„Otello darf nicht platzen“ Foto: Matthias Stutte
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Humorvoll: „Otello darf nicht platzen“ in Krefeld

Tragisch ist die Oper „Otello“ von Giuseppe Verdi. Nicht so jedoch das Musical „Otello darf nicht platzen“, das auf herausragende Weise den Opernbetrieb parodiert. Am Theater Krefeld ist die gelungene Musicalkomödie von Brad Carroll (Musik) und Peter Sham (Buch und Texte), die auf der gleichnamigen Schauspielkomödie von Ken Ludwig basiert, in einer temporeichen Inszenierung von Ansgar Weigner zu sehen, die zuvor schon in Bremerhaven gespielt wurde und in der nächsten Spielzeit in Mönchengladbach auf dem Spielplan steht.

„Otello darf nicht platzen“ ist eine klassische Verwechslungskomödie: Startenor Tito Merelli, der lediglich zu viele Beruhigungstabletten genommen hat und sehr tief schläft, wird fälschlicherweise für tot gehalten. An seiner Stelle muss Regieassistent Max die Titelpartie in der Premierenvorstellung übernehmen. Durch verschiedenen Irrungen und Wirrungen im Handlungsverlauf stehen letztendlich sogar drei Otello-Darsteller auf der Bühne und das Chaos ist perfekt.

Mag der Handlungsplot auch noch so einfach gestrickt sein, ist „Otello darf nicht platzen“ ein durchweg kurzweiliges und klug durchdachtes Musical, das zu keiner Zeit Langeweile aufkommen lässt – obwohl es zum Großteil nur in der Hotelsuite des Startenors spielt. Doch Regisseur Ansgar Weigner hat nicht nur sehr temporeich inszeniert, sondern zündet auch noch ein Gag-Feuerwerk nach dem anderen. Das Timing ist dabei geradezu perfekt und jede Pointe sitzt – so geht Musical Comedy!

Die Ausstattung von Christian Robert Müller ergänzt Weigners Arbeit wunderbar. Die Hotelsuite ist detailliert gestaltet mit Wohn- und Schlafzimmer, einem großen Wandschrank und Zugängen zu Küche und Bad, so dass es etliche Auftrittsorte für die Darsteller gibt. Wenn vor der vierten Wand ein goldener Vorhang heruntergelassen wird und die Suite dann auf den hinteren Teil der Hauptbühne fährt, ist auf dem vorderen Bühnenteil genug Platz, um durch wenige Bühnenteile und Requisiten den Ort der Premierenfeier oder die Otello-Opernbühne anzudeuten. Die Kostüme sind genauso elegant wie zeitgetreu und unterstreichen die Handlung ebenso hervorragend.

Neben der tollen Optik wird aber auch akustisch Herausragendes geboten. Denn die Niederrheinischen Sinfoniker meistern die abwechslungsreiche Partitur von Brad Carroll mit Bravour. Sehr feinfühlig dirigiert werden sie von Karsten Seefing, der großes Gespür für Tempi beweist. Die Musik von Carroll klingt herrlich und geht wunderbar ins Ohr – da wechseln sich klassischer Broadwaysound der 1930er und 1940er Jahre mit Opernzitaten und wunderschönen Balladen ab. Umso erstaunlicher erscheint, dass „Otello darf nicht platzen“ (englischer Originaltitel „Lend me a Tenor“) – im Jahr 2010 erstmals aufgeführt – bislang das einzige Musical von Brad Carroll ist.

Auch bei der Besetzung wurde am Niederrhein ein mehr als glückliches Händchen bewiesen. Da ist zunächst Markus Heinrich in der Rolle des Operndirektors Henry Saunders. Anfangs ist er noch der selbstbewusste Regisseur und Impresario, später entwickelt er sich zu einem Nervenbündel und verantwortet durch seine skurrilen Ideen eine chaotische Situation nach der anderen. Diese Wandlung vollzieht Markus Heinrich absolut köstlich. Er beweist ein gutes Timing und einen ausgefeilten Hang zur Komik, wirkt nie überzogen albern, sondern agiert immer auf den Punkt.

