„Die Schatzinsel“ (Foto: Dominik Lapp)
  by

Gelungene Musicaladaption: „Die Schatzinsel“ in Fulda

Piratenthemen faszinieren die Menschen schon seit Jahrhunderten, spätestens seit der „Fluch der Karibik“-Filme ist das Thema auch hierzulande wieder topaktuell. Bei nahezu karibischen Temperaturen hat nun erneut ein Piratenschiff in Fulda festgemacht: Das Musical „Die Schatzinsel“, das 2015 seine Uraufführung im tschechischen Brünn feierte und noch im selben Jahr seine deutschsprachige Erstaufführung in Fulda erlebte, ist jetzt ein weiteres Mal im dortigen Schlosstheater zu sehen.

Bei dem hohen Pensum, nahezu jährlich eine neue Musicalproduktion auf die Bühne zu bringen, ist es nicht verwunderlich, dass die Werke von der Fuldaer Firma Spotlight und ihrem Hauskomponisten Dennis Martin musikalisch recht ähnlich klingen. Zwar hat Martin für „Die Schatzinsel“ wieder einmal sehr eingängige Popballaden und Duette sowie stimmige Ensemblenummern komponiert, doch hebt sich die Musik kaum mehr von seinen anderen Musicals ab. Das ist schade, weil doch gerade das Piratenthema die Gelegenheit geboten hätte, sich musikalisch neu zu versuchen. Aber sei’s drum, denn das, was in Fulda auf der Bühne geboten wird, kann sich einmal mehr wirklich sehen lassen: Regie, Choreografie, Bühnenbild, Kostüme und Videoanimationen greifen wie Zahnräder ineinander und funktionieren im Zusammenspiel ganz hervorragend.

„Die Schatzinsel“ (Foto: Dominik Lapp)

Das schlüssige Buch von Dennis Martin und Christoph Jilo, an dem sie acht Jahre arbeiteten, liefert eine grundsolide Basis für das Bühnenwerk. Ein dramaturgisch äußerst gelungener Kniff ist dabei, dass Martin und Jilo zwei Handlungsebenen miteinander verwoben haben: Da ist einerseits die Geschichte der „Schatzinsel“ und andererseits die Geschichte ihres Schöpfers Robert Louis Stevenson. So beginnt die Handlung in Edinburgh im Jahr 1862, von wo der 24-jährige Stevenson gegen den väterlichen Willen ins französische Fontainebleau reist, um Schriftsteller zu werden.

In einer Künstlerkolonie lernt er die Amerikanerin Fanny Osbourne und ihren 12-jährigen Sohn Lloyd kennen. Schnell verlieben sich Louis und Fanny ineinander und Louis beginnt die Arbeit an seinem Roman „Die Schatzinsel“. Sobald Louis zu schreiben beginnt, taucht das Publikum mit ihm und Lloyd in die Piratengeschichte ein. Doch Louis ist krank und mehrere Hustenanfälle reißen ihn und damit auch das Publikum immer wieder aus der Fantasiewelt in die Wirklichkeit. Die Übergänge zwischen realer und fiktiver Ebene sind Regisseur Christoph Jilo hervorragend gelungen, so dass die Handlung wie aus einem Guss wirkt und nicht ins Stocken gerät.

Optisch hat die Piratenstory ebenfalls viel Sehenswertes zu bieten. Das Bühnenbild von Jaroslav Milfajt besteht aus einer fahrbaren halbrunden Balkenkonstruktion, die zum Beispiel, ausgestattet mit verschiedenen Requisiten, eine Taverne oder auch ein Piratenschiff darstellen kann. Ein rundes Podest in der Bühnenmitte, dessen Halbrund von Stoffbahnen umfasst ist, dient als Projektionsfläche für die sehr gut unterstützenden Videoanimationen von Petr Hlousek. Ob nun das offene Meer, ein Schiff, die Schatzinsel oder eine Höhle – durch die Animationen werden die Szenen aufgewertet und dem Publikum gelingt das Abtauchen in die Piratengeschichte noch leichter. Durch Herabsenkung des Vorhangs auf nur einer Bühnenhälfte entstehen außerdem noch weitere Szenerien wie die Künstlerkolonie links oder das Haus der Stevensons in Edinburgh rechts. Sehr sehenswert und zeitgemäß sind zudem die Kostüme von Andrea Kucerová und Andrea Mudrak.

„Die Schatzinsel“ (Foto: Dominik Lapp)

Getragen wird die Zwei-Ebenen-Story von einer herausragenden Cast, die von Friedrich Rau angeführt wird. Der smarte Darsteller übernimmt gleich drei Rollen, gibt in der realen Ebene den Autor Louis Stevenson und in der fiktiven Ebene einerseits den Dr. Livesey und andererseits den Piraten Ben Gunn. In allen drei Rollen agiert er überzeugend und mit starker Bühnenpräsenz, singt mit klarer Stimme. Fast in den Schatten zu stellen vermag ihn nur Colin Cäsar, der für sein junges Alter schon sehr professionell und glaubwürdig die Kinder-Doppelrolle des Lloyd Osborne und Jim Hawkins übernimmt. Auch er singt mit glasklarer Stimme.

Ihnen zur Seite steht eine gewohnt fantastische Anna Thorén als Fanny Osborne und Mrs. Hawkins. Ihre Fanny ist eine treusorgende Mutter, die hin- und hergerissen ist zwischen der Liebe zu Louis, der Aufopferung für ihren Sohn und den Gewissensbissen, die sie zurück nach Amerika treiben, wo sie noch verheiratet ist. Mit ihrem Solo „Übers weite Meer“ gehört ihr einer der stärksten musikalischen Momente und in dem tiefsinnigen Duett „Haben wir noch den Mut zu träumen“ harmoniert sie wunderbar mit Friedrich Rau.

Einen herrlich borstigen und doch sympathischen Long John Silver gibt Andreas Lichtenberger, der mit kontrastreichem Schauspiel und tiefer sonorer Stimme überzeugt. Als Hands und Bones kann Frank Logemann schauspielerisch auftrumpfen und hat als Pirat, der sich einen Schluck Rum zu viel genehmigt hat, die Lacher des Publikums auf seiner Seite. Schauspielerisch und stimmlich sehr stark ist auch Reinhard Brussmann als autoritärer Vater und knurriger Käpt’n Smollet. Komplettiert wird die Solistenriege durch Kristian Lucas, der in der kleinen Rolle des Richters Trelawney stimmlich wie schauspielerisch solide agiert.

„Die Schatzinsel“ (Foto: Dominik Lapp)

Neben den Solisten muss ebenso die Ensembleleistung gewürdigt werden. Denn das Zusammenspiel aller Künstler funktioniert bei der „Schatzinsel“ ganz hervorragend und Ensembleszenen wie „Heihoo“ oder „Bristol City“ erweisen sich, auch dank der rasanten Choreografie von Michal Matej, als weitere Höhepunkte der Inszenierung, die das Publikum mit schallendem Applaus honoriert.

Insgesamt ist den Spotlight-Machern mit „Die Schatzinsel“ wieder eine starkes Musical gelungen. Den gleichnamigen Roman von Robert Louis Stevenson für die Bühne zu adaptieren und mit der Biografie des Autors zu verweben, hätte gewaltig schiefgehen können. Doch das Autoren- und Kreativteam hat den Stoff zusammen mit der erstklassigen Cast spannend, stringent und sehenswert umgesetzt.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze eines Onlinemagazins. Als Regisseur verantwortete er die Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie eine Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Es gelten unsere Bedingungen zum Datenschutz sowie zur Nutzung / AGB. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen