„Der Mann von La Mancha“ (Foto: Dominik Lapp)
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Anrührend: „Der Mann von La Mancha“ in Ettlingen

In dem beschaulichen Städtchen Ettlingen, vor den Toren Karlsruhes, ist in diesem Sommer der Ritter von der traurigen Gestalt unterwegs, um gegen Windmühlen zu kämpfen und die schöne Dulcinea zu beschützen. Wohl kaum ein anderes Musical passt so gut in den Innenhof des Ettlinger Schlosses wie „Der Mann von La Mancha“. Im Rahmen der Schlossfestspiele Ettlingen zeigt Regisseur Felix Seiler das Stück von Dale Wasserman (Buch), Mitch Leigh (Musik) und Joe Darion (Songtexte) in einer sehenswerten Inszenierung, die mit einer starken Darstellerriege und wunderschönen Bildern überzeugt.

Eine Bühne gibt es in diesem Jahr erstmals in Ettlingen nicht, gespielt wird „Der Mann von La Mancha“ auf dem steinernen Boden des Schlossinnenhofes. Das ist so einfach wie genial, weil die räumliche Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum dadurch aufgebrochen wird und das Publikum viel mehr im Geschehen ist. Was das Schloss schon als Hauptkulisse liefert, haben die Ausstatter Christian Held und Linda Schnabel sehr gut ergänzt. Ihre Ausstattung ist spartanisch, aber passend – spielt die Handlung doch immerhin in einem Gefängnis der spanischen Inquisition im ausgehenden 16. Jahrhundert, wo die Gefangenen auf ihre Verurteilungen warten.

Ein paar Holztische und -stühle, Strohballen und einige Requisiten reichen aus, um das Publikum in die Zeit der Inquisition zu entführen. Kostümtechnisch gibt es einen bunten Mix zu sehen. So tragen die Gefängniswärter Polizeiuniformen aus den 1970er Jahren, gepaart mit Halskrausen aus dem 16. Jahrhundert, der Dichter Cervantes darf im beigen Leinenanzug auftreten, sein Diener wie ein Kellner in schwarzer Anzughose, weißem Hemd und schwarzer Weste, und bei den Gefangenen sind sogar Chucks zu sehen. So wird wunderbar visualisiert, wie zeitlos dieses mittlerweile mehr als 50 Jahre alte Musical ist.

Nun ist „Der Mann von La Mancha“ keineswegs durchkomponiert, sondern sehr dialoglastig. Felix Seiler nutzt das, um starke Charaktere zu entwickeln. Bis der erste Song erklingt, zeigt Seiler zunächst einmal die Gefängnisinsassen, bei denen deutlich wird, dass hier Darsteller unterschiedlichen Typs engagiert wurden. Es ist ein gewaltbereiter Haufen grässlicher Gestalten, den das Publikum zu sehen bekommt, bis die Wachleute kommen und den Dichter Cervantes und dessen Diener wegen Gotteslästerung einsperren. Um sein Manuskript „Don Quixote“ vor dem Verbrennen zu retten, spielen Cervantes und sein Diener die Geschichte vor und beziehen alle Mitgefangenen in die Handlung ein.

„Der Mann von La Mancha“ (Foto: Dominik Lapp)

Obwohl die gesamte Handlung des zweieinhalbstündigen Musicals am selben Ort – in dem spanischen Kerker – spielt, kommt keine Langeweile auf. Denn mit einfachsten Theatermitteln – aus Säcken entstehen Pferde, aus Holzgittern die Flügel einer Windmühle – schafft es Seiler, dass immer wieder neue Szenen in dem Stück im Stück entstehen. Außerdem versteht er es, ein flottes Spieltempo zu halten, das durch die wenigen, dafür aber umso passenderen Choreografien von Danny Costello verstärkt wird.

