Phantom (Foto: Mirco Wallat)
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Gaststar als einziger Lichtblick: „Das Phantom des Musicals“ in Köln

Was für eine tolle Idee: Comedy trifft Musical. Was für ein herrlich absurder Plot: „Phantom der Oper“ soll Premiere feiern, aber auf der Bühne steht die Dekoration für „My Fair Lady“, die Zuschauer sind da und wollen etwas erleben für ihr Geld, die Bühnenarbeiter müssen es richten. Was für Voraussetzungen: Pittoreske Spielstätte, Orchester und Ensemble der Kölner Kammeroper sowie drei Comedians. Dazu an jedem Abend ein besonderer Überraschungs-Stargast. Was hätte man nicht alles daraus machen können!

Schon beim Eintreten in den Saal fällt auf, dass die laut Plot (der auch sonst einige Logikfehler aufweist) schrecklich schwer abzubauende Deko für „My Fair Lady“ nur aus einer einzigen Stellwand besteht, und die wäre auch gut als Deko für „Das Phantom der Oper“ geeignet. Sie zeigt nämlich hauptsächlich Ziegel, eine Rose und eine englische Flagge. Nichts, was sich nicht in „Phantom der Oper“ einbauen ließe – die Flagge wäre leicht mit einem Tuch oder mit dem berüchtigten Garderobenspiegel zu verdecken. Also: wozu die Aufregung? In zwei Minuten könnten geübte Bühnenarbeiter das umbauen. Tun sie aber nicht.

Den ganzen langen Abend über wird der damit beauftragte Bühnenarbeiter alles mögliche machen, aber nicht diese alberne Wand hinaus- und erst recht keine neue hineinschieben. Dafür wird der Saal von Anfang an bespielt und das ankommende Publikum in das Geschehen einbezogen. Das ist ein guter Einfall. Leider wird nicht viel daraus gemacht. Impro-Theater soll frisch und frech sein. Frisch ist kein einziger der Gags, dafür werden alle Witze und Szenen ultimativ ausgewalzt – aber das ist vermutlich keine Reminiszenz an die Spielstätte, sondern schlicht Einfallslosigkeit. Frech ist allenfalls, was den erstaunlich gutgelaunten Zuschauern geboten wird.

Mit Inkontinenz-Witzen und Fäkalhumor, schlecht gemachten Wir-tun-als-ob-wir-kein-Englisch-könnten-Nonsens-Übersetzungen, Veralberung von Gebärdensprache und Ähnlichem „unterhalten“ Markus Lürick, Matthias Brandebusemeyer und Thomas Wansing als Bühnenarbeiter das Publikum immer dann, wenn nicht gerade das Ensemble der Kammeroper Köln (Michael Anzalone, Kelsey Frost-Steele, Tjana Hilsberg, Rebecca Kneer und Tyler Steele) bekannte Musicalhits singt. Was vielleicht eine Parodie auf das Genre Musical sein soll, bringt das Ensemble an seine stimmlichen Grenzen und auch hörbar darüber hinaus, gleichzeitiges Singen und Tanzen (Choreographie: Rebecca Kneer) überfordert auch schon mal die gezeigte Kondition. Selten erlebte man „Mamma Mia“ so atemlos.

Das Phantom der Oper lebt im Keller und spukt durch sein Theater. Das hätte sich herrlich umsetzen lassen, man hätte den Mann mit der Maske immer mal wieder durch den Saal und die Aufbauten der Kranhalle geistern lassen können, es wäre gar ohne weiteres möglich gewesen, den jeweiligen Stargast (männlich wie weiblich) des Abends mit Maske und Umhang dieses Phantom spielen und dann überraschend auf der Bühne erscheinen zu lassen, wo es sich selbst demaskiert: was für ein Auftritt!

Ein solches Phantom hätte auch, hierbei unsichtbar bleibend, Gegenstände, Briefe, Blumen usw. auf die Bühne werfen und so die Impro am Laufen halten können. Stattdessen wird auf angebliche Zurufe aus dem Publikum gesetzt, die merkwürdig ungehört verhallen, wenn sie gerade nicht in den Kram passen. So wünscht das Publikum in einer Szene Eifersucht zu sehen, „gehört“ wird Mitleid, gespielt allerdings Schadenfreude. Der Gegenstand „Flamingo-Statue“ wird kurzerhand in einen lebenden Flamingo umgewandelt, der Thema einer Szene wird, die dann erst als Rap, danach als Heavy Metal umgesetzt durchaus komisch ist, vor allem wenn „Das ist ein Flamingo!“ in bester Metal-Manier geshoutet wird. Das kippt jäh, sobald der Flamingo erschlagen wird. Unnötiges Töten von Tieren sollte nie Thema einer Parodie sein – da ist wirklich Schluss mit lustig.

Natürlich hat „Das Phantom des Musicals“ auch gute Seiten. Beispielsweise ist es immer erfreulich, wenn ein Live-Orchester (leider für einen Großteil des Publikums hinter einem Vorhang verborgen) auf der Bühne sitzt. Die musikalische Leitung der schmissig, wenn auch nicht immer ganz sauber intonierenden Kölner Symphoniker hat Pascal Kierdorf, er teilt sich das Klavier mit Inga Hilsberg. Die Schwächen der Instrumentalbegleitung ebenso wie die des Gesangsensembles hätten sich durch fleißiges Proben vermeiden lassen. Klippen kann man umschiffen, schwierige Schlusstöne abwandeln oder schlicht üben.

Highlight des Abends ist daher alleine der Musical-Stargast. Er darf nicht szenisch mitwirken, wird nicht in das Geschehen eingebunden, sondern recht spät und eher unvermittelt für zwei Lieder auf die Bühne gerufen. Doch obwohl damit kein eigentlich so leicht zu bewerkstelligendes Miteinander erzeugt wird, es beim Nebeneinander bleiben muss, wodurch der Überraschungsgast fast wie ein Fremdkörper wirkt, sorgt er dafür, dass sich der Abend zumindest zeitweise auch für den anspruchsvollen Musicalfreund lohnt.

Impro-Theater kann mit brillianten Darstellern sehr gut gelingen, Impro-Musical eher nicht, und hier muss man leider sagen: Einen so lieblos hingeschluderten Abend kann selbst der beste Stargast nur dann wirklich aufwiegen, wenn man ihn lässt. Stargast Ethan Freeman singt „Wie kann es möglich sein“ („Mozart!“) und „Musik der Nacht“ („Das Phantom der Oper“) mit kraftvollen Tiefen, klaren Höhen, donnernden Fort- und zarten Pianissimi, ausgefeilter Gestik und ausdrucksstarker Mimik. Das ist es, was Musical sein kann und soll. Man hätte sich mehr davon gewünscht.

Text: Hildegard Wiecker

Hildegard Wiecker schreibt leidenschaftlich gern und hat Erfahrung als Rezensentin bei thatsMusical gesammelt, bevor sie zu kulturfeder.de kam.

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