Opernhaus Dortmund (Foto: Dominik Lapp)
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Bildgewaltig: „Jekyll & Hyde“ in Dortmund

Für einige Jahre war es um das Musical „Jekyll & Hyde“ im deutschsprachigen Raum etwas ruhiger geworden, doch jetzt zeigt die Oper Dortmund das Stück von Frank Wildhorn (Musik) und Leslie Bricusse (Buch und Songtexte) und landet damit nach der grandiosen „Madama Butterfly“ gleich ihren zweiten künstlerischen Erfolg in der noch jungen Spielzeit 2019/2020. Zu verdanken ist dies der bildgewaltigen und sehr intelligenten Inszenierung von Gil Mehmert, der auf eine fantastische Solistenriege, ein starkes Kreativteam und die herausragenden Dortmunder Philharmoniker zurückgreift.

Als Regisseur hätte Mehmert viel anstellen können mit einem Stoff wie „Jekyll & Hyde“, der auf einer Novelle von Robert Louis Stevenson („Die Schatzinsel“) basiert. Doch er leistet sich keine unnötigen Experimente, hat die Story nicht in die Gegenwart transferiert, sondern nimmt das Publikum mit in das viktorianische London, wo die Story rund um den Arzt und Wissenschaftler Dr. Henry Jekyll und den mordenden Edward Hyde in einer wahren Ausstattungsorgie erzählt wird. Dazu hat ihm Jens Kilian ein Bühnenbild geschaffen, das die Großproduktion von „Jekyll & Hyde“, die einst in Bremen und Köln zu sehen war, ganz locker in den Schatten stellt.

Im Zentrum des Geschehens steht eine viergeteilte Drehbühne mit sich gegenüberliegenden Außen- und Innenräumen. Dadurch gelingt es Gil Mehmert, filmähnliche Übergänge zu schaffen, was ein gutes Tempo in die Inszenierung bringt. Der Spannungsbogen reißt so nie ab, weil eine Szene in die nächste übergeht und ein filmischer Sog entsteht. Die Szenen wechseln zwischen Jekylls Haus, dem Bordell „Rote Ratte“, dem Garten von Jekylls Haus und dem Außenbereich des Bordells, aber auch ein Hospital und ein Bahnhof entstehen durch kleine Bühnenbildergänzungen in Windeseile.

Alle diese Szenenbilder sind unglaublich detailliert und aufwändig gestaltet, einen Höhepunkt stellt dabei Jekylls Labor dar, das sich unterhalb der Drehbühne befindet. Die Grenze zwischen realer Welt und Unterwelt, zwischen Gut und Böse wird so absolut perfekt visualisiert, wenn die Bühne hoch- und runterfährt. Die brillante Optik der Inszenierung spiegelt sich zudem in den ausgezeichneten Kostümen von Falk Bauer wider, der mit zeitgemäßen Stoffen und Schnitten fasziniert.

Bei dieser bombastischen Ausstattung hätte man es allein belassen können, doch Gil Mehmert versteht es nicht nur, für „Jekyll & Hyde“ starke Bilder zu schaffen, sondern beweist darüber hinaus eine exzellente Tiefenzeichnung seiner Figuren. Dies wird schon zu Beginn des Stücks bei der Nummer „Fassade“ deutlich, in der Mehmert die Londoner Funktionäre zunächst ihn Unterwäsche auftreten und sich während des Songs anziehen lässt. Ein einfacher aber dennoch genialer Einfall, um zu zeigen, dass selbst bei der Upper-Class ganz viel nur Schein ist und in Unterwäsche doch alle gleich sind.

Die starke Charakterzeichnung führt der Regisseur bei seinen drei Hauptdarstellern fort: Mit David Jakobs als Henry Jekyll und Edward Hyde, Milica Jovanovic als Lisa Carew und Bettina Mönch als Lucy Harris wurden drei in der Musicalszene bestens bekannte Künstler ans Dortmunder Opernhaus verpflichtet, die bei „Jekyll & Hyde“ unter Beweis stellen, warum sie völlig zu Recht zu den großen Namen im Business zählen.