Extrem stark ist bei „Der Mann von La Mancha“ zudem die Darstellerriege, die von Frank Winkels angeführt wird. Ihm gelingt es, in der Rolle des Dichters Cervantes und in der von diesem geschaffenen Kunstfigur Don Quixote die Balance zwischen Realität und Wahnsinn zu halten und beiden Rollenprofile eine starke Kontur zu verleihen. Seinen Cervantes gibt er überzeugend visionär und Don Quixote als den von seinem unmöglichen Traum geleiteten Ritter von der traurigen Gestalt. Auch gesanglich liefert Winkels mit seiner wohltönenden warmen Stimme eine solide Leistung. Der schönste musikalische Moment des Abends gelingt ihm mit seinem Solo „Der unmögliche Traum“.

Dalma Viczina gelingt eine emotionale Darstellung der Aldonza. Mit enormer Bühnenpräsenz gibt sie ihre Rolle als ruppige, nicht auf den Mund gefallene Frau, die sich gegen die primitiven Maultiertreiber bestens durchzusetzen weiß. Der Höhepunkt ihrer Darstellung gipfelt in der bedrückenden Vergewaltigungsszene, in der sich Aldonza nicht mehr gegen die Männerhorde wehren kann. Gesanglich meistert sie ihre anspruchsvollen Songs mit klassisch geschulter Stimme bis in die Höhen perfekt.

„Der Mann von La Mancha“ (Foto: Dominik Lapp)

Eine gelungene Rollenzeichnung liefert zudem Sören Ergang als Diener und Sancho Panza, der einige Lacher auf seiner Seite hat und authentisch den mutigen und treu ergebenen Begleiter sowohl von Cervantes als auch von Don Quixote gibt. Schauspielerisch extrem stark ist Marc Trojan als Pedro. Er schafft es, sich als Anführer der Maultiertreiber innerhalb weniger Sekunden beim Publikum unbeliebt zu machen – so überzeugend spielt er den widerlich-fiesen Kerl. Zudem spielt Raphael Dörr den Gastwirt und Gouverneur rollendeckend, Max Meister begeistert als Padre sowohl schauspielerisch als auch gesanglich und Tobias Rusnak ist als Herzog der skeptische Beobachter, während er die Zuschauer als Doktor Carrasco allein schon durch seine Mimik und Gestik erreicht.

Generell wird bei dem 12-köpfigen Ensemble sehr schnell deutlich, dass hier alle Darsteller auf einem nahezu identisch hohen Niveau agieren. So gefällt Timothy Roller in seiner Rolle als Maultiertreiber und Barbier gesanglich wie schauspielerisch außerordentlich gut, wenn er zwischen beiden Rollen wechselt. Doch Dominik Doll als Maultiertreiber und Padre sowie Thomas Jan Delsky als Maultiertreiber und Hauptmann stehen ihm in nichts nach. Bei der leider unterrepräsentierten Damenriege können zudem Katja Brauneis als Haushälterin und Maria sowie Valentina Inzko Fink als Antonia und Fermia überzeugen.

Musikalisch ist „Der Mann von La Mancha“ ganz sicher nicht ein Stück der großen Melodien, wenn man einmal von wenigen Ausnahmen wie den Songs von Don Quixotte und Aldonza absieht. Vielmehr hat Komponist Mitch Leigh eine zweckdienliche, durchaus eingängige Theatermusik geschrieben, die der Handlung und den Charakteren gerecht wird und passende spanische Einschläge nicht leugnen kann. Die Band der Schlossfestspiele Ettlingen wird der Partitur jedenfalls vollends gerecht, weil Adrian Sieber als Musikalischer Leiter immerzu das richtige Tempo findet.

So bieten die Schlossfestspiele Ettlingen mit dem Musical „Der Mann von La Mancha“ durchweg gute Unterhaltung, was ganz besonders der einzigartigen Schlossatmosphäre, der gelungenen Inszenierung von Felix Seiler, den starken Darstellern und der exzellenten musikalischen Umsetzung zu verdanken ist. Wer eine anrührende Geschichte erzählt bekommen möchte, wird von diesem Stück ganz sicher nicht enttäuscht sein.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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