„Heathers“ (Foto: Stageink)
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Bittersüße Satire: „Heathers“ in Berlin

Das Musical „Heathers“ ist sicher eines der Stücke, das die wenigsten kennen, auch wenn der Titel vielen ein Begriff sein mag. Und es ist nicht das klassische High-School-Musical, an das man vielleicht als erstes denkt, wenn man sich ein wenig mit dem Inhalt beschäftigt. Eher ist es eine bittersüße Unterhaltung, die tiefschwarzen Humor in sich trägt, so dass man sich als Zuschauer ertappt fühlt, wenn man lacht, obwohl einem gar nicht nach Lachen zumute ist.

Es trifft mit seiner Thematik direkt ins Herz und sicher (fast) jeder im Publikum wird sich in Erinnerungen an seine eigene Schul- und Teenagerzeit wiederfinden. Es sind die Themen wie das Streben nach Anerkennung, der Wunsch des Dazugehörens, das Nicht-Erwachsen-Werden-Wollen, Gruppenzwang, Erniedrigung, Verrat, Hass, Hingabe, Liebe, Freundschaft, erste sexuelle Erfahrungen und die Angst vor einer unsicheren Zukunft. Eigentlich alles Themen, die brandaktuell sind – aktueller denn je.

Das Stück mit seinen Texten und Musik entstammt der Feder von Laurence O’Keefe und Kevin Murphy und basiert auf dem gleichnamigen Film von Daniel Waters aus dem Jahr 1988 mit Winona Ryder in der Hauptrolle. 2014 hatte die Show ihre Off-Broadway-Premiere, 2018 kam es zu einer limitierten Spielzeit am Londoner West End.

Der Verein Stageink / Stagies Berlin brachte „Heathers“ unter der Regie und Choreografie von Timo Radünz im März 2019 zur deutschsprachigen Erstaufführung (deutsche Übersetzung: Matthias Busch) und schuf somit ein kleines Meisterwerk, das jetzt seine Wiederaufnahme feierte. Hier stehen Menschen auf der Bühne, die in ihrem alltäglichen Geschäft einer ganz anderen Aufgabe nachgehen als die des Musicaldarstellers, und dennoch singen, tanzen und spielen sie, als ginge es um ihr Leben.

Mit den ersten Takten lernt der Zuschauer Veronica Sawyer kennen – eine kleine, doch etwas graue Maus, die bereits zu Beginn des letzten Schuljahres an der Westerburg High School von dem rettenden Sprung an die Uni träumt. Doch bevor es soweit ist, möchte Veronica unbedingt dazugehören. „Dazu“ bedeutet: Zu den „Heathers“, der einerseits gefürchteten, andererseits verehrten, angebeteten, ja schon beinahe ehrfürchtig geliebten Anführerclique der Westerburg High.

Die „Heathers“, das sind Heather Chandler, Heather McNamara und Heather Duke, haben das Leben an der Schule ganz schön im Griff. Sie versprühen Dominanz und Einschüchterung und sorgen letztendlich dafür, dass Veronica ihre beste Freundin Martha verrät, nur um sich ihnen anzuschließen. Wie weit geht man, um geschätzt und beliebt zu sein? Was tut man alles, um zu glänzen und im Rampenlicht zu stehen? Als Veronica sich dann auch noch in den zwielichten Jason, genannt J.D., verliebt, nimmt das Unheil seinen Lauf und der Sog in den Abgrund beginnt.

Michelle Hoffmann verkörpert Veronica authentisch und wunderbar. Auf der Suche nach Anerkennung und dem Wunsch, endlich dazuzugehören, schafft sie den Wandel von der Außenseiterin zum längeren Arm der Heathers. Diese merken schnell, dass sie Veronicas Gabe, sämtliche Schriftarten zu fälschen, für sich geschickt nutzen können. Michelles Stimme ist klar und weich und überraschend voluminös. Zudem spielt sie mit einer unglaublichen Mimik und Gestik, so dass sie die Lacher im Publikum stets auf ihrer Seite hat.

„Heathers“ (Foto: Katharina Karsunke)

J.D., der geheimnisvolle Neue, fasziniert mit seinem coolen Auftreten und seiner etwas unnahbaren Art. Er schafft es sehr schnell, Veronica in seinen Bann zu ziehen und sie wie eine Klettenpflanze zu umschlingen. Fast schon zu spät bemerkt Veronica, dass J.D. ein manipuliertes, aber vor allem tragisches Spiel spielt, dem eine Person nach der anderen zum Opfer fällt. Ihr wird bewusst, zu welcher Seite sie wirklich gehört und dass sie handeln muss, um eine Katastrophe zu verhindern.  