Fast in den Wahnsinn getrieben wird Operndirektor Saunders von seinen drei Ex-Frauen: Johanna Werhahn, Sabine Sanz und Pia Melenk ergänzen sich sehr gut im Zusammenspiel und gefallen stimmlich wie durch ihre Komik. Zahlreiche Lacher auf ihrer Seite hat zudem Debra Hays als Operndiva Diana Divane, wenn sie einen kleinen Ausschnitt ihres Repertoires präsentiert. Ob Walküre, Madama Butterfly oder Carmen – die schnellen Rollenwechsel, die sie hinreißend durch verschiedene Requisiten unterstreicht (zum Beispiel mit Klobürste statt Rose als rassige Carmen), gelingen Hays großartig und das Publikum feiert sie dafür völlig zu Recht.

Im Schatten des Startenors Tito Merelli steht dessen Ehefrau Maria, blendend gespielt von Gabriella Kuhn. Sie weiß ihre wenigen Auftritte für sich zu nutzen, gibt erst die zurückhaltende Ehefrau und entpuppt sich ziemlich schnell als impulsiv-dominanter Drache. Ein Höhepunkt ist das Duett des Ehepaars, das in italienischer Sprache dargeboten wird – zur Belustigung des Publikums mit witzigen deutschen Übertiteln.

Eine Wucht ist außerdem Andrea Matthias Pagani als Tito Merelli. Mit italienischem Akzent und strahlendem Tenor verleiht er seiner Rolle die nötige Authentizität. Er mimt einerseits den Weiberhelden und Bühnenstar, ist eigentlich aber ein zutiefst sensibler und gebrochener Mann. Diesen Part meistert Pagani gesanglich wie schauspielerisch erstklassig.

Die Entdeckung dieser Produktion ist der Newcomer Lukas Witzel als Max. (Hier unser Interview mit Lukas Witzel lesen.) In der Rolle des Regieassistenten gibt er zunächst den schüchternen, leicht nervös wirkenden, unterwürfigen Diener. Durch den Ausfall des Startenors aber erhält Max die Chance seines Lebens und darf die Titelpartie in der Oper „Otello“ singen. Von diesem Moment an avanciert Witzel zum selbstbewussten Schaumschläger. Schauspielerisch gelingt ihm dieser nicht einfache charakteristische Wandel einerseits glaubhaft, andererseits sehr witzig, ohne in den Klamauk abzudriften. Und auch gesanglich lässt er keine Wünsche offen. Ob nun solo, im Duett mit Andrea Matthias Pagani als Merelli oder im Duett mit Elena Otten als Maggie – Lukas Witzel überzeugt mit seiner strahlenden Tenorstimme in jedem Lied.

Die zweite Entdeckung dieser Produktion ist Elena Otten als Maggie. Mag ihr Part buchbedingt zwar etwas eindimensional und klein ausgefallen sein, holt sie dennoch alles in ihrer Macht stehende aus der Rolle heraus. Ihre sympathische Ausstrahlung kommt ihr dabei genauso zugute wie ihr authentisches Schauspiel – die für Merelli schwärmende Tochter des Operndirektors nimmt man ihr zu jeder Sekunde ab und mit ihrer gefühlvollen Stimme vermag sie ebenfalls zu glänzen.

So hat das Krefelder Theater mit „Otello darf nicht platzen“ also wahrlich eine kleine Perle unter den Musicals auf dem Spielplan – diese humorvolle wie intelligente Musical Comedy mit der wunderbaren Musik und der durchweg hervorragenden Besetzung macht unglaublich viel Spaß.

Text: Dominik Lapp

 

Transparenzhinweis | Dominik Lapp hat im November 2017 das Pop-Oratorium „Luther“ in Lingen inszeniert. Lukas Witzel hat in dieser Inszenierung die Rolle des Melanchthon gespielt.

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze eines Onlinemagazins. Als Regisseur verantwortete er die Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie eine Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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