„Spieltriebe 8“ (Foto: Dominik Lapp)
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Unterwegs in der Stadt: „Spieltriebe 8“ in Osnabrück

Alle zwei Jahre veranstaltet das Theater Osnabrück sein Theater-Festival. Jetzt ging es bei „Spieltriebe 8“ bereits zum achten Mal kreuz und quer durch die Friedensstadt, wo auf fünf unterschiedlichen Routen jeweils mehrere Produktionen aus Sprech-, Tanz- und Musiktheater an außergewöhnlichen Orten gezeigt wurden. Erstmals waren dabei auch Kunstinstallationen zu sehen.

Gespielt wurde unter anderem in einer Tischlerei, einem leer stehenden Kaufhaus, auf einem Gutshof, in einem Servietten-Lager, in einer Kirche oder in einem Speichergebäude im Osnabrücker Hafen. Ausgehend vom Theater am Domhof, wo die Besucher aller Routen zunächst die Uraufführung „Die Menschenfabrik“ sahen, schwärmten die Gruppen anschließend in die Stadt aus, um nach rund sechs Stunden wieder am Domhof einzutreffen.

Nachfolgend gibt es eine Kurzbesprechung zu vier ausgewählten Produktionen von drei Routen.

„Spieltriebe 8“ (Foto: Jörg Landsberg)

„Die Menschenfabrik“ nach Oskar Panizza von Jakob Fedler
Dieses Stück wurde nach „Spieltriebe 8“ in den Spielplan übernommen

Basierend auf dem 1890 veröffentlichten Buch „Die Menschenfabrik“ von Oskar Panizza, ist das gleichnamige Theaterstück von Jakob Fedler ein Auftragswerk des Theaters Osnabrück. Im Mittelpunkt des Stücks steht die Frage danach, was Menschen ausmacht. Eine Handlung gibt es allerdings nicht. Vielmehr ist es eine Momentaufnahme eines Wanderers, großartig verzweifelt gespielt von Oliver Meskendahl, der ein Nachtlager sucht und vor den Toren einer Fabrik landet. Wie ihm der Fabrikbesitzer (Ronald Funke) erzählt, ist es eine Menschenfabrik.

Die Besonderheit der Produktion ist, dass 14 Osnabrücker Bürgerinnen und Bürger involviert sind. Sie stellen die in der Fabrik gefertigten Menschen maschinenartig dar, tippeln über die Bühne und wirken wie Roboter. Dabei nehmen sie auch mal die Perücken ab, treten hervor und sprechen von Zukunftsfantasien, über politische Themen und den Klimawandel. Eine Frau, die mit einem Roboter zusammenlebt, stellt die Vorteile für sie heraus: Sie kann den Roboter lieben, aber auch mit vielen anderen Männern Sex haben, ohne dass der Roboter beleidigt ist.

Gerade bei der Koordination der Bürger beweist Regisseur Jakob Fedler ein sehr gutes Händchen. Die Laiendarsteller agieren durchweg authentisch und überzeugend und regen in ihren Monologen zum Nachdenken an. Genial, wie sie marschieren und chorähnlich „Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem and‘ren zu“ predigen oder robotermäßig kühl „Ich liebe dich“ herunterbeten. Aber auch Oliver Meskendahl vom Hausensemble agiert wie gewohnt erstklassig. Ähnlich wie schon in der Rolle des Leopold Bloom in „The Producers“, ist er völlig ängstlich-hysterisch und läuft in seiner Darstellung zu Hochtouren auf.

Foto: Jörg Landsberg

„IKI.Radikalmensch“ von Kevin Rittberger
Dieses Stück wurde nach „Spieltriebe 8“ in den Spielplan übernommen

Der ehemalige Aktivist Peter Vogel, gespielt von Andreas Möckel, steht im Fokus der Handlung von Kevin Rittbergers „IKI.Radikalmensch“. Damals, als Vogel noch zur Generation Greta gehörte, hat er sich unter anderem dafür eingesetzt, die Brandrodungen am Amazons zu verhindern. Heute lebt er mit seiner IKI, einer Intimen Künstlichen Intelligenz, zusammen in einem Loft aus rosa Tüll (Bühne: Lukas Fries).

Regisseurin Rieke Süßkow zeigt auf bildgewaltige und leidenschaftliche Art Selbst- und Menschenbilder, bildet Glücksvorstellungen und Geschlechterverhältnisse ab. In großen Monologen und kleineren Dialogen setzt sich Andreas Möckel in der Rolle von Peter Vogel mit seiner IKI auseinander. Letztere, hervorragend gespielt von Julius Janosch Schulte, ist eine Sexpuppe, die sich immer stärker weiterentwickelt und eine Art Eigenleben entwickelt. In den rosa Stoffbahnen lieben sich Peter und IKI, sie streiten und versöhnen sich.

