„Jesus Christ Superstar“ (Foto: Stephan Walzl)
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Messias als Rockstar: „Jesus Christ Superstar“ in Oldenburg

Nicht nur auf dem Magdeburger Domplatz wurde das Musical „Jesus Christ Superstar“ geradezu perfekt in einen aktuellen Kontext gesetzt (wir berichteten), auch am Staatstheater Oldenburg ist das hinreichend gelungen. Regisseur Erik Petersen hat es geschafft, das Stück von Andrew Lloyd Webber (Musik) und Tim Rice (Text) auf äußerst spannende Weise neu zu inszenieren – was angesichts der Vielzahl an Neuinszenierungen dieses Musicals, die jedes Jahr auf den deutschen Bühnen zu sehen sind, definitiv kein leichtes Unterfangen ist.

Schon die Spielstätten an sich ist ungewöhnlich: Weil das Oldenburgische Staatstheater aufgrund von durchzuführenden Brandschutzmaßnahmen gerade saniert wird, ist man mit „Jesus Christ Superstar“, das bereits im vergangenen Herbst Premiere im Großen Haus feierte, von Mai bis Juli in ein Zirkuszelt als Interimsspielstätte an den so genannten Theaterhafen umgezogen.

Doch Jesus wurde nicht zum Zirkusdirektor, seine Gefolgschaft nicht zu Clowns und Artisten transformiert. Vielmehr macht Erik Petersen in seiner Inszenierung den Messias zum Rockstar und erzählt die Story von Jesus und seiner Band „The Prophets“, die von Verena Polkowksi in zeitgenössische Kostüme gehüllt wurden. Und weil Rockstars nun mal Englisch singen, wird „Jesus Christ Superstar“ in Oldenburg im englischen Original aufgeführt.

Ein wirklich genialer Einfall, der einen völlig neuen Blickwinkel auf die Passionsgeschichte ermöglicht. Die Zuschauer erleben in Petersens Inszenierung den Aufstieg und Fall eines Rockstars. Da sind die Auftritte der Band, Backstage-Geschichten, die zunehmende hysterische Verehrung des Rockstars durch seine Fans.

Bühnenbildner Sam Madwar hat dazu ein funktionales Bühnenbild geschaffen, bei dem weniger definitiv mehr ist. So besteht es lediglich aus einem Gittergerüst, in das auf der oberen Ebene auch die fünfköpfige Band unter der Leitung von Jürgen Grimm integriert und für das Publikum gut sichtbar ist, was sehr zum Rockkonzert-Charakter der Show beiträgt. Durch einzelne Möbel, Requisiten, Licht und Nebel gelingen die Szenenwechsel perfekt und die Darsteller stehen durchweg im Fokus des Geschehens.

Angeführt wird die Darstellerriege von Oedo Kuipers, der eine wunderbare Entwicklung zeigt. Schon zu Beginn des Stücks visualisiert er durch seine hervorragende Mimik einen nahenden Erschöpfungszustand, ein Gefühl des Ausgebranntseins, das in der Tempelszene, wenn der Leadsänger seine Fans davonjagt, einen Höhepunkt findet. Später dann, im zweiten Akt, wendet er noch einmal alle Kraft auf, um ein unglaublich virtuos gesungenes „Gethsemane“ als tiefste Seelenschau ins Auditorium zu jagen und das Publikum bei den 39 Peitschenhieben und der Kreuzigung mitleiden zu lassen.

Ebenso überzeugend ist Rupert Markthaler, dessen Judas nach Bestätigung suchend und von starken Zweifeln geplagt agiert. Mit seiner ekstatisch-schonungslosen Rockstimme macht sich Markthaler jeden seiner Songs zu eigen und kann Judas‘ Handeln schauspielerisch glaubhaft vermitteln. Ganz besonders stark gelingt ihm dabei der Selbstmord, wenn Judas nach einer Pistole greift, ins Publikum läuft, einzelnen Zuschauern die Pistole vors Gesicht hält und ihnen ein markerschütterndes „You have murdered me“ entgegenschmettert – bis er schließlich den Lauf der Pistole in seinen Mund steckt. Und abdrückt.

Interessant ist in der Inszenierung von Erik Petersen die Rollenauslegung der Maria Magdalena. Sie ist weder Prostituierte noch Jesu-Freundin. Vielmehr hat der Regisseur eines der drei Soulgirls eingespart, Maria Magdalena zur Backgroundsängerin degradiert und so zu einem Teil der Band „The Prophets“ gemacht. Doch Carolina Walker gelingt es mithilfe ihrer starken Bühnenpräsenz, als Maria Magdalena aus den Backings auszubrechen und ihrer Rolle ein frisches Profil zu verleihen. Darüber hinaus vermag sie das Publikum mit ihrer geschmeidigen wie kontrastreichen Stimme zu betören, was ihr besonders mit der makellos gesungenen Ballade „I don’t know how to love him“ gelingt.

In einer Doppelrolle als Pontius Pilatus und Annas gelingt Mark Weigel ein grandioser Spagat, Henry Kiichli leiht seinen wunderbar erdigen Bass dem Hohepriester Kaiphas und Paul Brady brilliert als Herodes mit seinem herrlich überzogenen Auftritt. Besonders positiv hervorgehoben werden muss zudem Kim-David Hammann, der als Simon und Peter ebenfalls eine Doppelrolle übernimmt und mit seiner nuancierten klangschönen Stimme begeistert.

Doch auch das Ensemble darf nicht unerwähnt bleiben, weil es gelungen ist, richtige Individualisten zu verpflichten, die allesamt einen starken Eindruck hinterlassen. Sowohl Yoko El Edrisi, die nebenbei noch die schnittige Choreografie beisteuerte, als auch Sandra Bitterli, Matthias Knaab, Eric Vilhelmsson und Felix Freund lassen schauspielerisch, tänzerisch und gesanglich nichts zu wünschen übrig. Obendrein werden die Massenszenen durch den von Thomas Bönisch fabelhaft einstudierten Opernchor ergänzt.

Überdies hat die fünfköpfige Band unter der Leitung von Jürgen Grimm einen großen Anteil am Gelingen von „Jesus Christ Superstar“. Zwar kommen in der kleinen Besetzung die Streicher und Bläser lediglich vom Keyboard, doch der rockigen Partitur von Andrew Lloyd Webber werden die Musiker mit Gitarre, Bass und Drums mehr als gerecht. In Oldenburg rockt aber nicht nur die Band, in Oldenburg rockt die ganze Inszenierung – und so verwundert es auch nicht, dass die Produktion aufgrund der hohen Nachfrage in die nächste Spielzeit übernommen und ab Herbst 2018, nach Abschluss der Sanierung, wieder im Großen Haus gezeigt wird. Nicht verpassen!

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze eines Onlinemagazins. Als Regisseur verantwortete er die Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie eine Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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