David Jakobs gelingt ein darstellerisches Meisterstück, wenn er zwischen Jekyll und Hyde wechselt. Als Jekyll ist er der von seiner Forschung getriebene, eigenbrötlerische Arzt, sein Hyde ist dagegen ein blutrünstiges Scheusal. Doch legt er die Rolle nicht als bloßes Monster an, sondern vielmehr als irrer aber kluger Serienmörder. Mit Jakobs steht und fällt das Stück, er hat das größte Päckchen zu tragen und erfüllt die hohen Erwartungen sowohl schauspielerisch als auch gesanglich. Das Premierenpublikum feiert ihn völlig zu Recht, nach seiner Interpretation des Songs „Dies ist die Stunde“ brandet lautstarker Szenenapplaus auf.

Ihm zur Seite stehen zwei unglaublich starke Frauen. Milica Jovanovic gelingt es, Lisa als emanzipierte Frau darzustellen, die ihrem Verlobten nicht einfach hörig ist, sondern es ganz klar einfordert, auf einer Augenhöhe mit ihm agieren zu wollen. Mit ihrem klaren, geschmeidigen Sopran gelingen ihr fantastische musikalische Momente, außerdem harmoniert sie im Duett gesanglich sehr gut mit David Jakobs.

Eine sehr dankbare, allerdings nicht einfache Rolle spielt Bettina Mönch als Lucy. Als direkter Gegenpart zu Lisa verleiht Mönch ihrer Lucy etwas genauso Verruchtes wie Geheimnisvolles. Immer wieder lässt sie jedoch auch die zarte, verletzliche Seite der Prostituierten hervorblitzen. Schauspielerisch eine wahre Glanzleistung. Aber gesanglich weiß Bettina Mönch ebenso zu begeistern – egal ob in Duetten mit David Jakobs („Ein gefährliches Spiel“) und Milica Jovanovic („Nur sein Blick“) oder in Lucys großen Soloballaden. Ein Höhepunkt gelingt Mönch und Jovanovic mit dem Duett „Nur sein Blick“, das Gil Mehmert herausragend in Szene gesetzt hat: Beide Frauen singen unabhängig voneinander in der jeweils eigenen Welt, getrennt durch eine Mauer, aber doch gemeinsam. Dieses starke Bild und diese starke gesangliche Leistung honorieren das Publikum verdientermaßen mit Szenenapplaus.

Ein gelungenes Rollenprofil verleiht Tom Zahner seinem Sir Danvers Carew. Durch seine differenzierte Darstellung wird schnell deutlich, dass Sir Danvers dem Verlobten seiner Tochter gegenüber durchaus skeptisch ist, ihn aber widerwillig als künftigen Schwiegersohn akzeptiert, ihn akzeptieren muss. Auch Morgan Moody macht schauspielerisch eine gute Figur als Utterson, der Jekyll bis zum dramatischen Ende freundschaftlich zur Seite steht.

Exzellent in die Inszenierung eingebunden wurden darüber hinaus die Musicalstudenten des vierten Jahrgangs der Essener Folkwang Universität der Künste: Alejandro Fernández, der zuletzt noch als Moritz Stiefel in „Spring Awakening“ überzeugte, ist als Spider ebenso schmierig wie gefährlich, Nico Hartwig wirkt als Poole zwar zu jung, stellt Jekylls treuen Diener aber würdevoll dar und Lara Hoffmann macht als Newsboy auf sich aufmerksam.

Der Opernchor der Dortmunder Oper wirkt zeitweise leider etwas ausdruckslos, doch Simon Eichenbergers Choreografie bringt ausreichend Dynamik in die Ensembleszenen, so dass das starke Gesamtbild der Inszenierung gewahrt bleibt. Doch nicht nur auf der Bühne zeigt sich eine unglaubliche Brillanz, auch im Orchestergraben wird Beispielhaftes geleistet. Dirigent Philipp Armbruster leitet die Dortmunder Philharmoniker mit Verve durch Wildhorns prachtvoll-schmalzige Partitur. Ein vortrefflicher symphonischer Klang erfüllt das Auditorium, geht großartig ins Ohr und hallt dort noch lange nach – genauso wie Gil Mehmerts gesamte bildgewaltige Inszenierung von „Jekyll & Hyde“ noch lange nachhallt.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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