Am Ende jedoch wird die vierte Wand durchbrochen und die Stoffbahnen umhüllen nun auch die Zuschauertribüne, so dass Peter, IKI und das Publikum gemeinsam in einer rosa Plüschhöhle festsitzen, die immer kleiner wird, so dass Kommunikation kaum mehr möglich scheint und alle gemeinsam in einer Sackgasse festsitzen.

Foto: Jörg Landsberg

„Nyotaimori“ von Sarah Berthiaume
Dieses Stück wurde nach „Spieltriebe 8“ in den Spielplan übernommen

Die Autorin Sarah Berthiaume hat mit „Nyotaimori“ ein Stück geschrieben über die großen Zusammenhänge der Globalisierung, über Arbeitswelt und Müdigkeitsgesellschaft. Regisseurin Anna Werner zeigt in ihrer Inszenierung ein ökonomisches System, das die Menschen in Maschinen und die Frauen in Objekte verwandelt. Mit Humor werden dabei die Grenzen von Raum und Zeit, von Wirklichkeit und Fiktion überschritten und unser Arbeits- und Konsumverhalten spielerisch hinterfragt.

Exzellente schauspielerisch Leistungen zeigen dabei Denise Matthey als Journalistin Maude, Philippe Thelen in gleich drei unterschiedlichen Rollen und Christina Dom in ebenfalls drei unterschiedlichen Rollen. Während Denise Matthey als Maude eine engagierte junge Journalistin gibt, beweisen Thelen und Dom ihre Wandlungsfähigkeit, wenn sie zwischen ihren Rollen hin und her wechseln.

Je mehr sich Maude in die Recherchen für einen Beitrag über Berufe der Zukunft vertieft, desto stärker werden ihre Arbeit und ihr Leben durcheinandergewirbelt. Am Ende führen unterschiedliche Spuren – der Kofferraum eines in Japan fabrizierten Autos, eine indische Fabrik für Damenunterwäsche und ein texanischer Ausdauerwettbewerb namens „Hands on a hard body“ – auf wundersame Weise zu Maudes Wohnung. Und zum Schluss wird dann auch Sushi von nackten Frauenkörpern gegessen – denn dafür steht der Titel des Stücks.

Foto: Philipp Hülsmann

„Ein Körper für jetzt und heute“ von Mehdi Moradpour
Dieses Stück war nur im Rahmen von „Spieltriebe 8“ zu sehen

Im Mittelpunkt von Mehdi Moradpours „Ein Körper für jetzt und heute“ steht der Iraner Elija. Elija ist homosexuell. Doch in seiner Heimat steht auf Homosexualität die Todesstrafe. Die einzige legale Weise, um im Iran eine homosexuelle Beziehung zu führen, ist eine Geschlechtsumwandlung, zu der sich Elija auf Drängen seines Partners durchgerungen hat. Doch dann ist der Partner weg und Elija möchte raus aus dem neuen Körper.

In der Rolle des Elija vollbringt Stefan Haschke ein Glanzstück der Schauspielkunst. Er steht dabei nicht nur vor der Herausforderung, sich inmitten der Zuschauer komplett zu entkleiden, sondern einen psychoanalytischen Traum zu visualisieren. Zwischen Wirklichkeit und surrealen Traumsequenzen wechselt Haschke hin und her und beindruckt in jedem Monolog mit Stimme, Mimik und Gestik. Aber auch Thomas Kienast, Monika Vivell und Cornelia Kempers stehen ihm schauspielerisch in nichts nach, sondern komplettieren das durchweg starke Schauspieler-Quartett.

Regisseurin Rebekka Bangerter zeigt ein bildstarkes und temporeiches Szenario, das abwechselnd in zwei Räumen auf dem Dachboden des Lauten Speichers im Osnabrücker Hafen spielt. Im ersten Raum stehen die Zuschauer und die Schauspieler agieren zwischen ihnen, im zweiten Raum sind die Zuschauerplätze um eine Art Laufsteg herum angeordnet. Bangerter schafft es, klare Konturen und eindeutige Identitätszuschreibungen außer Kraft zu setzen. Eindeutige utopische Sehnsüchte treffen dabei auf harte Gesetze, Individuen in Auflösung auf medizinische Tribunale.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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