gut als intimes Kammerspiel mit entsprechend kleiner Orchesterbesetzung. Zu gut ist die Musik von Maury Yeston, zu mitreißend das Buch von Peter Stone.

Wer sich an die Großproduktion von „Titanic“ erinnert, die 2002/2003 in Hamburg zu sehen war, hat noch das bombastische Bühnenbild vor Augen. Die Tourproduktion beweist jedoch, dass das Stück auch mit spartanischer Ausstattung wirkt. Das Bühnenbild von David Woodhead besteht vor allem aus Geländern und Treppen, kurzum: aus einer angedeuteten Reling.

Ergänzt wird es durch hereingeschobene Möbelstücke und Requisiten, so dass durch einen Schreibtisch beispielsweise der Funkraum angedeutet wird. Auch die Kostüme von Woodhead sind schön anzusehen und verdeutlichen sehr gut die Unterschiede zwischen den Passagieren der drei Klassen.

Weil das Publikum nicht vom Bühnenbild erschlagen und abgelenkt wird, stehen die einzelnen Charaktere viel mehr im Vordergrund. Dies nutzt Regisseur Thom Southerland sehr gut: Obwohl es keine wirklichen Hauptrollen gibt, schafft es Southerland, die unterschiedlichen Charaktere und Gesellschaftsgruppen eindringlich zu beleuchten.

Wo in der dritten Klasse die Auswanderer, von Hoffnungen getragen, ein besseres Leben in Amerika herbeisehnen, wollen die Passagiere der zweiten Klasse auf Tuchfühlung mit den Reichen und Schönen der ersten Klasse gehen, die wiederum im Wohlstand baden, während im Heizraum des Schiffes davon gesungen wird, dass die Heizer zwar auf hoher See sind, aber nicht ein einziges Mal das Meer zu Gesicht bekommen.

Herausragend sind bei „Titanic“ ganz besonders die Ensembleszenen wie bei der Abfahrt in Southampton („Godspeed Titanic“) oder wenn es auf dem sinkenden Schiff zu den Rettungsbooten geht („Tot he Lifeboats“). Hier entfaltet sich die markerschütternde Stimmgewalt der Darsteller, die das kleine Kammerorchester übertönt, das unter der Leitung von Leigh Thompson einen fantastischen Job macht.

Aus der Riege der Darsteller sticht Philip Rham als Captain E. J. Smith hervor, der seine Rolle mit volltönender Stimme und Respekt erfüllt. Ebenfalls überzeugend ist Niall Sheehy als Heizer Frederick Barrett, der mit seiner gefühlvollen Stimme in „Barrett’s Song“ berührt. Einen großen Moment hat auch Ronan Burns als Funker Harold Bride, der sehr gut mit Niall Sheehy harmoniert, wenn sie ihr Duett „The Proposal / The Night was alive“ singen.

Ein tolles Liebespaar geben Lucie-Mae Sumner und Shane McDaid als Kate McGowan und Jim Farrell ab, doch die emotionalste Szene gehört Dudley Rogers und Judith Street als Ehepaar Straus mit ihrem Duett „Still“. Greg Castiglioni verleiht dem Schiffskonstrukteur Thomas Andrews ein stattliches Profil, wohingegen es Simon Green als Schiffseigner J. Bruce Ismay exzellent versteht, den Kotzbrocken schlechthin zu mimen.

So überzeugt die Tourproduktion von „Titanic“ von der ersten bis zur letzten Minute durch eine emotionale – wenn auch logischerweise vorhersehbare – Story, tolle Ensembleszenen, herrliche solistische Leistungen und ganz besonders auf der musikalischen Linie. Ein echtes Kleinod, das man nicht verpassen sollte.

Text: Matilda Falke

Matilda Falke hat Germanistik studiert und ein Volontariat absolviert. Seit mehreren Jahren ist sie als freie Journalistin und Texterin tätig.

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