„Tina“ in Hamburg (Foto: Manuel Harlan)
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Gemischte Gefühle: „Tina“ in Hamburg

Wer noch in Zeiten großgeworden ist, in denen Standing Ovations lediglich äußerst herausragenden, weil singulären Personen oder Anlässen gespendet wurden, wundert sich schon seit vielen Jahren über die zunehmende Inflation dieser Ehrerweisung. Wie sparsam man tatsächlich umgehen sollte mit der stehenden Beifallsbekundung, zeigt sich beim Schlussapplaus der Medienpremiere des Tina-Turner-Musicals „Tina“ in Hamburg. Bereits beim Finalsong erhebt sich das Publikum, es folgen Applausrunden und Zugabe, der Vorhang schließt sich – nur um sich kurze Zeit später für eine einzige Person zu öffnen. Die echte Queen of Rock, Mrs. Tina Turner herself. Schade nur, dass die Zuschauer zu diesem Zeitpunkt ihr dynamisches Potenzial weitestgehend verschossen haben. Und von den Stühlen hat man sich ebenfalls schon reißen lassen.

Ob zu Recht, hängt davon ab, worauf man bis dahin geachtet beziehungsweise wo man hingehört hat. Es darf der Produktion durchaus hoch angerechnet werden, dass sie weder auf derbe Töne noch auf harte Hiebe verzichtet, dass sie mithin die Schattenseiten in Tina Turners Karriere nicht ausblendet zugunsten einer familienfreundlichen (und verkaufsfördernden) Wohlfühl-Atmosphäre. Gewalt gegen Frauen, Alltagsrassismus, Familiendramen – der Sumpf, aus dem sich die Künstler ins Rampenlicht arbeiten müssen, ist tief und zäh. Und vergrößert nur die Freude über Anna Mae Bullocks persönliches und professionelles Happy End.

Auf der Haben-Seite steht ebenfalls die dramaturgische Klammer, welche die Autoren Katori Hall, Frank Ketelaar und Kees Prins setzen: Kurz, bevor Tina auf dem Gipfel ihrer Karriere die Bühne des Maracanã-Stadions in Rio de Janeiro betritt, um vor 188.000 Zuschauern zu performen, zieht sie sich in sich selbst zurück, setzt sich Backstage im Schneidersitz auf den Boden und vollzieht ein buddhistisches Beruhigungs-Ritual (was einen Gast zum spontanen Kommentar hinreißt, für „König der Löwen“ befinde man sich auf der falschen Seite der Elbe). Dessen Geburtsstunde und besondere Bedeutung allerdings werden erst sehr viel später verraten. Dieser Einstieg in den Abend, der seinen Höhepunkt quasi vorwegnimmt und die Künstlerbiographie in eine erinnernde Rückblende transformiert, ist schon recht hollywoodesk, zumindest ein derzeit beliebter Regie-Kniff beim Film.

„Tina“ in Hamburg (Foto: Manuel Harlan)

Von Beginn an ist eigentlich schon alles da – das gilt ebenso fürs Bühnenbild, das die Bretter, die die Welt bedeuten, von vornherein auslegt. Sie bilden den Boden der armseligen Tatsachen in Nutbush ebenso wie den Grund(stein) für Turners Comeback in den Räumlichkeiten von Capitol Records. Die größtenteils reduzierte bis spartanische Ausstattung von Mark Thompson lässt viel Raum zum Atmen.

Und den braucht vor allem Kristina Love für ihre Verkörperung der Little Ann. Mit Sicherheit eine Traumrolle, keineswegs jedoch eine dankbare Rolle. Nur Tina Turner ist Tina Turner. Das ist so, und das bleibt so. Man wird mithin kaum eine Imitatorin auf die Bühne stellen und darauf hoffen können, dass das Endprodukt über ein billiges Imitat hinausreicht. Der goldene Mittelweg führt demgegenüber zu einer Sängerin, welche Turners „signature sound“ liefert, ohne dabei ihr eigenes Timbre zu verleugnen. Und dieser Weg wurde ganz offenkundig und konsequent beim Casting beschritten. Love liefert den markanten, aggressiven „Growl“ ebenso wie zarte, zerbrechliche Töne.

