„Hair“ (Foto: Bad Hersfelder Festspiele / Klaus Lefebvre)
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Starke Bilder: „Hair“ in Bad Hersfeld

Nachdem die „Titanic“ nun endgültig in Bad Hersfeld versank, ist die Festspielstadt mittlerweile zu Bad Hairsfeld und eine Heimat für Hippies geworden. Mit einem Musical wie „Hair“ kann ein Theater jedenfalls nicht viel falsch machen – das Stück mit dem Buch von Gerome Ragni und James Rado ist weltbekannt, die Musik von Galt MacDermot rockt. Aber: Eine Handlung gibt es nicht wirklich. Die Herausforderung für einen Regisseur muss also sein, entweder einen roten Faden zu spinnen oder aber starke Bilder zu schaffen, um die Botschaft, die es bei „Hair“ durchaus gibt, klar zu transportieren. Die Bad Hersfelder Festspiele haben dafür jedenfalls einmal mehr auf den richtigen Mann gesetzt: Gil Mehmert hat seine zuvor schon am Münchner Gärtnerplatztheater gezeigte Inszenierung des Tribal-Love-Rock-Musicals gelungen für die Aufführung in der Stiftsruine adaptiert.

Mehmert zeigt eine Reise durch die amerikanische Popkultur, lässt Ikonen wie Andy Warhol, Jackie Kennedy, Clint Eastwood oder Janis Joplin auftreten, aber auch Scarlett O’Hara und Abraham Lincoln. Seine Inszenierung gleicht einer Hommage an Woodstock, was sich auch in dem kargen Bühnenbild von Jens Kilian mit den beiden großen Scheinwerfergerüsten – dazwischen die zehnköpfige Band platziert – widerspiegelt. Es ist eine Hommage an Liebe, Frieden und Freiheit, an die Hippie-Bewegung und die Zeit der Flower-Power.

Für seine Hommage hat Gil Mehmert starke Bilder geschaffen: Zu Beginn des Stücks schickt er seinen Hauptcharakter Berger (Riccardo Greco) im Weltraumanzug (zeitgemäße Kostüme: Damar Morell) zu den Hippies, kurz darauf folgt Claude (Christoph Messner), der seinen Einberufungsbefehl erhalten hat und jetzt nicht mehr Mensch, sondern nur noch eine Nummer ist. Und auch auf die obligatorische Nacktszene verzichtet der Regisseur nicht. Hat diese bei der Uraufführung vor 50 Jahren noch schockiert, so echauffiert sich heutzutage kaum noch jemand über nackte Schauspieler auf einer Bühne.

Doch ihre Wirkung verfehlt das Bild nicht, wenn alle Charaktere bei einer Demo auf der komplett hell ausgeleuchteten Bühne völlig nackt für mehrere Minuten einer Polizistenriege gegenübertreten. Was für ein schöneres Bild für einen friedlichen, stillen Protest könnte es noch geben?! Gelungen ist allerdings auch der Schluss, wenn alle Darsteller in der entsprechenden Kleidung vom oberen auf den unteren Bühnenbereich springen wie die Fallschirmjäger aus einem Flugzeug, später ihre Soldatenhelme ablegen und darin weiße Blumen pflanzen.

Symbolträchtige Bilder zu schaffen, versteht Gil Mehmert also nur zu gut, genauso wie Melissa King es schafft, das Lebensgefühl von „Hair“ in ihrer rasanten und energiegeladenen Choreografie wiederzugeben. Doch sind es nicht nur Regie und Choreografie, die „Hair“ in Bad Hersfeld auszeichnen. Es sind genauso die durchweg starken Darsteller – allen voran Riccardo Greco als Berger, der schauspielerisch einen charismatischen Anführer gibt und gesanglich mit seiner Rockröhre vollends zu überzeugen weiß. Ihm in nichts nach steht Christoph Messner als Claude, der Konflikte austrägt und sich sehr stark entwickelt. Doch auch Bettina Mönch (hier zum Interview) enttäuscht nicht. Im Gegenteil: Als Sheila gehört ihr mit „Easy to be hard“ nicht nur der stärkste musikalische Moment des Abends, sie beeindruckt auch durch Bühnenpräsenz und authentisches Schauspiel – insbesondere, wenn sie ganz allein nackt mit ihrer Gitarre auf der Bühne zurückbleibt.

Den zweiten musikalischen Höhepunkt liefert Martina Lechner, die die schwangere Jeanie hingebungsvoll spielt, mit ihrer starken Interpretation des Songs „Air“. Eine hörenswerte Leistung bringt auch Nils Klitsch als Woof mit dem Song „Sodomy“, während Victor Hugo Barreto als Hud für große Tragik sorgt, wenn er seine Familie verstößt. Ebenso exzellent agieren Kerstin Ibald und Thorsten Krohn als Claudes spießbürgerliche Eltern.

Für die perfekte musikalische Ausgestaltung sorgt eine zehnköpfige Band unter der versierten Leitung von Christoph Wohlleben, die in der besuchten Vorstellung gerade im ersten Akt zwar noch etwas zu leise über die Lautsprecher kommt, aber dann im zweiten Akt ihre Wirkung nicht verfehlt – so wie das Musical „Hair“ auch 50 Jahre nach seiner Uraufführung seine Wirkung nicht verfehlt. Es mag nicht das beste Musical sein, aber es hat zeitlose Musik und eine wichtige Botschaft, die heute aktueller denn je ist: Make love, not war!

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp arbeitet als Journalist, Produzent und Regisseur. Er hat für bekannte Musicalmagazine geschrieben und stand viele Jahre als Chefredakteur an der Spitze eines Onlinemagazins. Als Regisseur verantwortete er die Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie eine Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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