Kevin Kolodziej ist in der Rolle des J.D. ein wahres Talent. Geschickt schafft er es, die innere Verzweiflung und Tragik seiner Figur zu verkörpern, die sicher nicht so cool ist, wie sie scheint, sondern ein ernstes Problem mit sich trägt. Auch hier stimmen jede Geste, jede fließende Bewegung, jeder Blick, alles untermalt von seiner klangschönen, schlanken Stimme. Er zieht auch das Publikum in seinen Bann – genau wie Veronica, welche sich ihm anfangs nur zu gern hingibt.

Die „Heathers“ werden verkörpert von Franziska Wiethan, Irina Deuble und Nina Knoll. Mit der Nummer „In meinem Zuckerhaus“ gelingt ihnen zu Beginn der große, glitzernde Auftritt und zeigen dem Publikum, mit wem man es hier in den nächsten Stunden vermeintlich zu tun haben wird. Doch die glänzende Fassade bröckelt, als Heather Chandler J.D. als erstes zum Opfer fällt. Ihr Tod rüttelt gewaltig am Auftreten der anderen beiden, übriggebliebenen „Heathers“, die doch letztendlich sehr verloren wirken, in der um sie herum immer schwieriger werdenden Welt.

Timo Radünz ist mit dieser Laienproduktion, die so gar nicht laienhaft ist, ein ganz großer Coup gelungen. Geschickt zieht er den Faden durch das Stück, so dass man als Zuschauer regelrecht in den immer schneller, immer dramatischer werden Strudel mit hineingezogen wird. Zudem spannt er gekonnt den Bogen zwischen Humor und Tragik, weshalb die ganze Inszenierung rund und stimmig und niemals lächerlich wirkt. Jeder einzelne noch so kleine Charakter ist absolut nennenswert, da alle es verstehen, gekonnt die Konturen ihrer Figur zu zeichnen, sowie mit wenig Gestik und Mimik und einer beeindruckenden Präsenz ihre Rollen zum Leben erwecken.

Die Band unter der Leitung von Tobias Meyer, bestehend aus Cello, Bassgitarre, Saxofon und Klarinette, Schlagzeug, Keyboard, Trompete, Flügelhorn, Gitarre und Violine, unterstreicht das Stück mit einem rockigen, in manchen Teilen aber auch sanftem Unterton und hält manchmal genau in den richtigen Momenten inne, so dass einem das Blut in den Adern gefriert.

Das Bühnenbild ist aufgrund von Platzmangel recht schlicht gehalten und besteht meist lediglich aus ein paar Möbelstücken und Kreidetafeln, die gekonnt gedreht und bemalt werden. Viel mehr hat diese Produktion auch nicht nötig: Sie lebt von der Musik, der schwarzen Komik, der herausragenden Mimik und den vergleichsweise starken Stimmen. Die kleinen Tonprobleme am Abend der Wiederaufnahme tun dem Ganzen keinen großen Abbruch.

Und was bleibt am Ende, als der (nicht vorhandene) Vorhang fällt? Ein eindrücklicher und doch sehr unterhaltsamer Theaterabend und ein Stück, das letztendlich den Zahn der Zeit trifft – vielleicht sogar noch mehr als in den 1980er Jahren, als der Film über die Kinoleinwände flimmerte. Selbstmord, Amoklauf, Vergewaltigung, Depression, Mobbing, Homophobie, Bulimie oder auch einfach das Gefühl, zu einer Gruppe nicht so recht dazuzugehören – sind das nicht Themen, die vor allem bei Teenagern in unserer heutigen Gesellschaft aktueller sind denn je? Das Musical „Heathers“ sollte definitiv in Zukunft weiterhin sein Zuhause auf unseren Bühnen finden. Aber vielleicht ist mit der deutschen Übersetzung ja jetzt der Weg dahin ein wenig geebnet worden.

Text: Katharina Karsunke

Katharina Karsunke ist Sozial- und Theaterpädagogin, hat jahrelang Theater gespielt, aber auch Kindertheaterstücke geschrieben und inszeniert. Ihre Liebe fürs Theater und ihre Leidenschaft fürs Schreiben kombiniert sie bei kulturfeder.de als Autorin.

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