„Miss Saigon“ (Foto: Iris Steger, musicalstories-photograpy.com)
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Großes Drama: „Miss Saigon“ in Köln

Vor mehr als 19 Jahren fiel in Stuttgart der letzte Vorhang für das Musical „Miss Saigon“. Seitdem war das Stück aus der Feder von Claude-Michel Schönberg (Musik), Alain Boublil (Texte) und Richard Maltby Jr. (Texte) nicht mehr in Deutschland zu sehen, obwohl sich die Werke von Boublil und Schönberg („Les Misérables“) hierzulande großer Beliebtheit erfreuen. Die Produktionsfirma BB Promotion hat deshalb die aktuelle UK-Tour von „Miss Saigon“ – gesungen wird auf Englisch, aber es gibt deutsche Übertexte – für ein mehrwöchiges Gastspiel nach Köln geholt.

Mag das Stück bei den Charakteren und der Optik auch sehr von Klischees leben, so ist es dennoch ein sehr gutes Werk, das viele Gänsehautmomente verspricht. Denn in „Miss Saigon“ vereinigt sich alles, was ein gutes Musical ausmachen kann: Es bietet eine sehr emotionale Liebesgeschichte vor dem Hintergrund eines historischen Ereignisses, verbunden mit fantastischer Musik.

Obwohl „Miss Saigon“, das in den Wirren des Vietnamkriegs und danach spielt, kein Geschichtsstudium ersetzt (und es offensichtlich auch nicht möchte), ist es schon beeindruckend, wie die Autoren die historischen Fakten sehr geschickt mit ihrer Erzählung – die auf der Oper „Madama Butterfly“ von Giacomo Puccini basiert – verwoben haben, statt sie lediglich als Hintergrund zu missbrauchen. Trotzdem fühlt man sich als Zuschauer zu keiner Zeit belehrt, sondern kann wunderbar in die Handlung eintauchen.

Dramaturgisch geradezu hervorragend ist dabei, dass es mit der Figur des Engineers – ein Zuhälter im Nachtclub „Dreamland“ – aufgrund seines zynischen Humors ein starkes Pendant zum Liebespaar Kim und Chris gibt, was die durchaus ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg vertieft. Akustisch exzellent transportiert wird die Handlung durch die Musik Claude-Michel Schönbergs, der einen abwechslungsreichen Score komponiert hat.

„Miss Saigon“ (Foto: Iris Steger, musicalstories-photograpy.com)

Neben wunderschönen Duetten („Sun and Moon“, „The last Night of the World“) gibt es emotionale Balladen („Movie in my Mind“, „Why God, why?“), auf die im Melodienreigen große Hymnen („Bui Doi“) und ausladende Shownummern („The American Dream“) folgen. Auch asiatische Klänge hat Schönberg behutsam in seinen Klangteppich eingewoben, um Saigon und Bangkok als Handlungsorte akustisch erlebbar zu machen.

Dargeboten wird diese unglaublich schöne Musik durch das Orchester unter der versierten Leitung von Matthew J. Loughran, der seine Musiker mal träumerisch-ruhig und dann doch wieder kraftvoll-getrieben durch die Partitur leitet. Schon nach den ersten Takten entfaltet sich die Brillanz des Orchesters, wenn nach sanften asiatischen Klängen die Pauke auf die Posaune trifft. In den Balladen hingegen schimmert immer wieder Claude-Michel Schönbergs unvergleichliches Talent für große musikalische Emotionen durch, wie man es auch schon von „Les Misérables“ gewohnt ist.

Doch nicht nur musikalisch ist „Miss Saigon“ auf hohem Niveau, auch optisch ist die Show ein echtes Glanzstück. Für eine Tourproduktion wartet es mit einem ungewöhnlich großen und detaillierten Bühnenbild von Totie Driver und Matt Kinley nach den Entwürfen von Adrian Vaux auf. Dabei ähnelt das Set in seinen Grundzügen dem Originalset von John Napier, wie es 1989 bei der Uraufführung in London und von 1994 bis 1999 in Stuttgart zu sehen war. Von den verwinkelten Gassen Saigons geht es über Reisfelder und Slums, wie man sie aus Filmen wie „Slumdog Millionär“ kennt, in die schmutzigen und von Neonlicht erhellten Straßenzüge Bangkoks. Der Nachtclub, Kims Hütte oder Chris‘ Hotelzimmer bilden dabei weitere eindrucksvolle Szenarien, die nur durch einen riesigen Helikopter getoppt und durch das perfekte Lichtdesign von Bruno Poet sowie die Projektionen von Luke Halls noch aufgewertet werden.

Von Regisseur Laurence Connor szenisch erstklassig auf zwei Ebenen umgesetzt wurde zudem der Song „I still believe“, bei dem Kim in den Slums auf dem Boden kauert, während sich Chris und seine Frau Ellen auf einer darüber befindlichen Ebene in ihrem Bett befinden. Die Emotionen, die in dieser Nummer durch Musik und Text transportiert werden, erhalten durch diese Optik noch mehr Tiefe. Die Kostüme von Andreane Neofitou können sich ebenfalls sehen lassen. Ob es nun Kims Hochzeitskleid, Thuys Uniform, die Anzüge des Engineers oder die knappen Outfits der Barmädchen und Prostituierten sind – alles wirkt sehr zeitgemäß, farbenfroh und detailverliebt. Und obwohl „Miss Saigon“ kein Tanzmusical ist, erweist sich die Choreografie von Bob Avian und Geoffrey Garratt in der Nummer „The Morning of the Dragon“ als äußerst kraftvoll und sehenswert.