Das heißt, sie führt uns Tina Turner ebenso vor Ohren wie Anna Mae Bullock, ist in einem Moment toughe Performerin und im nächsten Augenblick schon wieder selbstlos bis zur Selbstaufgabe. Zwar bildet Love auch Tina Turners Körperlichkeit kongenial ab, naturgemäß liegt bei einem solchen Part gleichwohl alles in der Stimme. Abstriche in der schauspielerischen Authentizität und Intensität nimmt man dementsprechend gerne hin.

„Tina“ in Hamburg (Foto: Manuel Harlan)

Ganz anders liegt der Fall bei Mandela Wee Wee (Ike Turner). Selbst wenn seine gesangliche Performance der Regieanweisung von Phyllida Lloyd geschuldet wäre, zwischen sich selbst und der Bühnenpartnerin absichtlich Luft nach oben zu lassen, würde das kaum eine derart karge, intonationsschwache Leistung rechtfertigen. In den gesprochenen Passagen wird es kaum besser, was das größte Problem dieser Produktion offenbart (leider kein ganz neues): mangelnde Verständlichkeit. Und das auf beiden Seiten der vierten Wand. Muttersprache hin, Akzent her: Wenn schon der Darsteller ganz offenkundig kaum den Inhalt der Sätze durchdringt, die er spricht – wie soll er sie sinngemäß interpretieren, wie soll sein Spiel mit diesem Handicap je authentisch werden?

Wenn beispielsweise Ike in einer sternklaren Nacht am Mississippiufer das schwere Schicksal seines Vaters offenbart, klingt es fast so wie eine launige Thekenanekdote. Ein positives Gegenbeispiel liefert Nikolas Heiber mit seiner Verkörperung des Managers Roger Davies. Er sticht aus dem Ensemble hervor – und das, ohne eine eigene, große Solonummer zu haben. Und Clarissa, die uns als kleine – und doch schon so große – Künstlerin Anna Mae als Kind präsentiert, erobert durch ihre Power und Bewegungsfreude das Publikum im Sturm.

Neben Kristina Love liegt das Hauptaugenmerk freilich auf der Musik. Hier zeigt sich ein etwas zu heterogener Umgang mit dem Ausgangsmaterial. Mal werden Originalversionen präsentiert, mal Übersetzungen, dann wiederum ein Mix aus beidem. Aufgehen würde dieses Konzept, wenn jede Variante konsequent einer eigene Zeit- bzw. Spielebene zugeordnet wäre. Dies ist allerdings nicht der Fall, und so laufen zuweilen selbst große Turner-Hits ohne Szenenapplaus aus.

Den Hasen aus dem Pfeffer holen Tontechnik und Band (Dirigat: Tobias Vogt) und schmecken ihn genussvoll ab. Großartig, wie der brillante Panoramasound im entscheidenden Augenblick verdichtet wird, etwa, wenn zum spontan entfachten Liebesspiel zwischen Tina und Erwin Bach (Simon Mehlich) eine Demoversion von „What’s Love got to do with it” aus dem Kofferradio läuft. Wäre nicht die sprachliche Barriere, der glasklare Klang würde wirklich jedes Wort verständlich machen.

So indes bleiben summa summarum gemischte Gefühle. Eine solide Produktion, gewiss. Kurzweilige Unterhaltung, zweifellos. Andererseits konkurriert man im Stage Operettenhaus mit sich selbst, besser: mit dem unlängst abgespielten „Kinky Boots“. Diese (Mess-)Latte wird gerissen. Das ist keine Schande. Aber eine Tatsache.

Text: Jan Hendrik Buchholz

Jan Hendrik Buchholz ist studierter Theaterwissenschaftler, Germanist sowie Publizist und lässt in verschiedenen Ensembles und als Solokünstler seit 1992 von sich hören, vorzugsweise eigenes Material. Als Rezensent schrieb er für das Onlinemagazin thatsMusical und die Fachzeitschrift "musicals". Fast zweieinhalb Jahre lang war er zudem Dramaturg sowie Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Allee Theater Hamburg.

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