„Der Medicus“ (Foto: Dominik Lapp)
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Mitreißend: „Der Medicus“ in Fulda

Noah Gordon hat mit seinem 1986 veröffentlichten Historienroman „Der Medicus“ ein Meisterwerk erschaffen, das mittlerweile in 42 Ländern erschienen ist und 2013 verfilmt wurde. Eine Musicaladaption des Werks feierte 2016 in Fulda ihre Uraufführung und ist dort auch in diesem Jahr wieder zu sehen. Das Musical von Dennis Martin (Musik und Texte), Marian Lux (Musik), Christoph Jilo (Texte) und Wolfgang Adenberg (Texte) ist in der sehenswerten Inszenierung von Holger Hauer auch in seinem vierten Jahr noch mitreißend.

Im Fokus der Story steht Rob Cole, der sich nach dem Tod seiner Mutter auf den Weg von London nach Persien macht und sich dort als Jude ausgibt, um an einer jüdischen Ärzteschule ausgebildet werden zu können. Dem Autorenteam des Musicals ist es hervorragend gelungen, den umfangreichen Roman von Noah Gordon so zu komprimieren, dass der Stoff bühnentauglich ist, aber keine wesentlichen Stellen des Romans ausgelassen werden.

Regisseur Holger Hauer hat das Stück temporeich inszeniert und die einzelnen Charaktere wunderbar ausgearbeitet. Insbesondere dem Freundschaftsbündnis zwischen Rob, Mirdin und Karim hat Hauer viel Aufmerksamkeit geschenkt, aber auch die Liebesgeschichte zwischen Rob und Mary lässt der Regisseur nicht nur zur Pseudoromanze verkommen. Vielmehr hat er es geschafft, die einzelnen Handlungsstränge miteinander zu verweben und das Ensemble von „Der Medicus“ als homogene Einheit agieren zu lassen – das wirkt immerzu perfekt, gerade im Zusammenspiel mit der erfrischenden Choreografie von Kim Duddy.

Das ausladende Bühnenbild von Christoph Weyers wird durch die authentischen Projektionen von Petr Hlousek und das atmosphärische Lichtdesign von Pia Virolainens exzellent ergänzt, so dass viele neue Szenenbilder entstehen, die es dem Publikum ermöglichen, noch tiefer in die Geschichte einzutauchen. Ob es nun Londoner Straßenzüge, die Silhouette der persischen Stadt Isfahan, Häuserfronten oder der Palast des Schahs sind – hier wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt und ein extrem hochwertiges Setdesign aufgefahren. Zudem sind die Kostüme von Ulrike Kremer äußerst aufwändig-detailliert und der Zeit und Handlung dienlich.

Ganz besonders aber können die Darsteller überzeugen, die in diesem Jahr in „Der Medicus“ auf der Bühne stehen. Mit der größten Rolle, die in nahezu jeder Szene auf der Bühne ist, hat Sascha Kurth als Rob Cole das schwerste Päckchen zu tragen. Doch sowohl die Gesangsparts als auch die schauspielerische Umsetzung seiner vielschichtigen Rolle gelingen ihm mit Bravour. Mit ihrer klaren und kraftvollen Stimme weiß Johanna Zett in der Rolle der Mary Cullen das Publikum zu verzaubern. Zusätzlich schafft sie es, schauspielerisch tolle Akzente zu setzen und wunderbar mit Sascha Kurth zu harmonieren.

Ethan Freeman verleiht Ibn Sina eine würdevolle Kontur. In dieser Rolle zeigt Freeman schauspielerisch eine große emotionale Bandbreite und spielt jede Nuance seines Parts perfekt aus. Er ist nicht nur der Arzt aller Ärzte, sondern auch Mentor und Freund. Dennoch bleibt ein kleiner Wermutstropfen, denn ein fantastischer Sänger wie Ethan Freeman kann als Ibn Sina sein gesangliches Potenzial leider nicht vollständig ausschöpfen, weil die Rolle vornehmlich eine Schauspielrolle ist. Doch den Schauspielfokus nutzt er absolut perfekt und berührt vor allem in der Sterbeszene.

Eine starke Leistung bringt zudem Christian Schöne als Medizinstudent Karim und späterer Schah. Schöne spielt authentisch, und gerade die Wandlung vom Studenten zum Herrscher gelingt ihm exzellent. Außerdem weiß er tänzerisch mitzureißen und begeistert gesanglich mit seinem hohen Tenor. Kristian Lucas steht ihm als Medizinstudent Mirdin in nichts nach, denn auch er überzeugt gesanglich wie schauspielerisch. Als Freundestrio sind Sascha Kurth, Christian Schöne und Kristian Lucas geradezu perfekt aufeinander eingespielt, so dass jede ihrer gemeinsamen Szenen zum Gewinn wird.

Eine starke Leistung bringt Sebastian Lohse, der eine Doppelrolle spielt, die gegensätzlicher wohl nicht sein könnte. So ist er zunächst der schlitzohrige Bader und später dann der fiese Mullah Quandrasseh. Rollendeckend sind weiterhin Caroline Zins als Robs Mutter und Leon van Leeuwenberg als Marys Vater und Großwesir, wohingegen Sharon Rupa als Mirdins Ehefrau eine bezaubernde Fara mit klarer Stimme singt.

„Der Medicus“ kann also auch in seinem vierten Jahr noch immer mitreißen und verspricht drei unterhaltsame Stunden im Schlosstheater Fulda. Das musikalisch wie dramaturgisch hervorragende und von Holger Hauer stark inszenierte Musical ist nicht nur ein spannendes Historiendrama, sondern eine Zeitreise in ein fernes Land, bei der sich das Publikum vollends in der Story und dem großen, ohrwurmträchtigen Melodienreigen verlieren kann. Fantastisch!

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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