„Miss Saigon“ (Foto: Iris Steger, musicalstories-photograpy.com)

Ganz besonders lebt das Stück außerdem von seiner starken Besetzung. Joreen Bautista gelingt es, ihre Kim mit anfänglicher Unschuld und Naivität zu zeigen und das Rollenprofil im Verlauf der Handlung noch ernster zu zeichnen. Dieser Spagat, den Wandel vom 17-jährigen Mädchen zur sich für ihr Kind aufopfernden Mutter zu vollziehen, gelingt ihr mit Frische und Souveränität. Auch gesanglich lässt sie aufhorchen, da sie mit ihrem klaren Sopran alles überstrahlt. Neben ihr hat es Ashley Gilmour als Chris wahrlich nicht leicht. Mag er auch manchmal weniger den amerikanischen Soldaten als den netten Jungen von nebenan geben, so harmoniert er wunderbar mit seiner Bühnenpartnerin. Durch ihr vertrautes Zusammenspiel wirkt die jugendliche Liebesbeziehung immerzu glaubwürdig. Stimmlich ergänzen sich beide ebenfalls sehr gut und Gilmour liefert mit „Why God, why?“ einen emotionsgeladenen Höhepunkt, genauso wie Bautista mit „I’d give my Life for you“.

Als starke Besetzungen erweisen sich auch die Sängerinnen im Nachtclub „Dreamland“, die nicht nur optisch eine gute Figur machen, sondern gerade gesanglich herausragend abliefern – aus ihnen sticht besonders Aicelle Santos hervor, die in der Rolle der Gigi mit „The Movie in my Mind“, das sie im Duett mit Joreen Bautista singt, einen der schönsten Songs des Stücks interpretieren darf, den sie und Bautista genauso kraft- wie gefühlvoll und von einem besseren Morgen träumend ins Auditorium schmettern.

Durch seine Ausstrahlung weiß zudem Leo Tavarro Valdez als Engineer zu bestechen. Die Rolle des im Kern eigentlich gutherzigen Zuhälters spielt er authentisch und witzig. Dabei ist er mal zynisch und mal schmierig, mal ein Ekel, mal der Charmeur – aber immer auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Als Thuy kann Gerald Santos aufgrund der Größe seiner Rolle nicht sonderlich viel Tiefgang zeigen, doch weiß er das Beste aus seinem unsympathischen Part zu machen. Das dramatische Aufeinandertreffen von Kim und Thuy bildet dabei einen Höhepunkt der Inszenierung, bei dem sowohl Joreen Bautista als auch Gerald Santos schauspielerisch brillieren.

Eine etwas undankbare, weil buchbedingt recht eindimensionale Rolle ist Ellen. Elana Martin weiß ihrer Figur aber trotzdem ein Profil zu verleihen, das über Chris‘ enttäuschte Ehefrau hinausgeht. Vor allem beim Zusammentreffen von Kim und Ellen gelingt ihr das schauspielerisch sehr gut, während sie stimmlich in ihrem Solo „Maybe“ – das Ellens ursprüngliches Solo „Now that I’ve seen her“ ersetzt – viel Gefühl zeigt. Als John ist Ryan O’Gorman ein starker Kamerad und Freund an Chris’ Seite, der sich nach dem Krieg für die amerikanisch-vietnamesischen Kinder einsetzt. Ein starker Auftritt gelingt ihm dementsprechend mit dem Song „Bui Doi“, den er mit dem Herrenensemble markerschütternd interpretiert, während im Hintergrund die Bilder der Kinder Vietnams über eine Leinwand flimmern. In seiner stummen Rolle ist darüber hinaus Lai-Vin Ngo als Kims Sohn Tam der kleine Star des Abends.

So darf es als sehr kluger Schachzug bezeichnet werden, mit „Miss Saigon“ ein absolutes Ausnahmestück endlich wieder auf eine deutsche Musicalbühne zu bringen. Vor dem Hintergrund, dass viele Musicals seit zehn und mehr Jahren durch Deutschland rotieren, erscheint es geradezu unglaublich, dass „Miss Saigon“ fast 20 Jahre nicht mehr hierzulande zu sehen war. Somit kann jedem Musiktheaterfreund nur ans Herz gelegt werden, das Gastspiel in Köln zu besuchen. Denn es ist ungewiss, wie lange das Stück anschließend wieder von den deutschen Bühnen verschwindet, wenn sich nicht ein Produzent oder die Stadt- und Staatstheater diesem Kleinod des Musicals annehmen. Die stehenden Ovationen in Köln unterstreichen es: Das Publikum liebt das große Drama, das Publikum liebt „Miss Saigon“.

Text: Dominik Lapp

 

Tipp | Die in dieser Rezension abgebildeten Fotos wurden uns freundlicherweise von Iris Steger zur Verfügung gestellt. Weitere ihrer Fotos gibt es unter www.musicalstories-photography.com.

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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