„In the Heights“ Foto: Klaus Lefebvre
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Einwanderer-Drama: „In the Heights“ in Hagen

Lin-Manuel Miranda gilt als Senkrechtstarter unter den Broadway-Komponisten. Sein aktueller Hit „Hamilton“ (hier unsere Rezension dazu) sorgt derzeit in New York und London für volle Häuser. Das Theater im westfälischen Hagen hingegen hat sich an Mirandas Erstlingswerk „In the Heights“ gewagt und wurde ebenfalls mit ausverkauften Vorstellungen belohnt. Kein Wunder. Denn das, was das Theater in Zusammenarbeit mit dem Institut für Musik (IfM) der Hochschule Osnabrück erschaffen hat, ist ein mehr als sehenswertes modernes Musiktheaterstück.

Die Story (Buch: Quiara Alegria Hudes) erinnert in ihren Grundzügen an die „West Side Story“ und porträtiert liebevoll das Leben der Latinos im New Yorker Stadtteil Washington Heights. Zwar nimmt die Handlung bei „In the Heights“ nicht so einen dramatischen Verlauf, aber im Zentrum stehen hier wie da zwei Liebende, die nicht zueinanderfinden können.

Die Einzigartigkeit von „In the Heights“ ist die Musiksprache, die für ein Musical recht ungewöhnlich ist. So erklingen Songs im Stil von Salsa, Merengue, R’n‘B und Hip-Hop, die das Lebensgefühl der Straße im Latino-Viertel sehr gut widerspiegeln. Lin-Manuel Miranda hat kraftvolle Musik komponiert, die alle Handlungsstränge fließend miteinander verbindet. Die übersprudelnde 13-köpfige Band unter der Leitung von Andrey Doynikov zündet im Orchestergraben ein rhythmisches Feuerwerk und trägt die Darsteller exzellent durch die Show.

Zwar bietet die Musik keine großen Ohrwürmer, aber auch hier unterscheidet sich das Stück eben von gewöhnlichen Musicals, die sich gern mal von einer schnulzigen Ballade zur nächsten hangeln. Lin-Manuel Miranda hat dagegen eine die Handlung und das Lebensgefühl transportierende Musik komponiert, die die einzelnen Charaktere passend skizziert. Insbesondere die Songs „96.000“ oder „Carnaval del Barrio“, aber auch der die Show eröffnende Titelsong erweisen sich als herausragende Nummern, die das Publikum direkt mitreißen.

Genauso mitreißend ist aber auch die Cast des Einwanderer-Dramas, die sich aus jungen IfM-Absolventen, Gästen und Mitgliedern des Hausensembles zusammensetzt. Allen voran ist es Felix Freund, der als Usnavi sofort die Sympathie der Zuschauer auf seiner Seite hat. Mit Hut und im hellen Outfit kommt er wunderbar lässig und liebenswürdig über die Rampe. Schauspielerisch strahlt er dabei eine unglaubliche Wärme und Energie aus, was seine Figur noch netter erscheinen lässt. Auch sein Sprechgesang ist außerordentlich cool und authentisch, so dass keinerlei Wünsche offenbleiben.

Die beiden Liebenden Benny und Nina wurden mit David B. Whitley und Kara Kemeny besetzt. Zunächst irritiert dabei sicher der Altersunterschied, doch unterstreicht dieser andererseits zusätzlich, warum das Paar eigentlich nicht zusammenfinden kann. Während der Charakter von Benny buchbedingt nicht sehr stark entwickelt wurde, wird David B. Whitley außerdem zum Verhängnis, dass ihm der Sprechgesang nicht so leicht über die Lippen kommt, worunter seine Textverständlichkeit leidet. Das ist schade, weil er im Grunde ein starker Darsteller mit einer durchaus angenehm klingenden Stimme ist.

Kara Kemeny hingegen überzeugt in jeder Sekunde. Sie ist als Nina Rosario optisch passend besetzt und im Schauspiel glaubwürdig. Sie vermag ihre Rolle genauso interessant wie anziehend anzulegen, agiert zunächst etwas zurückhaltend, um sich später immer mehr zu öffnen. Auch ihren anspruchsvollen Gesangspart meistert sie souverän mit kräftiger wohltönender Stimme.

Jonathan Agar verleiht Kevin Rosario ein starkes Profil. Den besorgten und treusorgenden Vater nimmt man ihm genauso ab wie den lateinamerikanischen Einwanderer. Als Camila Rosario ist Carolina Walker die perfekte Partnerin an Agars Seite, die zwar zu jung für die Mutterrolle ist, aber die fehlenden Jahre mit ihrem starken Schauspiel und makellosen Gesang ausgleicht.

Nicht weniger herausragend sind Annina Hempel als Friseurin Daniela und Marlene Jubelius als Carla, die lediglich noch von der schauspielerisch wie gesanglich brillanten Celena Pieper als Vanessa überboten werden. Marilyn Bennett stattet ihre Abuela Claudia mit äußerst viel Liebe und mütterlichem Feingefühl aus, während Aniello Saggiomo also Sonny und Lennart Christian als Graffiti Pete rollendeckend agieren und Tobias Georg Biermann dem von zwei leichtbekleideten Damen begleiteten Wassereisverkäufer namens Piragüero seine schöne Stimme leiht.

Auch optisch hat „In the Heights“ in Hagen etwas zu bieten: Das gelungene und auf zwei Ebenen bespielbare Einheitsbühnenbild, das einen Straßenzug in den Heights zeigt und die vortrefflichen Kostüme von Ulrike Reinhard werden durch Hans-Joachim Kösters stimmiges Lichtdesign perfekt in Szene gesetzt. Außerdem sorgt die dynamische und erquickliche Choreografie von Sean Stephens, der die Tänzer sogar auf Hoverboards über die Bühne sausen lässt, für einen weiteren visuellen Höhepunkt.

Mit einem scharfen Auge fürs Detail hat es Regisseur Sascha Wienhausen geschafft, allen Charakteren im Latino-Viertel Kontur zu verleihen und sie und ihre jeweiligen Probleme in den Fokus zu stellen. Dabei hat er fließende Szenenübergänge geschaffen, wodurch die Inszenierung ein flottes Tempo und eine schwungvolle Energie entwickelt, was sich von den Protagonisten auf das Publikum überträgt und so ein kurzweiliges Musicalerlebnis garantiert.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze eines Onlinemagazins. Als Regisseur verantwortete er die Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie eine Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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